Abhängigkeit von China ist für Europa und Österreich größer als gedacht
Neue Studie: Verborgene Abhängigkeiten – steigende Engpassrisiken bei seltenen Erden bedrohen Österreichs Schlüsselindustrien.
- EU und China kündigten am 24. Juli neue Exportregeln für seltene Erden an – dennoch bleibt Lage für Europas und Österreichs Industrie kritisch und unterschätzt.
- Studie zeigt bislang unterschätzte, verborgene Abhängigkeiten bei seltenen Erden – diese betreffen vor allem kritische Zwischenprodukte und nicht nur Rohstoffzugang.
- Seit 2007 haben sich globale Handelsrisiken deutlich verschärft – Europa, die USA und Österreich besonders gefährdet.
- Ohne alternative Bezugsquellen und eigene Verarbeitungskapazitäten drohen systemische Ausfälle entlang der Lieferketten – trotz vorhandener Rohstoffe.
- China kontrolliert 91 % der Verarbeitung seltener Erden – und damit Europas Zukunftstechnologien; Abhängigkeit wird bis 2040 bei 85 % bestehen bleiben.
Die Versorgungslage bei seltenen Erden wird für Europa und Österreich aufgrund der starken Abhängigkeit von China zunehmend kritisch. Eine neue Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) zeigt verborgene Abhängigkeiten entlang der Lieferketten von seltenen Erden auf: Die Versorgung mit seltenen Erden ist nicht nur bei den Rohstoffen selbst, sondern vor allem bei kritischen Zwischenprodukten wie Magneten gefährdet, für die seltene Erden verarbeitet werden müssen. Diese Produkte sind essentiell für Zukunftstechnologien wie E-Mobilität, Windkraft und Hightech-Elektronik – ihre Verarbeitung wird jedoch fast vollständig (91 %) von China kontrolliert. Laut Studie birgt diese Abhängigkeit bislang unterschätzte Risiken: Schon geringe geopolitische Spannungen, Exportstopps oder logistische Engpässe können Lieferketten unterbrechen und ganze Produktionsausfälle auslösen. Die Studie analysiert globale Handelsnetzwerke rund um 168 rare-earth-bezogene Produktgruppen in 170 Ländern von 2007 bis 2023 und zeigt dabei bislang übersehene systemische Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Rohstoffabbau bis zur Produktion – auf, die herkömmliche Kennzahlen oft nicht erfassen.
„Viele Industrienationen wie Europa und die USA sind stark von wenigen Lieferländern für kritische Vorprodukte auf Basis seltener Erden abhängig und verfügen kaum über eigene Verarbeitungskapazitäten. Diese strukturelle Abhängigkeit birgt massive systemische Risiken: Bereits kleine Störungen in den mittleren Verarbeitungsstufen können ganze Produktionslinien lahmlegen. Ohne gezielte Investitionen in eigene Verarbeitungskapazitäten, strategische Partnerschaften und eine Diversifizierung der Bezugsquellen droht langfristig der Verlust technologischer Souveränität und der Zugang zu Zukunftsmärkten“, erklärt Studienautor und ASCII-Direktor Peter Klimek.
Verborgene Abhängigkeiten: Lieferengpässe bei seltenen Erden nehmen weltweit zu Zwischen 2007 und 2023 haben sich die Risiken für Handelsengpässe bei seltenen Erden weltweit verschärft. Besonders betroffen sind kritische Zwischenprodukte wie Magnete, Spezialkeramiken oder Legierungen. Sie sind für Zukunftstechnologien unerlässlich, technisch komplex, schwer ersetzbar und werden meist nur von wenigen Ländern und Unternehmen gefertigt – was die Abhängigkeit deutlich erhöht.
„Diese verborgenen Abhängigkeiten werden oft unterschätzt, weil viele Länder sich nur auf den Rohstoffzugang konzentrieren. Seit 2007 nehmen die dadurch entstehenden Verwundbarkeiten in den Lieferketten aber erheblich zu“, warnt Klimek. „Entscheidend für technologische Unabhängigkeit ist der Ausbau industrieller Verarbeitungskapazitäten. Fehlen diese, blockieren strukturelle Schwächen langfristig den Aufbau von Exportindustrien in zentralen Zukunftsbereichen.“
Österreich, Europa und USA besonders gefährdet – Umdenken in Rohstoffstrategie nötig Laut aktueller ASCII-Studie zählt Österreich gemeinsam mit der EU, den USA, Taiwan und Südkorea zu einer Gruppe fortschrittlicher Volkswirtschaften, die besonders anfällig für Lieferengpässe bei kritischen Vorprodukten auf Basis seltener Erden sind – etwa bei Seltenerdmagneten, die für die heimische Automobilzulieferbranche zentral sind. Unabhängig vom Rohstoffzugang können solche Engpässe ganze Produktionslinien gefährden. Das systemische Risiko nimmt seit 2007 in Österreich stetig zu.
„Österreich bezieht viele kritische Vorprodukte aus wenigen Ländern – oft ohne Alternativen. Diese Importkonzentration ist ein Warnsignal für die Resilienz der Industrie und hemmt langfristig die Exportstärke erheblich. Ein Umdenken in der Rohstoffstrategie ist dringend nötig: Nicht der Zugang zu seltenen Erden ist das größte Problem, sondern unsere mangelnden Möglichkeiten, sie zu verarbeiten. Österreich muss gezielt in industrielle Verarbeitungskapazitäten und internationale Partnerschaften investieren, um seine technologische Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern“, so Studienautor Markus Gerschberger, stellvertretender Direktor des ASCII.
China dominiert gesamte Magnet-Wertschöpfungskette – und damit Europas Zukunftstechnologien
Laut Studie liegt das größte Risiko nicht im Rohstoffzugang, sondern in Chinas dominierender Rolle bei der Weiterverarbeitung: Das Land kontrolliert 91 Prozent der weltweiten Verarbeitung seltener Erden (Stand 2024) und alle kritischen Stufen der Wertschöpfung. Besonders deutlich wird diese strategische Abhängigkeit bei Permanentmagneten, die für E-Autos, Windturbinen und Robotik unerlässlich sind: China dominiert rund 58 Prozent des Abbaus der dafür nötigen seltenen Erden und rund 92 Prozent der Produktion – der Stufe mit dem höchsten Wertschöpfungsanteil. Besonders gravierend ist die Abhängigkeit für die EU: 98 Prozent aller EU-Importe entlang der Magnet-Wertschöpfungskette stammen aus China.
Auch Österreich ist stark abhängig: 2023 importierte das Land Permanentmagnete im Wert von 46,9 Millionen Euro – etwa die Hälfte davon (im Wert von 21,2 Millionen Euro) direkt aus China. Der Großteil der übrigen Importe stammt aus Ländern, die wiederum selbst stark von chinesischer Vorleistung abhängig sind. Die indirekten Handelsabhängigkeiten übersteigen damit die direkten deutlich und machen Österreich besonders anfällig für geopolitische Spannungen und exportseitige Störungen entlang der Magnet Wertschöpfungskette. Diese Verwundbarkeit wiegt umso schwerer angesichts des dynamisch wachsenden Bedarfs: Der weltweite Bedarf an Permanentmagneten wird laut European Raw Materials Alliance (2021) voraussichtlich von 5.000 Tonnen im Jahr 2019 auf bis zu 70.000 Tonnen pro Jahr bis 2030 steigen – ein vierzehnfacher Anstieg innerhalb nur eines Jahrzehnts. Für die Mobilitätswende und Industrieautomatisierungen sind diese Magneten unverzichtbar.
„Trotz Initiativen wie dem EU-Rohstoffgesetz und Investitionen in neue Abbauprojekte innerhalb Europas wird die strukturelle Abhängigkeit von China bis 2040 voraussichtlich bei über 85 % bestehen bleiben. China beherrscht vor allem die kritischen Zwischenstufen in der Produktion. Damit ist das Land längst nicht mehr nur ein Rohstofflieferant, sondern ein strategischer Gatekeeper mit erheblichem Einfluss auf die globale Versorgung mit Schlüsseltechnologien und somit Europas wirtschaftliche Zukunft“, schließt Gerschberger.
Über die Studie:
Die Studie „Systemic Trade Risk Suppresses Comparative Advantage in Rare Earth Dependent Industries“ untersucht globale Handelsnetzwerke rund um seltene Erden in 170 Ländern zwischen 2007 und 2023 und zeigt, wie systemische Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Rohstoffen über Vorprodukte bis zu Endprodukten – die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften gefährden. Dabei offenbaren sich strukturelle Schwächen, die mit herkömmlichen Kennzahlen oft nicht sichtbar sind. Die Studie und den Policy Brief finden Sie auf der Homepage des ASCII hier.

Über das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII)
Das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) ist ein unabhängiges, weltweit führendes Lieferketteninstitut für interdisziplinäre, datengetriebene Analysen globaler Produktions- und Logistiknetzwerke – mit dem Ziel, resiliente, nachhaltige und zukunftsfähige Lieferketten zu gestalten. Das Institut wurde als Forschungs-Joint Venture vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) gemeinsam mit dem Complexity Science Hub (CSH), dem Logistikum der Fachhochschule Oberösterreich und dem Verein Netzwerk Logistik (VNL) gegründet.
Kontaktpersonen:
Wissenschaft: Peter Klimek, Direktor des ASCII
peter.klimek@ascii.ac.at, +43 680 11 02 447
Presse: press@ascii.ac.at, +43 664 25 41 320



