Chinas E-Commerce-Boom: Lager & Transportlogistik benötigt.

Der Boom im E-Commerce im Land der Mitte hat zu einem Mangel an Lagerhäusern und Transportlogistik geführt. Da der Transport einen Anteil von ca. 50 Prozent an den Logistikkosten hat, sind insbesondere Lagerhäuser nahe beim Kunden gefragt. Der Ausbau der Logistik und Lagerhauskapazität ist im Gange.

Redaktion: Dirk Ruppik

Der Wettbewerb der zwei chinesischen Internetgiganten Alibaba und JD.com um Marktanteile im Land der Mitte weitet sich zunehmend auf den Logistikbereich aus. Laut dem amerikanischen The Wall Street Journal investiert JD.com immer mehr in hoch automatisierte Lagerhäuser. Das eigene Logistiknetzwerk umfasst bereits 15 Logistikparks, mehr als 500 Lagerhäuser, rund 7000 Auslieferungs- und Pickup-Stationen sowie 250000 Transport- und Lieferwagen.

In abgelegene ländliche Gebiete liefert der Internet-Händler bereits via Drohne. Zudem werden Pakete auch auf Linienflügen befördert. Alibaba dagegen besitzt die Mehrheit der Anteile am Logistiknetzwerk Cainiao. Im Mai letzten Jahres kaufte die Alibaba Holding zusammen mit Investoren zehn Prozent des chinesischen Expresszulieferers ZTO Express im Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar (1,26 Milliarden Euro). Zudem will das Unternehmen weitere Milliarden in seinen Logistikbetrieb investieren. Das E-Commerce-Unternehmen nutzt seit langem Logistiker wie ZTO und Chinas größten Expresszulieferer SF Express.

Logistikkosten bisher hoch Trotz allem belaufen sich die Logistikkosten im Land der Mitte noch auf 15 Prozent des Bruttoinlandproduktes. In entwickelteren Märkten wie den USA liegen die Logistikkosten bei sieben bis acht Prozent. Beim Logistics Performance Index (LPI) liegt Hong Kong auf Platz neun, China auf Platz 27 und Deutschland sowie die USA auf Platz eins und zehn.

Beim LPI werden Kriterien wie Infrastruktur, Zollabfertigung, Dienstleistungsqualität und Pünktlichkeit, u. a. berücksichtigt. George Yeo, ehem. Vorsitzender des Kerry Logistics Network, beklagt die hohen Mautgebühren im größten Mautstraßensystem der Welt – Länge rund 160000 km. Viele Prozesse in der Paketabfertigung basieren bisher noch auf Handarbeit. Daher muss dringend automatisiert werden, um die Arbeitskosten zu senken.

Ende März kündigte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua weitere Maßnahmen zur Senkung der Logistikkosten und zur Verbesserung der Transporteffizienz an. Laut dem Sprecher Wu Chungeng soll die Effizienz in den nächsten drei Jahren u. a. durch die Beschleunigung des Ausbaus eines umfassenden Transportnetzwerkes, die Förderung des multimodalen Transports und die Ausweitung des elektronischen Mautgebührensystems erfolgen. Das Transportministerium wird die Eisenbahn-, Straßen- und Wasserweg-Transportsysteme ausbauen und die Struktur optimieren. Weiterhin soll das Netzwerk der Logistikhubs ausgebaut werden.

Wu sagte auch, dass technologische Innovationen wie das „Internet Plus Logistikmodell“ und die Konsolidierung von Informationsplattformen für Transport und Logistik vorangetrieben werden sollen. In diesem Rahmen wird laut des Premiers Li Keqiang eine intensive Integration der Informationstechnologie wie Internet, Big Data und Cloud Computing mit der Logistik angestrebt, um die Transformation und den Ausbau der Logistikindustrie und der chinesischen Wirtschaft zu fördern. In 2019 ist gemäß Xinhua geplant, gleichzeitig die Logistikkosten um 120,9 Milliarden Yuan (15,4 Milliarden Euro) zu senken. China hat hier bereits in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht.

Logistikbetreiber folgen Online-Konsum.
„Es ist wichtig die Distanz zwischen Lagerhaus und Verbrauchern zu reduzieren“, sagte Victor Mok, Co-Präsident China bei Global Logistic Properties (GLP). GLP besitzt 30 Millionen m² Lagerhausfläche und ist damit der größte Lagerhausbetreiber in China. Bisher fokussierte das Unternehmen auf Großstädte wie Peking, Schanghai und Shenzhen. Logistikbetreiber folgen nun aber dem Online-Konsum an Gütern hin zu kleinen Inlandsregionen. In größeren Ballungsräumen wurde das für die industrielle Entwicklung zur Verfügung stehende Land bereits limitiert. Daher ging das Investment dort gewaltig zurück. Gleichzeitig ist die Kapitalanlage in Logistik-immobilien in den letzten Jahren für private Investoren wie Versicherungsunternehmen und Investmentfonds immer attraktiver geworden. Es ist also zu erwarten, dass das Kapital in den Bau von Logistikimmobilien wie Lagerhäuser in ländlichen Regionen fließt.

Letztes Jahr brachte JD.com 2,5 Milliarden US-Dollar (2,3 Milliarden Euro) zusammen mit Teilhabern wie Tencent, dem Versicherungsunternehmen China Life und der Wagniskapitalfirma Sequoia auf, um die Logistiksparte JD Logistics (seit April 2017 selbstständiges Unternehmen) auszubauen. Mit dem Kapital wurde das Logistikangebot um Lagerhausbetrieb und Zulieferdienste auf der „letzten Meile“ erweitert. Laut Zhang Chen, Technischer Direktor bei JD.Com, geht es darum, dass effizienteste nahtlose Netzwerk – vom Kunden über die Supply Chain bis zur Logistik – aufzubauen. „Unsere Entscheidung frühzeitig ein eigenes logistisches Netzwerk zu entwickeln, hat den Weg zur heutigen industriellen Führerschaft für JD Logistics geebnet“, erklärt Richard Liu, Vorsitzender und Geschäftsführer von JD.com.

Nach wie vor müssen Alibaba und auch JD.com Lagerhausplatz anmieten. Zudem geht der Trend zu sog. extrem automatisierten Smart Warehouse, um Arbeitskräfte und damit Löhne einzusparen und die Effizienz zu erhöhen. Beide Internethändler besitzen bereits „unbemannte“ roboterbetriebene Lagerhäuser (JD.com: warehouse “No1. Asia”, Cainiao: „Wuxi warehouse“).

Das Online-Shopping im Land der Mitte wächst beständig, ist aber laut Handelsministerium immer noch für weniger als 20 Prozent des chinesischen Gesamtkonsums verantwortlich. Alibaba wie auch JD.com vertreiben ebenso Lebensmittel über ihre Offline-Supermärkte Hema und 7FRESH. Der Alibaba-Hema-Supermarkt fungiert zudem als Fulfillment Center. Von den Angestellten werden auch Online-Bestellungen bearbeitet. Für die Versorgung dieser Supermarktketten sind spezielle Lagerhäuser (Food-Grade) nötig, die extremen Anforderungen unterliegen. Meist sind diese Lagerhäuser hochautomatisiert, wie z. B. das vollautomatisierte JD Warehouse in Shanghai.

Veränderte Nachfrage, chinesische Werte.
Die Nachfrage chinesischer Konsumenten hat sich in den letzten zehn Jahren gravierend verändert. Laut Tom Doctoroff, Buchautor und Experte für chinesisches Konsumentenverhalten, „sind die chinesischen Verbraucher lang nicht mehr so eindimensional wie früher. Die Nachfrage wird zunehmend durch Leidenschaften und digitale Technologie geformt.“ Doctoroff führt weiter aus: „Die Hälfte aller Chinesen ist nach 1990 geboren. Die jungen Chinesen sind viel mehr daran interessiert, sich durch Leidenschaften und Interessen zu definieren. Die meisten E-Commerce-Plattformen besitzen eine soziale Komponente. Chinesen lieben es, Gedanken und Ideen (auch über Produkte) auszutauschen und sich einer Subkultur bzw. einem Stamm zugehörig zu fühlen. Es existiert immer noch eine große Lücke zwischen der Traumidentität und was der Einzelne wirklich sein kann.“ „Die Konsumenten werden weiterhin durch die Grundsätze der chinesischen Gesellschaft angetrieben. Chinesen wollen Stabilität und anderseits ihren Status zur Schau stellen“.

Folgerichtig haben Experten und Geschäftsleute auf der durch Alibaba ausgerichteten Konferenz Gateway ‘17 in Detroit (Juni 2017) Produkte bestimmt, die bei Chinesen momentan hoch im Kurs stehen. Aufgrund der hohen Qualität ausländischer Güter sind dies
Schuhe, Kleidung (Umstandskleidung und Baby Accessoires), Schmuck, Makeup sowie Hautpflegemittel. Chinesen werden immer gesundheitsbewusster. Daher sind Vitamine, gesunde Nahrungsmittel und Babynahrung, Produkte für die Stillzeit, Säfte, Superfood und -snacks, frische Nahrungsmittel sowie natürliche Pflege- und Reinigungsmittel sehr gefragt. Darüber hinaus besteht großes Interesse an ausländischem Qualitätswein, Sportartikeln und originellen elektronischen Geräten. (DR)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 4/2019

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