Die neue Ära der Lieferketten: KI-getrieben vernetzt und strategisch resilient
USA und China im Machtgefüge: Lieferketten müssen strategisch flexibel sein und eine klare Risikosteuerung haben.
Beim 3. International Supply Chain Community Meeting (ISCM) des VNL (Verein Netzwerk Logistik) im Schloss Schönbrunn in Wien wurde in den sehr intensiven Diskussionen deutlich, wie sehr Technologie, geopolitische Dynamiken und neue Kompetenzprofile die Zukunft globaler Lieferketten prägen. Globale Lieferketten (= Supply Chains) stehen vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Geopolitische Rivalitäten zwischen den USA und China erhöhen die Komplexität, während Unternehmen widerstandsfähiger, diversifizierter und strategisch flexibler werden müssen. Ein Highlight der Veranstaltung war der tiefgehende Einblick in moderne digitale Supply-Chain-Architekturen. Gezeigt wurde, wie KI, Automatisierung und Robotik Planung, Steuerung und Netzwerkintegration auf ein neues Niveau heben – von langfristigen Bedarfsprognosen über digitale Zwillinge bis hin zu hochdynamischen Fulfillment-Prozessen. Der entscheidende Unterschied: Entscheidungen werden konsequent vom Kundenbedürfnis rückwärts gedacht. Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Flexibilität stehen im Vordergrund, während Mensch und Maschine als komplementäres Team agieren – KI für Präzision und Skalierbarkeit, Menschen für Ausnahmen, Kontext und kontinuierliche Verbesserung. Der Blick in die Zukunft verdeutlichte, dass moderne Lieferketten sich zu End-to-End-gesteuerten, KI-gestützten Netzwerken entwickeln. Standardentscheidungen werden automatisiert, während Menschen sich auf Ausnahmen, strategische Steuerung und Wertschöpfungsdesign konzentrieren. Neue Rollen entstehen, Silos weichen integrierten Prozesslandschaften, und Co-Creation (d.h. die gemeinsame Entwicklung von Produkten, Dienstleistungen oder Ideen) wird zum entscheidenden Hebel für Geschwindigkeit und Innovationskraft.
Zentrale Erkenntnis des ISCM 25
Die Lieferkette der Zukunft ist ein lernendes, resilientes System. Sie verbindet KI mit menschlicher Urteilskraft, Effizienz mit Nachhaltigkeit und Datenintelligenz mit strategischem Weitblick. Wer diesen Dreiklang beherrscht, schafft nicht nur robuste, sondern wegweisende Wertschöpfungsnetzwerke. Franz Staberhofer (ISCM-Gründer, VNL-Obmann und ASCII-Vizepräsident) resümierte über die Veranstaltung: „Das ISCM 2025 hat eindrucksvoll gezeigt, wie sich die globale Lieferkettenwelt verändert: Digitale Technologien, Künstliche Intelligenz und nachhaltige Strategien werden zum neuen Fundament resilienter Supply Chains. Gleichzeitig verlangen geopolitische Entwicklungen, neue Kompetenzprofile und eine anspruchsvolle nächste Generation von Fachkräften ein radikales Umdenken. Wer jetzt vernetzt, datengetrieben und verantwortungsvoll handelt, sichert die Wettbewerbsfähigkeit von morgen. Supply Chain Management verhindert nervöses Reagieren und bringt Souveränität!“
Künstliche Intelligenz ist Motor
Der Themenblock „Künstliche Intelligenz und Supply Chain Management“ zeigte beim ISCM 2025 eindrucksvoll, wie KI die Gestaltung moderner Lieferketten revolutioniert. Anhand aktueller Entwicklungen bei Amazon wurde deutlich, welche Potenziale intelligente Systeme heute freisetzen: Präzise Prognose-Algorithmen erlauben es, Kundenbedarfe nahezu punktgenau vorherzusagen, während digitale Zwillinge eine virtuelle Echtzeitabbildung des gesamten Logistiknetzwerks schaffen. Dadurch kann das Unternehmen entlang der gesamten Supply Chain dynamische, datenbasierte Entscheidungen treffen und sein Lieferversprechen zuverlässig einhalten.
David Schwendemann, Solutions Architecture Manager Manufacturing bei Amazon Web Services (AWS), und Carsten Koch, Global Account Manager Groceries bei AWS, gaben Einblicke in diese technologischen Fortschritte und zeigten, welche Erfolgsfaktoren künftig über die Leistungsfähigkeit digitaler Lieferketten entscheiden. David Schwendenmann betonte: „Mit über 25 Jahren Erfahrung in der Anwendung von Machine Learning optimiert Amazon kontinuierlich kritische Supply-Chain-Funktionen wie Nachfrageprognosen, Bestandsplatzierung und Routenplanung für ein Netzwerk von mehr als 700 Logistikzentren weltweit. In Echtzeit werden Millionen von Datenpunkten analysiert, um für jede Kundenbestellung das optimale Fulfillment Center auszuwählen und dabei sowohl Lieferversprechen als auch Kosteneffizienz zu maximieren. Diese fortschrittlichen ML-Modelle, die auf AWS-Infrastruktur laufen, ermöglichen es Amazon, täglich über 9 Milliarden Artikel termingerecht auszuliefern und gleichzeitig den CO2-Fußabdruck durch optimierte Fahrzeugauslastung zu reduzieren. Die digitale Supply Chain transformiert traditionelle, reaktive Lieferketten in proaktive, selbstoptimierende Netzwerke, indem sie fragmentierte Datensilos durch eine einheitliche Datengrundlage ersetzt, manuelle Entscheidungsprozesse durch KI-gestützte Analysen automatisiert und isolierte Abteilungsprozesse durch orchestrierte, funktionsübergreifende Workflows verbindet. Das befähigt Unternehmen, dass gleichzeitig Betriebskosten gesenkt, Bestandsgenauigkeit erhöht und Kundenzufriedenheit durch zuverlässigere Lieferversprechen gesteigert werden.“
USA und China: Wirtschaftliche Rivalität mit globalen Folgen
Beim ISCM 2025 wurde auch über die geopolitischen Spannungsfelder zwischen den USA und China sowie deren Bedeutung für europäische Unternehmen diskutiert. Franz Rössler (österreichischer Wirtschaftsdelegierter, AußenwirtschaftsCenter Peking der Aussenwirtschaft AUSTRIA) und Irene Lack-Hageneder (Regionalmanagerin Nord und Lateinamerika, Aussenwirtschaft AUSTRIA) gaben dabei einen umfassenden Überblick über globale Markttrends und die aktuelle wirtschaftliche Lage sowie deren Auswirkungen auf das Supply Chain Management. Im Mittelpunkt stand der Austausch von Erfahrungen und Informationen sowie eine Diskussion darüber, wie Unternehmen zentrale Herausforderungen im Supply Chain Management erfolgreich meistern können.

Irene Lack-Hageneder: „Die Neuausrichtung der US-Handelspolitik und geopolitische Veränderungen stellen globale Lieferketten und das transatlantische Verhältnis vor neue Herausforderungen. Die USA sind und bleiben aber trotz Herausforderungen bedeutender und Handelspartner mit Potential für österreichische Unternehmen.“ Franz Rößler: „China hat sich von der billigen Werkbank der Welt zum Hub globaler Wertschöpfungsketten weiterentwickelt, technologisch will China führen, statt nur aufzuholen. Für die österreichische Wirtschaft ist es umso wichtiger, sich jetzt mit China als Wirtschaftspartner zu beschäftigen. Mit über 30 % der Weltproduktion und weiteren globalen Ambitionen gibt es für die österreichische Wirtschaft keinen anderen Weg, als sich mit dem Wirtschaftspartner China zu beschäftigen, Trends zu verfolgen und Partnerschaften oder eine Präsenz vor Ort sicherzustellen.“
Digitale Stärke als Schlüssel
Der Themenblock zur Digitalisierung des Supply Chain Managements machte beim ISCM 2025 deutlich, dass digitale Technologien längst zu einem strategischen Erfolgsfaktor geworden sind. Echtzeitdaten, automatisierte Prozesse und vernetzte Systeme gelten heute als Grundlage für wettbewerbsfähige, widerstandsfähige und agile Lieferketten. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, bestehende Strukturen kritisch zu prüfen und die digitale Transformation konsequent voranzutreiben. Im Fokus stand zudem das Transportmanagement, vorgestellt von Daniel Prutti, Vizepräsident Logistics Planning und Procurement bei RHI Magnesita, der praxisnahe Einblicke in aktuelle Entwicklungen und notwendige Innovationsschritte gab. Insgesamt verdeutlichte der Beitrag, dass digitale Transformation im SCM nur dann Erfolg bringt, wenn Technologie, Mensch und Prozess ganzheitlich gedacht werden. Strategie, Akzeptanz und interne Zusammenarbeit bestimmen den Fortschritt – nicht das System allein.
Next Generation
Haltung und Mut machen bei den SCM-Nachwuchskräften den Unterschied. Im ISCM 2025 Programmschwerpunkt „Supply Chain Talents“ wurden zentrale Anforderungen an die nächste Generation von Fachkräften im Supply Chain Management vorgestellt. Eine Befragung von SCM- Masterstudierenden im Auftrag des VNL diente als Ausgangspunkt für eine lebhafte Diskussion, die deutlich vor Augen führte: Fachwissen allein reicht längst nicht mehr aus, um in einem dynamischen Umfeld erfolgreich zu sein.
Entscheidend sind heute ein reflektiertes Mindset, Lernbereitschaft, interkulturelle Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Junge Talente müssen komplexe Probleme analytisch erfassen, unterschiedliche Perspektiven integrieren und Lösungen im Sinne des gesamten Unternehmens entwickeln. Besonders betont wurden Persönlichkeitsmerkmale wie Entscheidungsstärke, Durchhaltevermögen, Respekt, konstruktive Fehlerkultur und Zuversicht – Fähigkeiten, die Teamdynamik stärken und nachhaltige Leistungsfähigkeit ermöglichen. Ebenso wichtig ist die Offenheit für technologische Entwicklungen sowie der Wille, Veränderungen aktiv mitzugestalten.
Die zentrale Erkenntnis: Erfolgreiche SCM-Nachwuchskräfte zeichnen sich durch Mut, Eigenverantwortung, Teamorientierung und eine konsequent lösungsorientierte Haltung aus. Wer neugierig bleibt, reflektiert handelt und Herausforderungen beharrlich angeht, wird die Zukunft der Lieferketten maßgeblich mitgestalten. Die Befragung zeigte auch, dass die Supply-Chain-Talente Orientierung suchen und sich von potentiellen Arbeitgebern Entwicklungschancen erwarten, wobei sie selbst eine hohe Leistungsbereitschaft an den Tag legen. Die Mehrheit ist bereit, mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Trotz hoher Wertschätzung für Homeoffice bevorzugen rund 60 % überwiegende Präsenzarbeit, ergänzt durch flexible Remote-Optionen. Nachhaltigkeit wird zwar positiv bewertet, hat jedoch geringe Priorität bei der Arbeitgeberwahl. Ausschlaggebend sind praktische Erfahrungen, frühe Einblicke in Unternehmen und Formate wie Praxisprojekte und Mentoring. Besonders wichtig sind klare Karrierewege, moderne Arbeitskulturen sowie ein Umfeld, das Innovation, Vertrauen und Eigenverantwortung fördert. (RED)



