ECOMLOG25: eCommerce – gekommen, um zu bleiben
Am 29. September fand der 10. ECOMLOG des Logistik express statt. Was vor 10 Jahren noch neu schien, gehört heute zum Alltag – nur mit anderen Herausforderungen. Automatisierung ist ein Muss – da waren sich die Vortragenden einig.
Das Publikum war bunt gemischt wie die Vortragenden: Rainer Will (Handelsverband Österreich), Martin Füll (Logistic Natives), Wolfgang Kubesch (BVL Österreich), Peter Totz (IBL Consulting), Odisseas Zeleskidis (Element Logic), Risto Pfalz (IDIH) und Bernd Kratz (Executive Management Advisors) lieferten mit unterschiedlichsten Schwerpunktthemen Denkanstöße.
Egal, wie schlecht es um die globale Wirtschaft steht, der Konsum endet nicht – Menschen müssen schließlich wohnen, essen und leben. Laut Rainer Will vom Handelsverband betrugen die einzelhandelsrelevanten Haushaltsausgaben im Jahr 2024 78,5 Mrd. Euro – ein nominelles Plus von 1,7 Prozent zum Vorjahr. Was sich jedoch zunehmend ändert, ist, wofür die Österreicher ihr Geld ausgeben: „Konsum wird immaterieller. Freizeit und persönliche Dienstleistungen boomen, beispielsweise für Tiere, Reisen und Wellness. Sowohl Premium- als auch Diskontartikel boomen, die klassische Mitte fällt jedoch weg.“ Der Onlinehandelsanteil stieg im Vorjahr bereits auf 14 Prozent (12,5 Mrd. Euro), wobei heimische Händler gegenüber Großkonzernen aus Fernost an Boden verlieren.
Die Anzahl der B2C Pakete lag bereits bei 225 Millionen Stück – Tendenz stark steigend, Temu, Shein & Co gewinnen täglich Kunden für sich. Am deutlichsten wächst Mobile Commerce, hier betrug das Wachstum satte 28 Prozent. „Pro Jahr scrollen wir durchschnittlich 34 km auf dem Handy“, nennt Will beachtliche Zahlen. Sieht man sich die umsatzstärksten Onlineplattformen an, hat in Österreich Amazon klar die Nase vorne: 4.301,4 Mio Umsatz bedeuten 40 Prozent Marktanteil. Mit Respektabstand dahinter: Zalando (606,6 Mio) und eBay (512,7 Mio). Bedingt durch die US-Zollpolitik kommt es zu massiven Umlenkungseffekten bei asiatischen Händlern. „Während die US-Umsätze von Temu und Shein deutlich sinken, sehen wir einen starken Anstieg innerhalb der EU. Darum sind wir als Handelsverband sehr daran interessiert, die Zollfreigrenze abzuschaffen und zudem eine extra Gebühr für Pakete aus Drittstaaten einzuführen“, plädiert Will. Vorteilhaft wäre nach seiner Meinung auch eine Plattformhaftung für Warende-klarationen, um falsche Auspreisungen zur Steuervermeidung zu verhindern.
Das chinesische Importmodell
Martin Füll ist Berater bei Logistic Natives und als Branchenkenner bestens mit den Vorgängen im E-Commerce-Markt vertraut. „Chinas Anteil am globalen Onlinehandel beträgt mehr als 50 Prozent, geprägt von Plattformen wie Alibaba, JD.com und Pinduoduo. Aber auch beim Cross-Border-E-Commerce setzt das Land mit Anbietern wie Temu, Shein und AliExpress den Standard im schnellen, preisgünstigen Onlinehandel.“ Ausschlaggebend für den immensen Erfolg ist unter anderem die in China vorherrschende digitale Infrastruktur, die neben mobiler Zahlung und Social Commerce modernste Logistik- und Fulfillment-Systeme umfasst. Deutliches Indiz dafür: während in der EU im Jahr 2024 20 Mrd. Pakete versendet wurden (davon 4,5 Mrd. importiert, wobei 90% aus China stammten), betrug das Paketvolumen in China 170 Mrd. Pakete.
„Mit den Paketen nach Europa macht China trotz der niedrigen Preise mehr Profit als lokal, da die nationale Konkurrenz zu groß ist“, erklärt Füll. Neben dem E-Commerce führt das Land aufgrund seines technologischen Vorsprungs inzwischen auch im Bereich E-Commerce Logistik, sowohl bei der Intralogistik als auch bei der Paketlogistik. Längst sind die Zeiten vorbei, wo die Post exklusiv Paketsendungen verteilte. Inzwischen kommen mehr als 80 Prozent der Pakete direkt über die Logistikdienstleister der Onlinehändler. Diese übernehmen die Verzollung, dann wird das Paket kostengünstig an inländische Paketdienste übergeben. Füll: „Die großen Marktplätze und ihre Dienstleister beeinflussen deutlich Tarife und Margen, chinesische Akteure verantworten rund drei Viertel des Wachstums in der EU.“ Während traditionell Pakete im B2B2C Modell in die EU gebracht wurden, gehen chinesische Anbieter jetzt neue Wege: das Factory2Consumer-Modell, wie es Temu und Shein praktizieren. Waren werden dabei in großen Mengen in die EU importiert und basierend auf dem IOSS (Import-One-Stop-Shop) VAT Modell sowie H7 Verzollung (digitale Verzollung für Pakete bis 150 Euro) einzeln verzollt, die VAT kumuliert bezahlt. Die Pakete werden dann zu optimierten Tarifen an einen lokalen oder regionalen Paketdienst übergeben. Nach Europa gelangen die Pakete übrigens im eigenen Flugzeug, weiß Füll: „SF Express wickelt als größter chinesischer Dienstleister die Pakete für Temu ab. Mit 110 Frachtflugzeugen werden 173 Flugrouten bedient und 2,4 Mio Tonnen Luftfracht abgewickelt.“ Eine B747 kann pro Flug 200.000 E-Commerce-Pakete transportieren, oft verfügen die Logistik-Dienstleister über eigene Frachtflughäfen.

Europa ist momentan der wichtigste Exportmarkt für China. „Die Grundlage dafür ist eine extrem effizient automatisierte Intralogistik und völlige Transparenz. Sämtliche Pakete werden geröntgt und jedes bekommt eine GTIN. Diese Technologie fehlt aktuell in Europa“, bedauert Füll. Die Einfuhr nach Europa erfolgt an wettbewerbsfähigen Standorten: neben den Kosten liegen hier vor allem Kapazität und Abwicklungsgeschwindigkeit im Fokus, so werden drei Viertel aller Sendungen via 5 Ländern importiert. Derzeit entsteht beispielsweise in Budapest ein Pakethub zu diesem Zweck. Füll: „Derzeit ist es billiger, ein Paket in Lüttich (Belgien) zu verzollen und nach Wien zu transportieren, als es direkt in Österreich zu verzollen.“ Auch interessant: gibt es keine ansprechenden Dienstleister, beginnen die chinesischen Unternehmen einfach mit
Eigenzustellung, wie aktuell bereits in Mexiko oder Marokko. Zudem macht Food-E-Commerce bereits 25 % des Umsatzes in China aus. Es wird wohl nicht lange dauern, bis auch das zu uns überschwappt.
Wie stützt Automation den E-Commerce?
Seit mehr als 25 Jahren entwirft IBL Consulting maßgeschneiderte Lösungen zur Lagerautomation. E-Commerce bringt andere Herausforderungen mit sich als klassische Handelswarenlager, weiß Peter Totz: „Online gibt es eine endlose Ladenfläche. Das bedingt eine flachere ABC-Kurve, kleinere Bestellungen und ganz andere Marketing-Einflussfaktoren. Die Automation im Lager ist auf einen gewissen definierten Punkt hin konzipiert – beispielsweise auf eine Maximalleistung. Die kurzfristige Änderung eines Lagerlayouts ist aufwändig und teuer.“ Durch Automation lässt sich die Prozessperformance steigern, während gleichzeitig Daten generiert werden. Durch die komplett unterschiedliche Bestellstruktur wird für E-Commerce-Läger eine ganz andere Fördertechnik benötigt, wo beispielsweise 1-Position-Aufträge effizient abgewickelt werden. Da im Vergleich zum stationären Handel beispielsweise im Modebereich kein Lager saisonal geleert werden muss, sind auch keine Abverkäufe zwingend nötig. Dafür gibt es extreme Bestellspitzen, beispielsweise am Singles Day in China, nach dem Ramadan in arabischen Ländern oder zu Weihnachten, wo die E-Commerce-Bestellmengen sich verzehnfachen. „Manuelles Kommissionieren ist zwar flexibel, aber limitiert. Zudem fehlen in manuellen Lägern oft die nötigen Daten. Robotik bringt hingegen manuelle Flexibilität in die Automation“, so Totz. Während Shuttle-Technik gerade bei nötigen Höchstleistungen ideal scheint, scheitert es oft an der Investitionssumme. Welche im Endeffekt die ideale Lösung darstellt, hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab: verfügbarem und Platz, Budget, nötiger Lagerkapazität und Durchsatzgeschwindigkeit sowie auch der Art und Anzahl der Artikel.
Mehr Effizienz im Lager
Beim IDIH, dem Institut des interaktiven Handels, arbeitet ein Team aus erfahrenen Führungskräften der E-Commerce Branche an der Entwicklung maßgeschneiderter Logistikstrategien. „Auch heute arbeiten noch erschreckend viele Unternehmen ohne zuverlässige Lagerverwaltungssysteme, wodurch sie ihr Potential nicht ausschöpfen“, wundert sich IDIH-Geschäftsführer Risto Pfalz. Wobei ein LVS alleine noch keine Optimierung darstellt, es gilt, den optimalen Lagerfluss vorzugeben.
„Ein maßgeschneidertes LVS produziert quasi Pakete“, so Pfalz. Doch bevor es zu einer Optimierung kommen kann, müssen erst aktuelle Kennzahlen (Key Performance Indicators) erhoben werden: SLA, Produktivitätskennziffern, Durchlaufzeiten, Lagerbestände, Umschlagfrequenzen und Auftragsstrukturen beispielsweise. Danach richten sich die Gestaltung der Ausstattung des Lagers sowie der Prozesse, abhängig von den jeweiligen Potentialen. Das Ziel: ein performanter Produktionsprozess, in dem sämtliche Prozesse geplant, geführt, gesteuert und optimiert ablaufen. „Automation ist kein Selbstzweck. Es geht um Produktivität und möglichst geringe Stückkosten. Wichtig ist, nicht nur den Weg innerhalb des Lagers zu optimieren, sondern mittels Paketplanung schon die Beladung effizient zu gestalten“, weiß Pfalz.
Generation Z
Eine Lanze für die Generation Z bricht Bernd Kratz: „Die Generation Z ist mit dem Smartphone aufgewachsen und nutzt ChatGPT als permanenten Wissensgeber. Diese Menschen sind offen für Innovation – diese digitalen Kompetenzen müssen wir nutzen.“ Natürlich gebe es auch Risiken, denn die Gefahr einer Beeinflussung durch Fake-Nachrichten ist stets gegeben. Kratz: „Auffällig ist, dass diese Generation unter großen Zukunftsängsten leidet und als Konsequenz daraus im Jetzt leben möchte, Stichwort Work-Life-Balance.“ Der Wunsch nach flachen Hierarchien sowie Sinnhaftigkeit im Leben sowie in der Tätigkeit ist stark ausgeprägt. Hinzu kommt das Bedürfnis an Flexibilität und regelmäßigem Feedback. Wer all das berücksichtigt, hat durch-aus Chancen, mit dieser Generation dem Arbeitskräftemangel in der Branche zu begegnen.
Seitenblicke | Film ab!
Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion. Fazit: Logistik gilt nach wie vor als Kostenfaktor und wird von der Politik vernachlässigt. So seien Vorgaben, Forderungen, beispielsweise hinsichtlich der CO2 Vorgaben, realitätsfern – ohne entsprechende Ladeinfrastruktur sei etwa der Umstieg auf Elektro-LKW nicht machbar. Während in China die Logistik als Schlüsselkompetenz staatlich gefördert ist, hinkt Europa hinterher und verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Auch auf dem Gebiet der AI, wo in Europa aus Datenschutzgründen Vieles nicht möglich ist. Fakt ist, dass künstliche Intelligenz das Leben verändern wird. Es gilt, den aktuellen Umbruch zu nutzen und aktiv mitzugestalten. (RED)



