Handelskolloquium: Zwischen geopolitischen Verwerfungen und Künstlicher Intelligenz – Impulse für den Handel der Zukunft
Am 26. März 2026 versammelten sich über 400 Branchenvertreter und Politiker zum renommiertesten Handelskongress Österreichs im ehrwürdigen Schloss Schönbrunn. Das 36. Handelskolloquium stand ganz im Zeichen drängender Herausforderungen und zukunftsweisender Chancen.
Von den geopolitischen Spannungen rund um den Iran-Krieg und den steigenden Energiepreisen über die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) bis hin zu innovativen Handelsmodellen wie Agentic Commerce. Die Veranstaltung bot eine Plattform für intensive Diskussionen, praxisnahe Lösungsansätze und inspirierende Innovationen.
Geopolitische Herausforderungen entschlossen begegnen
Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will eröffnete das Kolloquium mit einem klaren Appell: Europa müsse sich den aktuellen geopolitischen Verwerfungen mit Entschlossenheit und Realismus stellen. Die Volatilität in den Lieferketten und die steigenden Energiepreise seien keine vorübergehenden Phänomene, sondern strukturelle Herausforderungen, die eine autarkere EU-Energiepolitik erforderten.
Gleichzeitig kritisierte Will die zunehmende Bürokratie in Österreich, die jährlich 15 Milliarden Euro koste und Innovationen sowie Wachstum hemme. Sein Fazit: „Wir brauchen eine radikale Entbürokratisierung, substanzielle Einsparungen im Föderalismus und faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen.“
Bürokratieabbau und Stärkung des stationären Handels
Staatssekretär Sepp Schellhorn griff diese Forderungen auf und betonte die zentrale Rolle des stationären Handels als sozialer Kitt in den Gemeinden. „Jedes Geschäft, das zusperrt, ist ein verlorenes Geschäft für die jeweilige Gemeinde“, so Schellhorn. Schellhorn kündigte zudem Maßnahmen zur Bürokratie-Reduzierung an und appellierte an alle Akteure, gemeinsam schneller, schlanker und einfacher zu werden, um den Handel nachhaltig zu stärken.

Der Mensch im Mittelpunkt der KI-Ära
Der deutsche Zukunftsforscher Dietmar Dahmen machte deutlich, dass gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz der Faktor Mensch unverzichtbar bleibt. Europa verfüge über Wissen, Talente und Innovationskraft, doch es fehle oft an der Fähigkeit, diese Ressourcen in Tempo und sichtbare Erfolge umzusetzen. „Jetzt ist jetzt an der Zeit zu handeln: Kapital klug einsetzen, Infrastruktur modernisieren, Daten nutzbar machen“, so Dahmen. Nur wer Geschwindigkeit aufnehme, werde im Wettbewerb bestehen.
Künstliche Intelligenz – neue Wege im Handel
In spannenden Diskussionsrunden beleuchteten Experten wie Robert Zniva (FH Salzburg) und Christian Kaupa (Kyndryl) die Auswirkungen von KI auf das Shopping-Erlebnis in Österreich. Dabei steht das Konzept des Agentic Commerce im Fokus – eine Zukunftsvision, in der KI-Systeme eigenständig für Kund:innen einkaufen und so den Handel revolutionieren könnten. Gerald Eder-Schmidinger von CRIF Austria warnte zugleich vor Risiken in den Lieferketten und unterstrich die Bedeutung von Compliance und Transparenz. Mit umfassenden Bonitätsdaten, ESG-Analysen und Monitoring-Tools unterstütze CRIF Unternehmen dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen und zu minimieren.
Innovation-Zapping
Unter der Schirmherrschaft von „offen“ präsentierten vier innovative Scaleups ihre Lösungen: Findable (KI-Startup), crewhub (Plattform für flexible Arbeitskräfte), Leads & Content (Beratungsagentur) und nurdu (Talente-Plattform). Moderiert wurde das Event von Markus Kuntke, Head of Trend and Innovation bei der REWE Group und Leiter des neuen Fachforums „Innovation, Künstliche Intelligenz & Startups“ im Handelsverband.
Next Generation
Utho Creusen von der Universität St. Gallen gab Einblicke in die Erwartungen der Generation Z an den Handel: Eine positive Arbeitsatmosphäre, offene Kommunikation und Teamzusammenhalt sind entscheidend für Motivation und Leistung. Im Zukunftstalk diskutierten Experten über „Hyperphysical Retail“ – den Trend, analoge Einkaufserlebnisse als Gegenpol zur digitalen Reizüberflutung zu suchen. „Ditch the screens! Weniger Technik, mehr Sinneserlebnis und echte Relevanz“, lautete das Credo.
Auszeichnung FMCG-Award
Ein Höhepunkt des Kolloquiums war die Verleihung des „Österreichischen FMCG-Awards“ an die Markenartikelproduzenten Manner, Stiegl und Werner & Mertz. Die Auszeichnungen würdigen herausragende Leistungen in der Markenartikelbranche und wurden vom Markenartikelverband und dem Handelsverband verliehen.
Supply-Chain-Optimierung
Simon Hasenauer und Daniel Nowara von REMIRA zeigten, wie KI-gestützte Lösungen helfen, Lagerbestände zu senken und die Verfügbarkeit zu erhöhen. Als Best Practice diente der österreichische Lebensmittelgroßhändler Transgourmet. Hasenauer betonte: „Die Zukunft des Handels liegt in der Cloud. Skalierbare, moderne Infrastrukturen sind essenziell, um Unternehmen flexibel und zukunftssicher aufzustellen.“
Wirtschaftstalk Special
Im hochkarätig besetzten Wirtschaftstalk diskutierten Bundeskanzler a.D. Alexander Schallenberg und SPAR-Chef Gerhard Drexel über die Zukunft Europas im Handel. Schallenberg plädierte für mehr Optimismus und Selbstvertrauen in Europa, während Drexel ein faires Wettbewerbsumfeld im Onlinehandel forderte. Insbesondere kritisierte er die Flut von Billigpaketen aus China, die den heimischen Handel schwächen. Moderiert wurde der Talk von Österreichs Journalist des Jahres 2025, Köksal Baltaci.
Wissenschaftspreis
Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner überreichte den mit 14.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis des Handelsverbands. Die Auszeichnungen gingen an herausragende Arbeiten zu KI in der Werbung, Retourenmanagement und Größenoptimierung im Modehandel. Holzleitner betonte die Bedeutung von Forschung gerade in geopolitisch schwierigen Zeiten und die Rolle Österreichs als Top-Forschungsstandort in Europa.
Krönender Abschluss
Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch präsentierte den neuen HV eCommerce Award, der erstmals die besten Webshops Österreichs auszeichnen wird – mit Fokus auf Performance, User Experience, Transparenz und Vertrauen. Den stimmungsvollen Abschluss bildete eine Benefiz-Tombola mit attraktiven Hauptpreisen, begleitet von Live-Karikaturen des Schnellzeichners Xi Ding. Die Veranstaltung wurde souverän von Startup-Guru Daniel Cronin moderiert.
Fazit: Das Handelskolloquium 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, wie eng geopolitische Entwicklungen, technologische Innovationen und gesellschaftliche Trends miteinander verwoben sind. Die Herausforderungen sind groß – von Energiekrisen über Bürokratie bis zu globalen Handelsverwerfungen. Doch die Antworten sind ebenso vielfältig: Entbürokratisierung, Digitalisierung, KI-Integration, neue Geschäftsmodelle und ein gestärktes Bewusstsein für den Faktor Mensch. Mit einer klaren Vision, mutigen Entscheidungen und einem gemeinsamen Willen, den Wandel aktiv zu gestalten, kann der österreichische Handel auch künftig erfolgreich, resilient und innovativ sein. Das Handelskolloquium bleibt dafür eine unverzichtbare Plattform des Austauschs, der Inspiration und der Vernetzung. (RED)
LOGISTIK express Journal 2/2026 Handel & Distanzhandel (H&D)



