Lieferketten Umbruch: Fragmentierung statt Globalisierung
Logistiktag der Kühne-Stiftung an der Kühne Logistics University
Die Ära der globalisierten Lieferketten ist vorbei. Was jahrzehntelang als das beste Modell galt – globale Just-in-Time-Lieferketten – ist heute nur noch eine von vielen Optionen.
Unternehmen bauen ihre Lieferketten um: Sie verlagern Produktion in Nachbarländer (Nearshoring), holen sie zurück nach Europa oder in die USA (Re-Industrialisierung) oder setzen auf regionale Partnerschaften. Das Ergebnis: fragmentierte, komplexere und teurere Lieferketten – aber auch resilientere. Und das erfordert eine neue Art zu führen: Führungskräfte optimieren nicht mehr auf Kosten, sondern bringen konkurrierende Ziele wie kurzfristige Rendite und langfristige Stabilität in Einklang. Das war die zentrale Botschaft beim 20. Logistiktag der Kühne-Stiftung am 17. April 2026 an der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg. Mehr als 200 Fach- und Führungskräfte diskutierten unter dem Motto „From Disruption to Direction: Leading the Future of Logistics and Supply Chain Management“, wie Unternehmen unter Unsicherheit navigieren können – und welche neuen Führungskompetenzen dafür nötig sind.
Logistik als Vorreiter mit Ungewissheit
„Disruption ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Norm. Unternehmen brauchen Orientierung und Urteilsvermögen“, sagte Prof. Dr. Andreas Kaplan, Präsident der KLU, zur Eröffnung. „Logistik war schon immer gut darin, Zielkonflikte abzuwägen: Geschwindigkeit versus Nachhaltigkeit, Resilienz versus Effizienz, Automatisierung versus menschliches Urteil. Wenn jemand exzellent aufgestellt ist, in ungewissen Zeiten zu führen, dann sind es die Verantwortlichen in Logistik- und Supply-Chain-Management.“
Globalisierung am Wendepunkt
Prof. John Manners-Bell, Gründer der Foundation for Future Supply Chains, London, und CEO von Ti Insight, skizzierte in seiner Keynote einen Paradigmenwechsel: „Globale Lieferketten haben Millionen aus der Armut befreit und Wirtschaftswachstum vorangetrieben. Doch das Modell ist unter Druck geraten. Lieferketten werden zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt.“ Der Welthandel habe sich in den letzten zehn Jahren durch Protektionismus, Handelskonflikte und geopolitische Spannungen grundlegend verändert. „Global integrierte Lieferketten galten früher als das beste Modell. Heute sind sie nur noch eine von vielen Optionen – neben Re-Industrialisierung, Near-Shoring oder Kreislaufwirtschaft“, so Manners-Bell. Die neuen Modelle seien resilienter, aber komplexer und kostspieliger.

Die Zahlen sprechen für sich: Chinesische Exporte in die USA sanken 2025 um 29,7 Prozent aufgrund von Zöllen, während Exporte aus Südostasien (ASEAN) um 28,9 Prozent stiegen. „Das ist kein Rückgang des Welthandels, sondern eine Umverteilung – Unternehmen bauen ihre Lieferketten aktiv um“, so Manners-Bell.
Beispiel Nike: 1 Milliarde Dollar Mehrkosten
Ein konkretes Beispiel lieferte Manners-Bell mit dem weltgrößten Sportartikelhersteller Nike: Zölle auf chinesische Exporte verursachten dem Unternehmen rund eine Milliarde Dollar Mehrkosten.
Der Anteil der Produktion in China sinkt bei Nike seit Jahren deutlich, während die Produktion nach Vietnam (50 Prozent der Schuhe), Indonesien und auf die Philippinen verlagert wird. „Nike hat eine auf fünf Jahre angelegte Supply-Chain-Transformation gestartet – und steht vor der Wahl: Preise erhöhen, Produktion in andere Teile Asiens, in die USA (Reshoring) oder nach Mexiko im Sinne von Near-Sourcing verlagern oder die Margen senken“, so Manners-Bell. Mit Verweis auf die WTO warnte er: „Wenn Unternehmen nicht wissen, welche Zölle morgen gelten, investieren sie weniger. Das schadet dem Handel – und den Verbrauchern.“
Mit Blick auf den Iran-Konflikt betonte Manners-Bell die Komplexität: „Viele Folgen werden erst in zwei bis sechs Monaten spürbar – von reduzierten Ernten in Afrika durch fehlende Düngemittel bis zu Engpässen in der Chip-Industrie durch fehlende Helium-Exporte.“
Leadership neu definiert: Verantwortung für unsichtbare Strukturen
Dr. Niklas Wilmking, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung und ehemaliger Logistikvorstand bei DB Schenker, fasste zusammen: „Es geht nicht mehr hauptsächlich darum, Waren effizient zu bewegen, sondern strategische Ziele unter Unsicherheit umzusetzen. Die besten Führungskräfte werden diejenigen sein, die Verantwortung für unsichtbare Strukturen und unbequeme Zielkonflikte übernehmen.“ Mit Blick auf KI sagte er: „Der Engpass ist künftig nicht mehr die Rechenleistung, sondern Führung im Sinne von Priorisierung und Verantwortlichkeit.“
Der Logistiktag der Kühne Stiftung wird inhaltlich und organisatorisch von der KLU getragen und fand 2026 auf dem Campus Hamburg in Zusammenarbeit mit HELP Logistics und dem Kuehne Climate Center (KCC) statt. Mehr als 200 Teilnehmende diskutierten beim Tag der Logistik der Kühne-Stiftung in spezialisierten Sessions über KI in der Supply-Chain-Planung, CO2-Entnahme-Technologien, humanitäre Logistik und die Rolle von Elektro-Lkw in Afrika. Ein zentrales Thema: Wie können Unternehmen Resilienz und Nachhaltigkeit vereinbaren – ohne die Kosten explodieren zu lassen? (RED)



