Lieferketten werden instabil
Die EU hat untersuchen lassen, wie es um die Lieferketten deutscher Unternehmen steht. Heimische Logistik-Experten betrachten es ebenson kritisch.
Die EU-Kommission hat mit einer Umfrage unter deutschen Unternehmen deren Lieferketten-Strategien
eruiert. Fazit: Viele Lieferketten sind infolge der Corona-Pandemie gerissen, Beschaffungs- und Absatzmärkte haben sich verändert. Auf der Nachfragerseite von Logistikdienstleistungen fehlen Perspektiven und das bedeutet für Logistiker massive wirtschaftliche und strategische Herausforderungen. Während Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekte vorangetrieben werden bleiben Investitionen in Assets und Nachhaltigkeit aufgrund der wirtschaftlichen Unwägbarkeiten zurückhaltend. Der Fokus der Umfrage richtete sich auf Diversifizierung von Lieferketten, Ausbau der Lagerhaltung, Anpassung von Lieferbeziehungen und flexible Produktion.
„Dass die EU eine Umfrage bei deutschen Unternehmen macht, ist eine Verhöhnung. Deutschland macht vorausseilend ein Lieferkettengesetz und die EU verspricht eines, macht es aber nicht“, hält Franz Staberhofer, Professor am Logistikum Steyr der FH Oberösterreich und Obmann des Vereins Netzwerk Logistik (VNL) seine Kritik nicht hinterm Berg. Mit dem sogenannten Omnibus-Kommissionschlag mache die EU einen Turnaround in einer Form wie man es genau dem US-Präsidenten vorwirft: spontan, zufällig, strategielos und wirtschaftsschädigend.

Der Logistik-Experte sieht bei der aktuellen Entwicklung der Lieferkettenstrategien in den Unternehmen in Handel und Industrie reaktives Verhalten aufgrund des unberechenbaren Verhaltens seitens Amerika und der EU. Was mittelfristig negative Auswirkungen durch mächtige Regelungen mit beliebiger Verlässlichkeit und diffuser Konkretisierung provoziert. Beim Umbau von Lieferkettenstrategien sollten sich Unternehmen auf mittelfristige Lösungen fokussieren und nicht wöchentlich daran herumbasteln. Wenn man die aktuelle US-Politik als unverlässlich kritisiere, so gelte das auch für die EU, die „ebenso unverlässlich agiert, nur die Methode und die Regelungen sind anders, komplex und unrealistisch und daher am Weltmarkt nicht durchsetzbar“, so
Staberhofer.
Änderungen bei Lieferketten haben Auswirkungen für Logistiker, die kosten- und wettbewerbsseitig sehr unter Druck stehen. Staberhofer: „Die Logistiker haben in den letzten Jahren hervorragend verdient und die, die Teil verlässlicher Beziehungen sind, werden weiter gut verdienen“. Wer da nicht mitkommt hat das Nachsehen. Je besser sich die Branche als Teil der Disziplin Logistik sieht und einbringt, umso mehr Chancen habe sie. Bei der Frage nach einem möglichen Ende der Globalisierung durch den US-Protektionismus sieht der Experte auch eine Parallele zwischen EU und Amerika: „Der EU-Green Deal ist ebenso protektionistisch“.
Beim Blick auf die Gegenwart warnt Staberhofer vor Nostalgie, Sehnsucht nach Vergangenem. Es wird jetzt zwei bis drei Null-Lohn-Runden bei den Kollektivertragsverhandlungen brauchen, damit die Branche kostenmäßig bestehen kann. Zudem müssten sich die Leistungsnagebote von Handel, Industrie und Dienstleistern massiv verändern. Ein Produkt verkaufen ohne damit verbundenen Service geht nicht mehr.
Ein Beispiel: IKEA hat bis vor 15 Jahren zu seinen Produkten keinerlei Services geboten, heute hingehen sehr wohl. Wertschöpfungsketten müssen neu gedacht werden und ganz wichtig dabei: „Wer nur die Kosten senkt ohne parallel das andere zu machen versenkt die Zukunft des Unternehmens“.
Professor Sebastian Kummer, Leiter des Instituts für Transport und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, sieht die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und österreichischer Unternehmen derzeit stark auf dem Prüfstand gestellt. Wirtschaftlich umsichtig agieren reicht nicht aus, es braucht die besondere Achtsamkeit auf die Resilienz. Beim Lieferkettenmanagement komme es ganz besonders auf die Transparenz über die Lieferkette an. Kummer: „Dieses Spannungsfeld zu managen ist eine große Herausforderung“. Resilienz kann und muss auf verschiedenen Ebenen geschaffen werden. Beim Design der Lieferketten sind parallele Strukturen und die Anzahl der Lieferanten aber auch deren Standorte und wirtschaftliche Situation zu beachten. Operativ können Lagerbestände und alternative Transportwege helfen. „Was in der Diskussion oft zu kurz kommt, dass ist die persönliche Resilienz, die Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit der Mitarbeiter spielt eine ganz wichtige Rolle“, ist Kummer überzeugt.
Mit der protektionistischen Handelspolitik der USA könnte das Ende der bisher bekannten Globalisierung eingeläutet werden, so die allgemeine Befürchtung vielerorten. Kummer: „Die Gefahr besteht natürlich, allerdings glaube und hoffe ich und es gibt auch Anzeichen dafür, dass die meisten Länder diesen Weg der USA nicht mitgehen. Die Vorteile der Globalisierung für die Weltwirtschaft sind so groß, dass eine Abkehr zu riesigen Wohlfahrtsverlusten führen würde. Glücklicherweise haben die Chinesen ein großes Interesse am funktionierenden weitestgehend freien Welthandel“. (RED)



