Stagnation trotz fiskalischem Rückenwind?
Die deutsche Wirtschaft dürfte 2026 moderat wachsen, getragen vor allem von fiskalischen Impulsen. Für das Verarbeitende Gewerbe könnte der Effekt allerdings begrenzt bleiben, wenn Exportabhängigkeit und strukturelle Standortprobleme weiterhin dominieren.
Selbst bei einem BIP-Wachstum von über 1 % wäre dann nur mit einer Stagnation oder einem leichten Rückgang der Produktion des Verarbeitenden Gewerbes zu rechnen – die Deindustrialisierung würde sich damit 2026 fortsetzen.
Kurzfristige Stimulierung ja, …
Die deutsche Konjunktur wird im nächsten Jahr 2026 Auftrieb durch die Binnennachfrage erhalten. Erwartet wird ein Wachstum des privaten Konsums von rund 1 %. Doch viel entscheidender insbesondere für die kommenden Jahre ist die Fiskalpolitik: Trotz fehlender Priorisierung der Ausgaben bleibt dank Sondervermögen Handlungsspielraum. In diesem Zusammenhang wird viel spekuliert, wie stark der Einfluss auf das Wirtschaftswachstum sein wird. Vor allem von Infrastrukturinvestitionen erhofft sich die Regierung einen hohen Multiplikatoreffekt bzw. eine starke Reaktion der Privatwirtschaft. Dafür wären allerdings weitreichende Reformen notwendig – ohne sie droht, dass viele der Ausgaben das Potenzialwachstum kaum steigern und der Einfluss der Staatsausgaben schnell verpufft. Doch zumindest in den kommenden Jahren wird die Fiskalpolitik für Rückenwind sorgen. So erwartet die Mehrheit der Volkswirte für 2026 ein BIP-Wachstum der deutschen Wirtschaft von um oder leicht über 1 %.
… aber wie groß wird der Einfluss auf das Verarbeitende Gewerbe sein?
Für einen deutliche Auftrieb im Verarbeitenden Gewerbe dürfte die Konjunkturbelebung allerdings nicht ausreichen. Zum einen ist das gesamtwirtschaftliche Plus von rund 1 % alles andere als kräftig. Zum anderen sind eher die Exporte der Treiber für das Verarbeitende Gewerbe als Staatsausgaben oder die Binnennachfrage. So besteht die Gefahr, dass aufgrund des fehlenden Auftriebs spezielle Herausforderungen wie technologische Disruption (Automobil) oder hohe Energiekosten (Chemie) den Produktionsverlauf der Branchen erneut dominieren werden Hinzu kommen übergreifende Themen, wie die mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. So mögen gerade bei einem schwachen Konjunkturbild fehlende Reformen auf der Angebotsseite die größere Hemmschwelle für Wachstum darstellen als die globale Nachfrage. Ob Angebots- oder Nachfrageseite – es fehlen überzeugenden Rahmenbedingungen, die eine spürbare Erholung des Verarbeitenden Gewerbe erwarten lassen.
Allgemeines BIP-Wachstum kein guter Indikator für das Verarbeitende Gewerbe …
Die IKB erwartet für 2026 ein BIP-Wachstum von 1,3 %. Nach dem erneuten Rückgang der Exporte im Jahr 2025 ist angesichts einer gewissen Stabilisierung und leichten Erholung der Euro-Zone von einem Exportwachstum von um die 1 % auszugehen. Vor dem Hintergrund hoher globaler Unsicherheiten bleibt das Prognoserisiko jedoch erhöht – und eher nach unten gerichtet.
Früher war die allgemeine Konjunktur der entscheidende Wachstumstreiber für das Verarbeitende Gewerbe. Dies war nicht überraschend, waren es doch die starken Exporte, die die gesamtwirtschaftliche Dynamik maßgeblich bestimmt haben. Im kommenden Jahr werde hingegen Binnen- und Staatsnachfrage das BIP dominieren. Damit könnte sich der Einfluss des BIP-Wachstums auf die Produktion des Verarbeitende Gewerbe weiter reduzieren.
Denn die Abhängigkeit des Verarbeitenden Gewerbes von der Exportnachfrage hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, der Beitrag des verbleibenden BIP allerdings schon. So zeigen empirische Analysen, dass das allgemeine BIP-Wachstum gerade seit 2018 als Treiber für die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe an Bedeutung verloren hat.

… doch das mag sich ändern
Mit einer spürbaren Stimulierung der Binnennachfrage durch die Fiskalpolitik ist auch eine Gegenbewegung denkbar. So mag das BIP bzw. die Binnennachfrage wieder an Bedeutungen für das Verarbeitende Gewerbe zunehmen – vor allem wenn die Exportnachfrage weiterhin schwach bleibt und Reformen zu stärkeren Privatinvestitionen am Standort führen. Entscheidend ist die Frage, ob und wie weit eine Stimulierung der Binnennach-frage durch höhere Staatsausgaben eine schwache Exportdynamik kompensieren kann.
Um diese Frage zu beantworten hat die IKB ein Modell für die Produktion des Verarbeitenden Gewerbe über zwei Zeiträume geschätzt. Werden für die Schätzung nur die letzten Jahre (2018-2025) berücksichtigt, als die Binnennachfrage keinen Einfluss hatte, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem weiteren Rückgang der Industrieproduktion auszugehen – selbst bei einem Wachstum von über 1 % im Jahr 2026. Werden nur die Exporte berücksichtigt, ergibt sich laut IKB-Schätzung ein Rückgang für das gesamte Verarbeitende Gewerbe um 0,5 % im kommenden Jahr. Schätzungen über den Zeitraum 1991 bis 2025 mit hoher Reformbereitschaft und -umsetzung geben hingegen dem BIP-Wachstum sehr wohl ein Gewicht. In diesem Fall läge das Wachstum eher bei etwa +0,5 %. Die Stimulierung der Binnennachfrage durch den Staat könnte also das Wachstum des Verarbeitende Gewerbe um rund einem Prozentpunkt stützen (Unterschied der beiden Schätzungen nur Exporte -0,5 % und Schätzung BIP und Exporte +0,5 %).
Welche Schätzung für 2026 relevant ist, bleibt offen. Der Erfolg der Fiskalpolitik hängt maßgeblich von Reformen ab. Da sich aktuell keine grundlegende Änderung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland abzeichnet, spricht vieles für einen – wenn überhaupt – begrenzten Einflusses des fiskalischen Wachstumsschubs auf das Verarbeitende Gewerbe. Fehlende Investitionen und Abwanderungen belasten die Produktionskapazitäten am Standort Deutschland – auch im kommenden Jahr. Ohne tiefgreifende Reformen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Jahr 2026 von einem Rückgang oder bestenfalls von einer Stagnation der Industrieproduktion auszugehen. Für 2025 ergibt sich ein Produktionsrückgang des Verarbeitenden Gewerbes von rund 1,5 %.
Ausblick für einzelne Branchen des Verarbeitenden Gewerbes
Die Branchen des Verarbeitenden Gewerbes zeigen weiterhin einen heterogenen Produktionsverlauf. Während die Automobilindustrie im Jahr 2025 nur einen leichten Rückgang verzeichnen dürfte, fällt dieser bei der Chemie, Metallindustrie und im Maschinenbau deutlich stärker aus. Auftragseingänge deuten zwar seit einiger Zeit auf eine Stabilisierung hin. Am aktuellen Rand zeigt sich jedoch eine erneute Spreizung der Indikatoren. So scheint sich die Stimmung in der Chemieindustrie erneut einzutrüben, während sich die Auftragseingänge in der Elektroindustrie und im Maschinenbau positiv entwickelt haben.
Die Prognosen für die einzelnen Branchen sind mit hohem Risiko behaftet. Sowohl Nachfrage- wie auch Angebotsthemen erhöhen die Unsicherheit, und angesichts fehlender Reformen ist das Prognoserisiko klar nach unten gerichtet. Denn die Konjunktur wird für keine Impulse bzw. Stimmungsaufhellung sorgen. Ohne tiefgreifende Reformen gibt es kaum Ar-gumente, warum der seit 2018 geltende negative Trend im Verarbeitenden Gewerbe nicht anhalten sollte (Prognose von -0,5 % für 2026). Wie Abb. 1 zeigt, könnte die fiskalische Stimulierung im kommenden Jahr immerhin eine Bodenbildung unterstützen. Auf Grund-lage einer erwarteten Stabilisierung der Produktion des Verarbeitenden Gewerbes zeigt Tabelle 1 die daraus folgenden Prognosen für ausgewählte Branchen. (RED)



