Strom teuer? Genau darin liegt die Chance: Wenn Kühlhäuser zu Speichern und LKW-Lader zu Taktgebern werden
In hohen Strompreisen und wachsenden ESG-Anforderungen verbergen sich große Chancen für die Logistik. Paradox? Nicht für Torge Lahrsen, Mitgründer und COO des Energiemanagement-Spezialisten encentive: „Ein enormes Potenzial liegt in der Flexibilisierung und intelligenten Steuerung von Energieflüssen.“
Der Wirtschafts- und Finanzexperte entwickelt KI-Plattformen, die Verbrauch, Eigenerzeugung und Marktpreise in Echtzeit verknüpfen. Im Gespräch erläutert er, warum Kühlhäuser und Ladeinfrastruktur zu Hebeln der Energiewende werden, wie sich Millionen auf Strommärkten sparen lassen – und weshalb Festpreisverträge bald wie ein Relikt vergangener Jahre wirken könnten.
Viele Logistikstandorte stehen angesichts hoher Strompreise und wachsender ESG-Anforderungen unter Druck. Wo sehen Sie derzeit die größten ungenutzten Potenziale beim Energieeinsatz in der Branche?
Ein enormes Potenzial liegt in der Flexibilisierung und intelligenten Steuerung von Energieflüssen – also der Abstimmung des Energieverbrauchs auf die Energieerzeugung. Besonders deutlich wird das bei temperaturgeführten Prozessen: In der Kühl- und Tiefkühllogistik können Spielräume von wenigen Minusgeraden genutzt werden, um den Energieeinsatz intelligent zu steuern und günstige Preisphasen zu nutzen. Aber auch in der Allgemeinlogistik gibt es zahlreiche Ansatzpunkte – etwa bei der Vermeidung von Lastspitzen oder der gezielten Erhöhung des Eigenstromverbrauchs.
Ein immer drängenderes Thema ist zudem die Elektrifizierung der Mobilität. Mit der zunehmenden Verbreitung von E-LKWs stellt sich die Frage, wie diese neuen Verbraucher und ihre Ladeprozesse intelligent in die bestehende Infrastruktur und Energiesysteme integriert werden können – sowohl technisch als auch netzseitig.
Hinzu kommt ein Hebel, der bislang vielerorts ungenutzt bleibt: die großen Dachflächen vieler Logistikimmobilien. Sie bieten ideale Voraussetzungen für Photovoltaikanlagen – insbesondere dann, wenn sie mit Batteriespeichern kombiniert werden. So lässt sich der selbst erzeugte Strom gezielt vor Ort verbrauchen und teurer Netzstrom vermeiden.
Sie sprechen von steuerbaren Verbrauchern wie Kälteanlagen oder Ladeinfrastruktur. Welche Prozesse eignen sich aus Ihrer Sicht besonders gut für eine flexible Steuerung – und warum?
Kältesysteme sind prädestiniert für eine flexible Steuerung, da sie über thermische Puffer verfügen und innerhalb eines gewissen Temperaturkorridors betrieben werden können. Durch dynamische Lastverschiebung lassen sich hier gleich mehrere Effekte erzielen: die Erhöhung des Eigenverbrauchs, die Senkung der Netzentgelte und eine bessere Ausnutzung von Spotmarktpreisen. Richtig gesteuert, lassen sich Energieverbrauch und Wirkungsgrad deutlich verbessern.
Ein ähnliches Potenzial bietet die E-Mobilität – insbesondere durch die Optimierung der Ladezeiten. Das gilt auch für Flurförderfahrzeuge, deren Ladevorgänge häufig starr geplant, aber technisch gut verschiebbar sind, ohne den Betriebsablauf zu stören. Batteriespeicher eröffnen zudem weitere Spielräume, gerade dort, wo die Kapazitäten am Netzanschlusspunkt begrenzt sind. Sie können helfen, die Verfügbarkeit für E-LKWs sicherzustellen und gleichzeitig Lastspitzen abzufedern.
Wie funktioniert die zeitliche Optimierung technisch – etwa bei einem Kühlhaus oder einer E-Flotte? Und welche Rolle spielt dabei die Kopplung mit Strombörsen wie dem Intraday-Markt?
Die Grundlage ist eine intelligente Plattform, die die relevanten Datenpunkte und Lastgänge der Anlagen in Echtzeit analysiert. Mithilfe von KI wird eine Prognose für die nächsten 24 bis 72 Stunden erstellt – sowohl für den Verbrauch als auch für die Eigenerzeugung. Darauf basierend entstehen automatisierte, wirtschaftlich optimierte Fahrpläne, nach denen die Anlagen gesteuert werden.
Strombörsenpreise, etwa aus dem Intraday- oder Day-Ahead-Markt, können in die Optimierung einbezogen werden. Das erlaubt eine zusätzliche Abstimmung des Verbrauchs auf Preissignale – ist aber keine Voraussetzung. Auch durch die gezielte Vermeidung von Lastspitzen in Hochlastzeitfenstern oder durch die reine Eigenverbrauchsoptimierung lassen sich erhebliche wirtschaftliche Mehrwerte erzielen. Grundsätzlich gilt: Je kurzfristiger der Markt, desto höher die Volatilität – und damit auch das Potenzial für Einsparungen, wenn man flexibel reagieren kann.
Viele Logistikunternehmen scheuen den Einstieg in ein aktives Energiemanagement, sei es aus Ressourcenmangel oder aus Sorge vor Komplexität. Wo kann man Ihrer Erfahrung nach ansetzen, wenn man erste Schritte in Richtung smarter Steuerung gehen will?
Unsere Erfahrung zeigt: Es geht vor allem darum, Komplexität zu reduzieren und Einstiegshürden zu senken. Energiemanagement muss nicht mit großem Aufwand oder zusätzlichem Personal verbunden sein.

Ein erster sinnvoller Schritt ist, sich gemeinsam die Prozesse anzuschauen und zu analysieren, welche Anlagen überhaupt über Flexibilität verfügen. In den meisten Fällen ist bereits eine Steuerung vorhanden, mit der sich moderne Plattformen verbinden lassen.
Darüber hinaus unterstützen wir Unternehmen auch dabei, ihre Flexibilitätspotenziale gezielt mit Speichern zu erweitern. Bei einer Speichersimulation bewerten wir individuell, welche Größe sinnvoll ist und welche Investition sich über die Jahre am besten rentiert.
Viele Logistiker setzen bislang auf klassische Festpreisverträge. Was muss sich ändern, damit mehr Unternehmen die Chancen flexibler Strombeschaffung und -steuerung aktiv nutzen?
Festpreisverträge verlieren zunehmend an Attraktivität, weil sie schlicht teurer werden – vor allem im Vergleich zur Beschaffung am Spotmarkt.
Unternehmen sollten das Thema Energie stärker selbst in die Hand nehmen und begreifen, dass die Energiewende nicht nur Risiken, sondern auch enorme Chancen bietet – sowohl wirtschaftlich als auch strategisch.
Zudem braucht es regulatorische Impulse: Die angekündigte Anpassung bei den Netzentgelten ist aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt. Sie kann helfen, dynamisches Abnahmeverhalten zu fördern – und damit auch jene Unternehmen belohnen, die ihre Energieflüsse aktiv steuern und zum Gelingen der Energiewende beitragen.
Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen, in dem ein Logistikunternehmen durch smarte Energiesteuerung konkret Kosten gesenkt oder die Versorgungssicherheit erhöht hat?
Ein gutes Beispiel ist ein mittelständischer Kühllogistiker und langfristiger Partner. Insgesamt konnten dort innerhalb des letzten Jahres rund 79.000 Euro an Energiekosten eingespart werden.
Davon entfielen etwa 27.000 Euro auf die sogenannte atypische Netznutzung – also die gezielte Vermeidung von Lastspitzen in Hochlastzeitfenstern. Weitere 31.000 Euro wurden durch eine verbesserte Energieeffizienz erreicht. Und rund 21.000 Euro resultierten aus der Optimierung der Strombeschaffung am Day-Ahead-Markt. Das zeigt: Smarte Energiesteuerung ist längst kein Zukunftsthema mehr – sondern heute schon ein realer, wirtschaftlich messbarer Erfolgsfaktor für die Branche.
Autorenvita
Torge Lahrsen ist Mitgründer und COO des Softwareunternehmens encentive. Der studierte Wirtschafts- und Finanzexperte (M.Sc. in Applied Economics and Finance) sammelte vor der Gründung unter anderem Erfahrungen bei Robert Bosch Venture Capital, atSpiro und Maersk Growth. Seit 2020 baut er encentive mit auf – ein KI-gestütztes Energiemanagementsystem, das Industrieunternehmen hilft, ihre Energiekosten zu senken und den CO₂-Fußabdruck zu reduzieren. Als COO verantwortet er bei encentive vor allem die Bereiche Strategie, Finanzierung und Marktentwicklung.
encentive entwickelt eine KI-basierte Plattform, die Stromverbrauch, Eigenerzeugung und Marktpreise in Echtzeit analysiert und automatisch optimiert – damit Industrieunternehmen Energie genau dann nutzen, wenn sie grün und günstig ist.




