THOMAS WIMMER – „Einwählen ist das neue Reisen“

Die weltweiten Shutdowns sind, nach den letzten Boom-Jahren, gerade für die Logistik besonders bitter. Wohin die Reise der Weltwirtschaft und damit der Logistik-Branche gehen wird, darüber sprach CR HaJo Schlobach mit einem der versiertesten Kenner dieser Querschnittsfunktion der Wirtschaft: Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik, BVL.

Prof. Thomas Wimmer (Foto: Jan Meier / BVL)

T. Wimmer: Die Experten im Gremium der Logistikweisen unter Leitung von Prof. Christian Kille erwarten für das Jahr 2020 einen Rückgang der Logistikleistungen um real fünf Prozent. (Foto: Jan Meier / BVL)

blogistic.net: Wie geht es Ihnen? Wie erleben Sie persönlich die Krise?

Thomas Wimmer: Danke, dem gesamten hauptamtlichen Team der BVL – Geschäftsstelle, BVL-Campus und BVL.digital – geht es gut, mir selbst auch. Glücklicherweise hat das Coronavirus uns bisher verschont und wir haben uns in einer Mischung aus Mobile Offices und Präsenzphasen in den Büros gut organisiert. Den Alltag erlebe ich in Videokonferenzen hoch konzentriert und verdichtet und wegen fehlender Reisen etwas entschleunigt – was sich aber mit Blick auf den Wiederanlauf und die Planungen für den Deutschen Logistik-Kongress, der im Oktober in Berlin stattfinden wird, im Moment deutlich verändert.

blogistic.net: Was sind Ihre Konzepte, damit umzugehen?

Wimmer: Zuversicht und eine positive Grundhaltung. Wir alle tun das, was die Logistik gut kann: Sachlich bleiben, Herausforderungen lösen, die Wirtschaft in Gang halten. Das hilft, besonnene Entscheidungen zu treffen und umzusetzen – und so Wirtschaft und Gesellschaft schnell wieder zu stabilisieren. Dabei gilt es, Erfahrungen aus der Pandemie zu analysieren und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen – in der Wirtschaft und in der Vereinsarbeit.

blogistic.net: Wie geht man bei der BVL mit dem geforderten Social Distancing um und was wird mit dem DLK im Herbst in Berlin?

Wimmer: Die BVL-Arbeit basiert auf Präsenz, um miteinander voneinander zu lernen. Wir überbrücken zurzeit mit digitalen Angeboten, Webinaren, Web-Konferenzen, virtuellen Regionalgruppentreffen. Für den Herbst haben wir uns fest vorgenommen, den Deutschen Logistik-Kongress durchzuführen. Aber er wird anders durchgeführt werden: live vor Ort, live im Internet, mit Mehrwert-Services vor, während und nach der Veranstaltung. Und natürlich steht der Gesundheitsschutz für Teilnehmer, Aussteller, Veranstalter und Servicekräfte im Vordergrund. Die BVL sendet auch hier ein Zeichen der Zuversicht.

Für den Herbst haben wir uns fest vorgenommen, den Deutschen Logistik-Kongress durchzuführen. Aber er wird anders durchgeführt werden: live vor Ort, live im Internet, mit Mehrwert-Services vor, während und nach der Veranstaltung.

Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL

blogistic.net: Themenwechsel: Das Corona-Virus beeinflusst die ganze Weltwirtschaft massiv. Vor allem setzen die Shutdowns der einzelnen Ökonomien die Weltwirtschaft, und damit auch die Logistik, unter massiven Druck. Es wird einige Player weltweit geben, die völlig vom Markt verschwinden.  Wie schätzen Sie die mittelfristigen Marktentwicklung ein?

Wimmer: Die Experten im Gremium der Logistikweisen unter Leitung von Prof. Christian Kille erwarten für das Jahr 2020 einen Rückgang der Logistikleistungen um real fünf Prozent und 2021 einen Anstieg auf der dann niedrigeren Basis um drei Prozent. Ursprünglich – also ohne Corona – waren die Logistikweisen von einem Wachstum von real 0,4 Prozent im Jahr 2020 ausgegangen. Corona traf also auf einen ohnehin stagnierenden Markt.

blogistic.net: Wird es eine weltweite Konsolidierung in der Logistik geben?

Wimmer: Krisenzeiten sind immer Konsolidierungszeiten. Die WTO geht in einer Studie aus dem April davon aus, dass der Welthandel 2020 um rund ein Drittel geringer ausfallen wird als ohne die Krise. Das bedeutet weniger Geschäft für die Logistik-Dienstleister und es werden Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Über die Größenordnung gibt es noch keine Erkenntnisse.

blogistic.net: Wer werden die Gewinner sein, wer die Verlierer?

Thomas Wimmer: Eine wirtschaftliche Krise, wie sie die der Corona-Shutdown nach sich ziehen wird, kennt aus meiner Sicht keine „Gewinner“. Denn wir blicken ja nicht auf einen Wettbewerb, der zu wohldefinierten Bedingungen geführt wird und in dem sich der Beste, Schnellste, Innovativste dann durchsetzt. Wir schauen auf einen mehrmonatigen Systembruch. Dort gab es punktuelle Nachfragesteigerungen, bspw. im Lebensmittelhandel oder in der Arzneimittelversorgung, aber diese standen drastischen Einbrüchen in der Gastronomie-Versorgung und in Produktionsbetrieben gegenüber. Die negativen Effekte überwogen bei weitem, weil die zu bewegenden Volumina kurzfristig zwischen 30 und 50 Prozent und manchmal noch mehr zurückgegangen sind. Die Frage würde ich deshalb gern anders stellen, nämlich: Wie werden sich Strukturen und Abläufe verändern, wenn das wirtschaftliche Geschehen wieder in Gang kommt? Wie werden Produktion, Handel und Logistik post Corona kurz-, mittel- und langfristig organisiert? Das alles wird Auswirkungen auf die Auslastung der einzelnen Verkehrsträger haben.

blogistic.net: Derzeit sind die weltumspannenden Wertschöpfungsketten und -netzwerke entweder gerissen bzw. zerrissen. Werden sich diese wieder verknüpfen lassen? Und wenn ja, wie?

Wimmer: Mit dem Produktionsanlauf, den wir ja derzeit erleben, schließen sich viele Lieferketten wieder. Das braucht Zeit, aber wir hören z.B. aus der Automobilindustrie, dass die globale Teileversorgung in Gang kommt. Grundsätzlich kommen Produktionen zum Erliegen, wenn entscheidende Teile fehlen. Das können Teile aus Asien sein, in der Corona-Situation wurden aber auch Teile aus Italien zum Engpassfaktor. Oder aus anderen Nachbarländern. Wer von uns hätte jemals erwartet, dass Schengen-Grenzen geschlossen werden? Die geografische Dimension eines Netzwerkes muss also nicht der entscheidende Faktor sein. Ich vermute, dass die Antworten der Unternehmen auf die Erfahrungen der letzten Monate lauten werden: Streuung und Minderung des Risikos durch Dual oder Multiple Sourcing, durch Verlagerung von Vorprodukten in den unmittelbaren räumlichen Zugriff und durch Erhöhung der Lagerbestände. Es geht um eine Abwägung von Effizienz- und Risikokriterien mit dem Ziel, die Lieferketten robuster zu gestalten.

Mit dem Produktionsanlauf, den wir ja derzeit erleben, schließen sich viele Lieferketten wieder. Das braucht Zeit, aber wir hören z. B. aus der Automobilindustrie, dass die globale Teileversorgung in Gang kommt.

Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL

B+L: Oder werden die Supply Chains wieder kürzer, mit weniger Mitgliedern?

Wimmer: Das kann man pauschal nicht beantworten. Die produzierenden Unternehmen werden überprüfen, wo in ihren Supply Chains oder Versorgungs-Netzwerken Schwachstellen liegen. Wo ist das Geschäftsmodell verletzlich? Wo kann die globale Arbeitsteilung zu hohen Risiken führen und wo wirkt sie stabilisierend?

blogistic.net: Haben Sie ein konkretes Beispiel.

Wimmer: Erinnern Sie sich an den Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull auf Island vor zehn Jahren. Da haben wir schon einmal voller Sorge auf die internationalen Lieferketten geschaut. Die Aschewolke, die zu Flugverboten führte, hielt uns jedoch nur wenig mehr als eine Woche in Atem. Dann sind wir zur Tagesordnung übergegangen. Das dürfte nach Corona nicht der Fall sein. Wohin die Reise geht, kann nur jedes Unternehmen selbst beantworten. Letztlich geht es um Risikoeinschätzungen und Kosten-Nutzen-Kalkulationen: Wenn wir Wertschöpfungsketten auf Westeuropa „lokalisieren“, müssen wir, müssen die Verbraucher/innen bereit sein, das Doppelte bis Dreifache für Systeme und Komponenten zu bezahlen. Wirtschaftsredakteure der WELT AM SONNTAG haben dies Anfang Mai anhand von vier Beispielen nachvollziehbar belegt: Kopfhörer, Antibiotikum, Strumpfhose und Stofftier. Für IT-Komponenten, Automobilzulieferteile und Maschinenbauliche Systeme werden die Rechnungen ähnlich deutlich ausfallen.

blogistic.net: Von der Politik, und nicht nur von dieser, wird die Abhängigkeit Europas von Asien, insbesondere von der VR China, teilweise scharf kritisiert. Wird sich Europa wieder mehr auf Europa besinnen?

Wimmer: Die These, dass Europa einseitig von China oder Amerika abhängig sei, teile ich nicht. Was die Statistiken zeigen, sind es internationale Interdependenzen, die im Idealfall allen Beteiligten nutzen. Seit etwa zehn Jahren sind die globalen Lieferketten nicht entscheidend gewachsen, sondern haben sich auf dem damaligen Niveau eingependelt. Das hat mit der Unsicherheit nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 zu tun, aber auch mit dem technologischen Fortschritt, der die Produktionskosten an Standorten in den Industrieländern sinken lässt. Europa muss sich nicht auf Europa besinnen, sondern ist völlig bei sich. Zwei Drittel des grenzüberschreitenden Handels der EU-Länder werden innerhalb der EU abgewickelt.

Die These, dass Europa einseitig von China oder Amerika abhängig sei, teile ich nicht. Was die Statistiken zeigen, sind es internationale Interdependenzen, die im Idealfall allen Beteiligten nutzen.

Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL

blogistic.net: Doch wie lässt ich die Wertschöpfung in Europa halten?

Wimmer: In Deutschland gibt es seit über 15 Jahren eine Initiative, die von der BVL maßgeblich unterstützt wird: den Manufacturing Excellence Award, kurz MX genannt. Hier wird Wissen vermittelt, um Wertschöpfung in Deutschland zu erhalten und abzusichern (manufacturing-excellence.de). Dort wurden im vergangenen Jahr zwei Unternehmen ausgezeichnet, die durch exzellente Produktion und Logistik im Weltmarkt wettbewerbsfähig sind: eines produziert Cockpitinstrumente, also Pkw-Armaturen, das andere Displays und Steuerungen für Haushaltsgeräte – in beiden Fällen Systeme, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie in Asien hergestellt würden. „Lokalisierung“ ist also mit entsprechendem Know-how machbar.

blogistic.net: Holt man sich wieder Knowhow zurück auf den Kontinent?

Wimmer: Für den Wirtschaftsbereich Logistik gesprochen: Deutschland und Europa sind in Logistik und Supply Chain Management führend. Den Vorsprung gilt es zu halten und weiter auszubauen. Um nur Beispiele zu nennen: Es ist in Deutschland gängige Praxis, aus 350.000 möglichen Sitzvarianten innerhalb von vier Stunden die „richtige“ Sitzgruppe Just-in-Sequence einbaugerecht ans Montageband liefern zu können. Oder Kabelbäume mit 100.000 Varianten aus Mazedonien – mit Fehlerrate Null und 100-prozentiger Zuverlässigkeit.

blogistic.net: Was meint die BVL zur Globalisierungs-Kritik?

Thomas Wimmer: Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass die globale Arbeitsteilung erhalten bleibt. Hierdurch wird es möglich, Stärken von Regionen zum Nutzen aller einzubringen. So bleiben Produkte zeitgemäß und wettbewerbsfähig. So werden Arbeitsplätze in verschiedensten Regionen gesichert und Wohlstand geschaffen. Protektionistische Tendenzen und nationale Abschottung schaden mehr, als dass sie nutzen. Das belegt der Handelsstreit zwischen den USA und China. Schwachstellen in den Systemen, die der Corona-bedingte Shutdown offenbart hat, gilt es zu beheben. Das ist die große Chance, die uns die Krise beschert.

blogistic.net: Im Rahmen der Corona-Krise wird nur wenig über die Mega-Trends Industrie 4.0, Digitalisierung und Transformation gesprochen. Dennoch hat sich die Arbeitswelt im Zuge der Krise teilweise dramatisch verändert. Heute arbeiten sehr viele im Home Office, E-Commerce boomt mehr denn je. Die Nutzung digitaler Infrastrukturen ist so massiv, dass es gewissermaßen Verteilungsprobleme von Ressourcen bei Microsoft und Telekom-Anbietern kommt, sodass sie zumindest kurzzeitig ihre Leistungen herunterschrauben mussten. Könnte das Virus ein Katalysator für oben genannte Megatrends sein? Wenn ja, in welchem Umfang?

Wimmer: Nicht das Virus, aber die durch den Shutdown ausgelöste veränderte Arbeitssituation beschleunigt Entwicklungen – allerdings unter Extrembelastung mancher Systeme. „Einwählen ist das neue Reisen“ – diese Erkenntnis hätte es vor der Krise schwerer gehabt. Nun zeigen sich andere Schwachstellen sehr deutlich, deren Bearbeitung die BVL schon seit Jahren anmahnt, nämlich die nicht hinreichende digitale Infrastruktur. In der Krise wurde überdeutlich, dass die digitalen Netze vielerorts nicht ausreichen, um eine erhöhte Datenlast zu transportieren. Jetzt wird offenbar, wo Investitionen erforderlich sind. Positiv ist aber, dass Mitarbeiter/innen nunmehr implementierte Tools nutzen, mit denen sie zuvor Berührungsängste hatten. Da beschleunigt die Krise den Wandel und die Form der Zusammenarbeit im Unternehmen.

Nicht das Virus, aber die durch den Shutdown ausgelöste veränderte Arbeitssituation beschleunigt Entwicklungen – allerdings unter Extrembelastung mancher Systeme.

Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL

blogistic.net: Es gibt zwar keine Gewinner der Krise. Doch wer wird gestärkt aus dieser Krise hervor gehen?

Thomas Wimmer: Wie in jeder Krise werden es die Unternehmen sein, die flexibel und agil auf neue Rahmenbedingungen reagieren, die engagierte Belegschaften haben – und die digitale Tools intelligent intensiv nutzen.

blogistic.net: Kommen wir zur Politik: Die BVL ist eine Interessensvertretung der Logistik und die Logistik ist von den nationalen Maßnahmen der EU-Regierungen hart getroffen. Viele entlassen Mitarbeiter oder kündigen Kurzarbeit an. Unternehmen wie etwa die Lufthansa schließen ganze Bereiche, wie etwa Germanwings. Sind die Maßnahmen der Regierungen überzogen?

Wimmer: Ein solches Urteil kann und will ich nicht fällen. Allein in Deutschland gibt es – Stand Ende Mai – mehr als 8.000 Todesfälle in Zusammenhang mit Sars-Cov2, weltweit sind es rd. 330.000. Diese Zahl belegt deutlich, dass wir es mit einer gefährlichen Seuche zu tun haben. Ziel des Regierungshandelns war und ist es, die Epidemie so in Schach zu halten, dass die Gesundheitssysteme nicht kollabieren und Zeit gewonnen wird, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Der Gesundheitsschutz der Bevölkerung war und ist die Leitlinie. Dieses Ziel ist in Deutschland bisher erreicht worden. Es hat keine Engpässe in der intensivmedizinischen Versorgung gegeben. Dass Gesellschaft und Wirtschaft durch den Shutdown in eine Ausnahmesituation geraten sind, müssen wir in Respekt vor der Zielsetzung akzeptieren und nun verstärkt und gemeinsam mit den Behörden nach Lösungen suchen.

blogistic.net: Man hat den Eindruck, dass das Coronavirus von jedem Staat nur als nationales Ereignis wahrgenommen wird. Entsprechend sind auch die Maßnahmen. Sie als Logistiker und Veranstalter des sehr international ausgerichteten Deutschen Logistik-Kongresses, haben dies sicherlich auch wahrgenommen. Was fehlt Ihnen bei der Krisenbewältigung der Staaten?

Wimmer: Vertrauensvolle Zusammenarbeit ist für Unternehmen in Wertschöpfungsketten oder Wertschöpfungsnetzwerken eine Strategie, die sehr erfolgreich sein kann. Das gilt gleichermaßen für Unternehmen wie auch für Staaten. Der Weg dahin ist jedoch immer weit, denn Vertrauen muss erarbeitet werden. Enge grenzüberschreitende Zusammenarbeit hätte auch im Corona-Szenario dabei helfen können, manche Probleme zu entschärfen. Aber letztendlich wurden zeitnah Lösungen gefunden. Solche Situationen können nicht im Vorfeld geübt werden und es gibt für sie keine Blaupause. Also befinden sich alle in einem „Gefangenendilemma“.

blogistic.net: In diesem Zusammenhang ist das Aussetzen des Schengen-Vertrages, beginnend mit dem Jahr 2015, heute der Normalfall und nicht die Ausnahme. Welche Folgen wird diese Re-Nationalisierung für die Logistik haben?

Wimmer: Zunehmende nationale Egoismen hat es schon vor der Coronakrise gegeben und es wird sie auch weiterhin geben. Entscheidend ist, in Politik und Wirtschaft gemeinsam daran zu arbeiten, die Vorteile des grenzübergreifenden Miteinanders fachlich und emotional deutlich zu machen und immer wieder zu erklären. Und pragmatisch betrachtet: Die bereits Mitte Mai vereinbarten Grenzöffnungen zeigen, dass wir es nicht mit einer grundsätzlichen Re-Nationalisierung zu tun haben.

Entscheidend ist, in Politik und Wirtschaft gemeinsam daran zu arbeiten, die Vorteile des grenzübergreifenden Miteinanders fachlich und emotional deutlich zu machen und immer wieder zu erklären.

Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL

blogistic.net: Was hat die BVL bei ihren Mitgliedern bereits beobachten können?

Wimmer: Die Supply-Chain-Manager und Logistiker aus Industrie und Handel gehen gemeinsam mit den Logistikdienstleistern vorbildlich pragmatisch daran, ihre Systeme wieder anlaufen zu lassen – oder diese wieder in den Normalmodus zu überführen. Es muss ja nicht nur ein Showdown bewältigt werden: Bei Fast Moving Consumer Goods (FMCG) und im Handel waren rapide Umsatzschwankungen und verschobene Materialflüsse logistisch zu bewältigen. Im globalen Welthandel entstanden Disparitäten in den Warenströmen. Mehr als sechs Millionen TEU Containerkapazität blieben in Asien stehen. Die Abschaltung von Produktionsstätten erfolgte ungewöhnlich kurzfristig und hinterließ Bremsspuren in den Zulieferketten. Die entstandenen „Supply Puzzles“ müssen wieder zu Supply Chains gefügt werden. Zudem werden wir einen synchronen Neustart aller Systeme sicher nicht erleben, da die Pandemie und die resultierenden Schutzmaßnahmen weltweit zeitversetzt stattfinden.

Thomas Wimmer (Foto: Jan Meier / BVL)

T. Wimmer: Eine wirtschaftliche Krise, wie sie die der Corona-Shutdown nach sich ziehen wird, kennt aus meiner Sicht keine „Gewinner“. (Jan Meier / BVL)

blogistic.net: Mit welchem zusätzlichem Schaden rechnen Sie für die Logistik durch die Behinderung der Warenströme?

Thomas Wimmer: Schon in „normalen“ Zeiten sind die Aufgaben nicht trivial und bedürfen einer Fachexpertise und einer perfekten Organisation. In Krisenzeiten treten zusätzliche Hemmnisse und Kostentreiber auf, die nur im Schulterschluss von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeistert werden können. Eine seriöse Quantifizierung ist wegen der vielfältigen Einflüsse nicht möglich. So lassen Mengenrückgänge Fixkostenanteile steigen, damit wird Stückgut im Straßengüterverkehr teurer. Eine fixe Anzahl von Hauptläufen und problematischere Ablieferungen verteuern die Logistikleistung, aber im Gegenzug nimmt durch nicht ausgelastete Kapazitäten der Preiskampf zu. Auch auf der Schiene brechen Verkehre durch europaweit reduzierte Produktion weg; der Betrieb von Infrastruktur und Anlagen muss aber trotzdem vorgehalten werden. Die Hälfte der weltweiten Luftfracht wird als Belly-Freight (Anm.d.Red.: Gepäckraum-Fracht) in Passagiermaschinen befördert. Da zur Zeit nur wenige Passagierflüge stattfinden, fehlt diese Kapazität. Es müssen separate Transportmaschinen eingesetzt werden. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

blogistic.net: Wo würden Sie ansetzen, um die Krise besser in den Griff zu bekommen?

Wimmer: Theoretische Ratschläge sind nicht hilfreich. Die Supply Chainer und Logistiker machen ihre Jobs gut und richtig: Um für künftige Krisen – oder für weitere Infektionswellen – besser gerüstet zu sein, werden Erkenntnisse gesammelt, untereinander ausgetauscht und Maßnahmen umgesetzt: Analyse der Schwachstellen, proaktive Risikobetrachtung, Änderung von Prozessen und Strukturen, Beschleunigung der Digitalisierung, Erhöhung von Transparenz und unternehmensübergreifender Zusammenarbeit.

blogistic.net: Ist es künftig vorbei mit der grenzenlosen Freiheit?

Wimmer: Nein. Einschränkungen wie diese, die wir jetzt erlebt haben, zeigen den Wert von Freiheit, von freiem Austausch von Gütern und Dienstleistungen noch einmal sehr deutlich auf. Weltweit müssen wir mit Grenzen der Freiheit ohnehin leben. Schengen ist nicht überall. Wir haben uns in Europa an diese wunderbare Errungenschaft gewöhnt, die andernorts nicht selbstverständlich ist. Ich denke, die vorübergehend getroffenen Maßnahmen waren insgesamt vernünftig und angemessen.

blogistic.net: Ein Ende der Corona-Krise ist letztlich nur dann ersichtlich, wenn ein Impfstoff und/oder ein Medikament auf dem Markt ist. Wie wird sich bis dahin die Logistik entwickeln?

Wimmer: Die Logistiker werden professionell, einfallsreich und so kreativ wie möglich daran arbeiten, Lieferketten funktionsfähig zu erhalten und die Ver- und Entsorgung für Wirtschaft und Gesellschaft sicherzustellen.

blogistic.net: Wer werden die Player der Zukunft sein?

Wimmer: Ideenreichen Pragmatiker, die den Kundennutzen als Handlungsmaxime haben.

blogistic.net: Danke für das tolle Interview.

bvl.de

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Quelle: BLOGISTIC.NET

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