Vernunft ist das Gebot der Stunde
Die aktuelle weltwirtschaftspolitische Lage als turbulent zu bezeichnen, ist keine Untertreibung. Geht es nach FH-Prof. DI Franz Staberhofer, unter anderem Präsident des Lieferketten-Forschungsinstitutes ASCII, Leiter des Logistikums und Obmann des VNL, ist Verlässlichkeit derzeit das Einzige, was zählt.
Redaktion: Angelika Gabor
Im Hinblick auf die derzeitige Situation geht Staberhofer davon aus, dass die Turbulenzen auch weiterhin anhalten werden – schließlich sei das Verhalten aller Beteiligten volatil. „Die einzige Konstante im Moment ist China, einmal gefällte Entscheidungen werden beibehalten. Der Rest ist unberechenbar, und das ist schlecht – für jedwede Form des Wirtschaftens, weltweit“, rechnet er mit keiner Verbesserung in naher Zukunft. Den Verursacher dieses Zustands sieht Staberhofer in den USA: „Die Situation wird von Trump getrieben, und alle anderen außer China spielen mit. Die Lösung wäre, diese Sprunghaftigkeit nicht mitzuspringen.“ Aber wie geht man dann damit um? „Man muss Verlässlichkeit an den Tag legen. Als Logistiker oder Dienstleister muss ich mir genau überlegen, bis zu welchem Punkt ich das Spiel mitgehen will und wann ich einen Schlussstrich ziehe.“ Diese Grenzen müsse man dann auch klar kommunizieren. Ein Beispiel: eine Zollanhebung bis zu 20 Prozent kann ich noch mittragen, ab dann ist mein angebotenes Produkt nicht mehr rentabel und der Auftrag wird nicht angenommen. Solch klare Kommunikation schafft Sicherheit auf beiden Seiten.
Sorgenkind Wirtschaftswachstum
Es ist kein Geheimnis, dass Österreich aktuell das Schlusslicht bei der Wirtschaftsentwicklung in Europa bildet. So lag Ende 2024 das Minus in der Industriewirtschaft bei -9,5 %, Österreich befindet sich in der längsten Rezession der Nachkriegszeit, ein Defizitverfahren droht. Doch woran liegt das? Staberhofer: „Tatsache ist, die kurzfristig gesetzten Maßnahmen waren offensichtlich nicht zielführend und wir müssen das jetzt ausbaden. Österreich ist in einer schwierigen Situation, aus der wir erst einen Weg hinausfinden müssen. Natürlich spüren das die Logistikdienstleister, wobei verschiedene Sektoren unterschiedlich stark betroffen sind. Insbesondere am Binnenmarkt ist das Gütertransportaufkommen gesunken, international gibt es starke Sprünge. Es ist deutlich erkennbar, dass Menschen auf Flugreisen in die USA verzichten: zwischen den USA und Kanada gab es einen Buchungsrückgang um stolze 75 %, auch in Europa gehen die Flugzahlen in die USA zurück. Damit geht aber auch wertvolle Bellycargo-Kapazität verloren, was die Preise steigen lässt.
„Niemand weiß wirklich, was im Mai passieren wird, langfristige Prognosen sind unmöglich. Keiner kann vorhersagen, wie sich der Flugcargopreis zwischen Österreich und den USA entwickeln wird. Hier hilft nur ein offenes Gespräch zwischen Verlader und Logistikdienstleister, welcher Preis noch tragbar ist. So entsteht für beide Seiten Stabilität“, betont Staberhofer abermals die Wichtigkeit offener Kommunikation und Zuverlässigkeit. Sein Rat: „Dienstleister müssen ihr Risiko möglichst streuen, was Land, Sektor, Produkt und
Firmenkunden anbelangt, durch einen guten Mix ist das Ausfallrisiko wesentlich geringer. Zudem rate ich dazu, die Lieferkette des Kunden zu betrachten, um etwaige Einbrüche schneller zu erkennen. Denn leider führen Inflation und Rezession zwangsläufig immer zu Reduktionen.“
3-Monats-Vorschau zum Güterverkehr
Um die Unternehmen bei ihrer Planung zu unterstützen, hat der VNL eine 3-Monats-Vorschau entwickelt: einen datenbasierten Lagebericht zur Entwicklung des nationalen Güterverkehrs. Dafür werden nicht nur laufend Gespräche mit Branchenexperten geführt, sondern auch die Daten des ASCPI (Austrian Supply Chain Pressure Index) analysiert, um Versorgungsengpässe zu identifizieren. Für die Erstellung des ASCPI ist das Lieferketteninstitut (ASCII) zuständig. Die letzte Prognose zeigt einen Anstieg um 30 Prozent, was auf zunehmende Lieferengpässe hindeutet.

Staberhofer: „Die Gier der Menschen war in den letzten zwei Jahren enorm, was beispielsweise bei Rohstoffen zu extremen Preisanstiegen geführt hat. Umso wichtiger sind bilaterale Abkommen zwischen Unternehmen. Die Dienstleister müssen ihre Kunden tiefer durchdringen, mehr Gespräche führen und verlässlich sein, dann werden sie auch in Zukunft noch Geschäfte machen können.“
Herausforderungen werden nicht weniger
Ein leider stets aktuelles Thema ist der Fahrermangel, der bei rund 20 Prozent liegt. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, zu unattraktiv ist der Fahrerberuf aufgrund der vielen Einschränkungen und Vorschriften geworden. Dabei ist der Transport ein wichtiges Asset. „Das Supply Chain Management muss in der Lage sein, der Volatilität nachzuspringen und Lieferketten und damit die Kundenversorgung aufrecht zu erhalten. Dabei ist nicht nur die USA ein schwieriger Fall, auch die EU ist unzuverlässig. Zuerst gibt es ein Konvolut an Regeln für den green deal, auf den sich alle einstellen, und dann kommt es im Omnibusverfahren zu unzähligen Änderungen. Vor einem Jahr haben Mitarbeiter den Auftrag erhalten, ihre SC nach CO2 Kriterien zu streamlinen – ich bin mir nicht sicher, ob sie diesen Auftrag heute auch noch erhalten würden“, bedauert Staberhofer die Unzuverlässigkeit der EU-Vorgaben.
Firmen müssten sich Szenarien überlegen und klare Entscheidungen treffen, wie beispielsweise der VW-Konzern, der die Elektroautoproduktion nach China verlagert hat: „Dort gibt es Fachkräfte und billigere Rohstoffe. Das war eine klare Entscheidung und somit gibt es Stabilität. Es steht außer Frage, dass die Rohstoffpreise weiter steigen werden. Deshalb ist es umso wichtiger, die Rohstoffe im Land zu halten und auch zu recyceln. Denn auch in Österreich haben wir durchaus Rohstoffe, wie etwa Wolfram“, zeigt Staberhofer auf.
Rückstand bei Innovation
„In Österreich wurde sehr viel über Industrie 4.0 geredet, es wurde auf operative Themen heruntergebrochen und dazu interessante Theorien aufgestellt – aber es wurde nicht wirklich umgesetzt. Dabei verbirgt sich hier gewaltiges Potential“, bedauert Staberhofer. Man müsse die enormen Möglichkeiten von KI nutzen und könne
so auch zusätzliche Aufträge gewinnen.
Staberhofer: „Viele haben Angst, aber Veränderungen sind notwendig. Wenn das Ziel etwa eine CO2 Reduktion ist, dann darf man nicht glauben, dass alles gleich bleiben kann. Wie kann man bei gleichem Materialeinsatz bei gestiegenen Preisen trotzdem Deckungsbeiträge erwirtschaften? Man kann sich Apple als Vorbild nehmen, der Materialeinsatz für das Iphone bleibt in etwa gleich, aber der Preis steigt mit jedem Modell.“ Neue Geschäftsmodelle seien nötig, und digitale Intelligenz könne helfen, Geschäfte zu machen und Ressourcen optimal zu nutzen. Leider fehle es oftmals am Willen. „Man muss die Menschen dazu bringen, innovativ sein zu wollen. Jeder Einzelne muss eine Vorwärtsorientierung implementieren“, stellt Staberhofer fest. (RED)
Quelle: LOGISTIK express Journal 2/2025: Transport & Logistik



