Zeitreise: Die Logistik der Strauss-Orchester
Lange bevor es moderne Transportmittel gab, organisierte die berühmte Wiener Musikerfamilie Strauss ihre internationalen Konzertreisen. Mag. Susanne Strauss und Prof. Dr. Eduard Strauss, ein Nachfahre der berühmten Strauss-Familie, gaben dazu kürzlich Einblicke in die Reise- und Orchesterlogistik der weltberühmten Musiker-Dynastie. Der Vortrag wurde an der Wirtschaftsuniversität Wien gehalten.
Prof. Dr. Eduard Strauss ist der Sohn von Eduard Strauss II, Ur-Ur-Enkel von Johann Strauss (Vater) und Urgroßneffe von Johann Strauss (Sohn). Obwohl er – anders als viele Mitglieder der berühmten Strauss-Familie – keinen musikalischen Beruf gewählt hatte und als Richter tätig war, widmet er sich seit Jahrzehnten intensiv der Erforschung und Bewahrung des musikalischen Erbes seiner Familie.
Kaum jemand kennt die Geschichte und Musik der Strauss-Dynastie so umfassend wie er. Susanne und Eduard Strauss haben tief in historischen Archiven recherchiert und konnten Details über die Organisation der Konzertreisen der Strauss-Orchester ans Licht bringen. Fest steht, dass Tourneen im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufwendig und herausfordernd waren – von Reisen mit der Postkutsche über die Bahn bis hin zu den ersten Flugreisen.
Der Begründer der Strauss-Dynastie, Johann Strauss Vater 1804 bis 1849 (Radetzky-Marsch), war der erste Wiener Tanzmusikkomponist, der mit seinem eigenen Orchester in ganz Europa auf Reisen ging. Die erste große Reise fand zwischen 10. November und 14. Dezember 1834 statt.
Laut den beantragten Pässen reisten zunächst 18 Musiker in Postkutschen für 14 Veranstaltungen von Berlin über Leipzig und Dresden bis nach Prag. Die Reisegeschwindigkeit war maximal 10 km/h für Distanzen bis zu 100 km pro Tag.
Hinter der Organisation der Reisen standen meist Verleger, die Niederlassungen in allen größeren Städten in Europa und Übersee hatten. Diese halfen unter anderem bei der Reiselogistik. Es ist davon auszugehen, dass sie auch für große Musikinstrumente wie Pauken, Trommeln und Kontrabässe an den Aufführungsorten sorgten.
Im Herbst 1835 folgte eine mehr als dreimonatige Deutschlandreise, 1836 ging eine Reise über Prag und viele deutsche Städte weiter nach Amsterdam, Rotterdam, Lüttich bis nach Brüssel. In den Jahren 1837/38 reiste Johann Strauss Vater mit seinen Musikern bis Paris und London.
In Großbritannien war das Reisen mit der Eisenbahn wesentlich bequemer. Man fuhr bereits 30 km/h schnell. Die Musiker pendelten laut Aufzeichnungen fast jeden zweiten Tag mit dem Zug zwischen Liverpool und Manchester. Die Strecke war zweigleisig ausgebaut und hatte erstmals einen festen Fahrplan. Weitere Tourneen führten nach Frankreich, England und Schottland sowie schließlich über Calais, Paris und München in die Heimatstadt Wien.
Johann Strauss Sohn unternahm eine große Kunstfahrt in den Südosten Europas. Über Pressburg ging es wahrscheinlich mit dem Dampfer „Franz I“ der Donau Dampfschiffahrtsgesellschaft stromabwärts über Pest und Neusatz (Novisad) bis Belgrad, mit Aufenthalten in Temmeschwar, Arad, Klausenburg, Hermannstadt, Kronstadt und Bukarest. Sein Reisepass wurde zwar für eine Kunstreise von Wien bis Konstantinopel ausgestellt, das er aber nicht erreichte.
Johann Strauss Sohn reiste bereits von Wien bis nach St. Petersburg, um dort zu konzertieren. Eduard Strauss besuchte gegen Ende des 19. Jh. Leipzig, Rostock, Posen, Braunschweig, Berlin, Hamburg, Brennberg, Insterburg, Göttingen, Danzig, Naumburg, Zitter, Presslau, Achen, Badenbaden, Meerseburg, Darmstadt, Stätdin, Budapest, Harrisburg, Boston, Toronto, San Francisco und New York.
Eduard Strauss II. reiste als erstes Familienmitglied 1956 mit dem Flugzeug mit Zwischenlandung in Anchorage nach Japan. Er konzertierte dort mit dem Tokyo Symphony Orchestra insgesamt auf sechs ausgedehnten Tourneen. Das wohl berühmteste Werk der Familie mit Transportbezug ist die „Bahn frei! Polka schnell“ Opus 45 von Eduard Strauss komponiert für den Ball der Nordbahnbeamten am 17.2.1869.
Quelle: OEVZ



