Zolldaten als Schlüsselressource
Datenqualität und Transparenz: Befragung von 150 europäischen Zoll- und Außenhandelsverantwortlichen zeigt: Nur mit verlässlichen Zolldaten lassen sich Compliance, Resilienz und KI-Potenziale erfolgreich meistern.
Die zunehmende Komplexität im internationalen Handel stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Regulatorische Anforderungen, Handelskonflikte und neue Nachhaltigkeitsvorgaben erhöhen den Druck auf Zoll- und Außenhandelsabteilungen. Gleichzeitig fehlt es vielen Unternehmen an belastbaren, zentral verfügbaren Zolldaten, um Risiken schnell zu bewerten, Zollvorteile konsequent zu nutzen und digitale Prozesse voranzutreiben. Diese Erkenntnisse stammen aus einer Befragung von rund 150 leitenden europäischen Zoll- und Außenhandelsverantwortlichen, die im Vorfeld des ersten Customs Support Summit am 3. Juni 2026 in Amsterdam durchgeführt wurde.
Datenqualität und Transparenz als Grundpfeiler moderner Zollfunktionen
24 Prozent der Befragten nannten regulatorische Veränderungen und steigende Komplexität als größte Herausforderung im Zollmanagement, dicht gefolgt von Datenqualität und Datentransparenz mit 20 Prozent. Für viele Unternehmen sind diese Themen eng miteinander verknüpft: Ohne verlässliche Daten lassen sich neue Handelsvorschriften, Sanktionen oder Nachhaltigkeitsanforderungen kaum effizient steuern. Die Qualität der Zolldaten wird so zur Voraussetzung, um regulatorische Komplexität beherrschbar zu machen und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Nicolas Collart, Chief Trade Operations and Compliance Officer der Customs Support Group (CSG), fasst zusammen: „Mangelnde Datenverfügbarkeit, fehlende gemeinsame Datenstrukturen und geringer Datenaustausch führen zu einer Fragmentierung, die es sowohl Unternehmen als auch Zollbehörden erschwert, Risiken datenbasiert zu analysieren und zu steuern. In einer Welt wachsender Handelsbarrieren brauchen Unternehmen deutlich mehr Transparenz über ihre zoll- und handelsrelevanten Daten.“
Die fünf Säulen der Datentransparenz
CSG identifiziert fünf zentrale Bereiche, in denen Unternehmen Transparenz schaffen müssen, um handlungsfähig zu bleiben:
- Transparenz über globale End-to-End-Lieferketten
- Transparenz über eigene Zolldaten
- Transparenz über die Daten der Zollbroker
- Transparenz über Finanzdaten
- Transparenz über aktuelle Entwicklungen und kommende Regulierungen
Die Geschwindigkeit, mit der sich Anforderungen verändern, erhöht die Komplexität zusätzlich. Unternehmen müssen geopolitische Risiken, neue Handelsbarrieren, Nachhaltigkeitsvorgaben und digitale Berichtspflichten immer schneller in ihre Prozesse integrieren.
Digitalisierung und KI brauchen belastbare Datenbasis
Die Qualität der Zolldaten ist nicht nur eine operative Herausforderung, sondern die Grundlage für Digitalisierung, Automatisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Supply Chain Management. Viele Unternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre Zoll-, Produkt-, Klassifizierungs- und Ursprungsdaten zu zentralisieren, zu bereinigen und strukturiert verfügbar zu machen, bevor digitale Lösungen oder KI-Anwendungen zuverlässig wirken können.

Besonders die Investitionen in belastbare Klassifizierungs- und Ursprungsstammdaten werden laut CSG häufig noch nicht systematisch genug angegangen. Dabei sind diese Daten essenziell, um Zollprozesse zu standardisieren, Risiken besser zu bewerten und Automatisierung sinnvoll zu skalieren.
Mehr als ein Drittel der Befragten sieht in digitaler Transformation und Datentransparenz den wichtigsten Hebel, mit dem Zollfunktionen Wettbewerbsvorteile schaffen können.
EU-Zollreform als zusätzlicher Beschleuniger
Die geplante EU-Zollreform mit dem EU Customs Data Hub wird Unternehmen künftig ermöglichen, Zollinformationen zentral und standardisiert bereitzustellen. Dies wird Datenqualität, Standardisierung und digitale Vernetzung weiter in den Fokus rücken und die Handlungsfähigkeit der Unternehmen stärken.
Wirtschaftliches Potenzial ungenutzter Zollvorteile
Die Nutzung von Freihandelsabkommen zeigt das wirtschaftliche Potenzial belastbarer Daten: Die durchschnittliche Präferenznutzungsrate für EU-Freihandelsabkommen liegt bei 67 Prozent, was bedeutet, dass rund ein Drittel möglicher Vorteile ungenutzt bleibt. 27 Prozent der Befragten wissen nicht, in welchem Umfang ihr Unternehmen Zollvorteile tatsächlich nutzt, nur neun Prozent schätzen eine Nutzung von über 90 Prozent.
Die Gründe liegen oft in mangelnder Transparenz über Ursprungsdaten, Lieferanteninformationen und zollrelevante Produktdaten. Auch die Warenklassifizierung stellt mit rund 50 Prozent der Nennungen den größten Problembereich dar.
Erweiterte Rolle der Zollfunktion in einem komplexen Umfeld
Neben der klassischen Zollabwicklung gewinnen neue Aufgaben wie Sanktionen, Exportkontrollen, Anti-Dumping-Maßnahmen und ESG-Vorgaben (z.B. Carbon Border Adjustment Mechanism, EU-Entwaldungsverordnung, Forced Labour Regulation) an Bedeutung. Diese erfordern eine konsistente Datenbasis über Unternehmensgrenzen hinweg.
Zoll- und Außenhandelsabteilungen rücken dadurch näher an die Unternehmensführung heran und werden zu strategischen Treibern für Compliance, Risikomanagement, resiliente Lieferketten und Wachstum.
John Wegman, CEO der Customs Support Group, bringt es auf den Punkt: „Im Kern geht es um Supply-Chain-Resilienz. Wer Daten, Prozesse und Verantwortlichkeiten konsequent verknüpft, kann Risiken früher erkennen, regulatorische Veränderungen schneller umsetzen und Lieferketten widerstandsfähiger machen. Damit wird der Zoll zu einem entscheidenden strategischen Hebel für Wettbewerbsfähigkeit in einem volatilen Handelsumfeld.“ (RED)



