Die „Letzte Meile“ wird entscheidend werden

Die Kunst der Logistik zeigt sich vor allem auf der letzten Lieferung zum Kunden, besonders in Ballungsräumen und verstopften Großstädten. Mit innovativen Lösungen sorgen Logistikanbieter und Handelsunternehmen für schlankere Prozesse und termintreue Anlieferung. In diesem Zusammenhang spielen nachhaltige Lösungen, die zu einer Verringerung des Verkehrsaufkommens und einer Verbesserung der Klimabilanz führen, eine immer wichtigere Rolle.

Ein Gastbeitrag von Antoine Cheul, Co-Founder des Crowdshipping-Anbieters Shopopop.

Das Arbeitstempo ist hoch, entsprechend groß der Appetit der vielen in- und ausländischen Fachkräfte während der Lunch-Zeit. Doch der Schritt ins Freie auf dem Weg ins Restaurant will im boomenden Singapur gerade im Anzug oder Business-Kostüm bei schwül-warmen Saunatemperaturen wohlbedacht sein. Abhilfe verspricht da ein smarter Helfer für die berühmte „letzte Meile“: Mit Erfolg hat der Automobilzulieferer Continental vor Kurzem das Roboterfahrzeug Corriere getestet: Der knapp 40 Kilogramm leichte und rund 30 Zentimeter hohe Lieferroboter ist ideal für kleinere Einsätze wie den Transport von Lebensmitteln, Medikamenten oder kleineren Paketen zum Endkunden. Oder wie in Singapur mit leckeren Currys oder Reisgerichten auf dem Weg vom Restaurant ins Büro.

Die Zukunft der Logistik: Von Roboterautos bis Crowdshipping – Die Revolution der letzten Meile. Bild: Freepik, Drazen Zigic

Solche Mobilitätslösungen können den innerstädtischen Verkehr signifikant entlasten, wenn Menschen für den Liter Milch, das Lunch-Paket oder eine Bestellung in der Apotheke nicht mehr ins Auto steigen müssen. Ausgestattet mit moderner Technik sucht sich der Corriere selbst seinen Weg und liefert seine Waren sicher und termingetreu ab.

Prozesse auf der letzten Meile sind entscheidender Baustein jeder Lieferkette

Nicht nur in Singapur, sondern auch in vielen deutschen Groß- und Mittelstädten werden die Innenstädte der globalen Metropolen immer dichter und verstopfter. Das erfordert von allen Handels- und Logistikunternehmen besondere Lösungskompetenz. Denn die Zukunft der Logistik entscheidet sich weniger auf den Weltmeeren, wo die großen Containerschiffe ihre Kreise ziehen. Und nicht in den Frachträumen der Interkontinental-Flugzeuge. Sondern primär in den Innenstädten und den letzten Meilen. Es hilft wenig, wenn ein Flugzeug oder ein Schifftag- und stundengenau mit der Ware aus Fernost oder den USA eintreffen, dann aber die Produkte im Zwischenlager verstauben oder im Lastwagen im Feierabendverkehr völlig zum Erliegen kommen.

© Antoine Cheul, Co-Founder von Shopopop

Der E-Commerce boomt und wird zugleich deutlich komplexer. Dadurch nehmen die Herausforderungen beim Versand zu. Gerade auf der letzten Meile müssen die Abläufe stimmen, da es hier zum direkten Kontakt mit den Kunden kommt.

E-Lastenräder schlängeln sich am Stau vorbei

Die „Last Mile“ wird immer stärker zum Erfolgsfaktor für Unternehmen. Dabei kommt es nicht nur auf Pünktlichkeit und jederzeitige digitale Nachverfolgbarkeit des aktuellen Lieferstatus‘ an. Sondern auch darauf, die „letzte Meile“ so nachhaltig wie möglich zu gestalten. E-Lastenräder beispielsweise sind nicht nur klimaschonender als ein Auslieferungssprinter auf Benzin- oder Dieselbasis, sondern auch deutlich flexibler bei der Auslieferung kleinerer Warenlieferungen und Pakete. Mit einem Lastenrad können die Fahrer beispielsweise auf dem Radweg am Verkehr vorbeiziehen, wenn sich die Autos auf der Straße mal wieder stauen.

Klingeln, wenn die Hausherren wirklich daheim sind

Auch Künstliche Intelligenz wird wichtiger auf den letzten Metern eines Bestellprozesses. So erkennt etwa das hessische Start-up Green Convenience mithilfe von KI, wann Kunden die bestellte Ware in Empfang nehmen können. In Göttingen geht die Software jetzt in den Praxistest. Denn nichts ist ärgerlicher und für die Versender mit weiteren Ausfahrten und damit Kosten und Emissionen verbunden, als wenn die Verbraucher nicht zu Hause sind. Auch die Annahmebereitschaft der Nachbarn sollte dabei nicht überschätzt werden.

Durch eine datenschutzkonforme Kombination von Big-Data-Analytik und Standortdaten kann die Software von Green Convenience voraussagen, wann Kunden zu Hause sind. Auf diese Weise lässt sich laut des Unternehmens ein Zeitfenster ermitteln, in dem die Zustellung mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit gelingt. Ein echter Quantensprung – nach Schätzungen scheitern derzeit rund 20 Prozent der Erstzustellungen weltweit, in Deutschland sind es nach Angaben von Green Covenience immerhin fünf bis zehn Prozent.

Micro-Hubs als Basis für den „Quick Commerce“

Neben KI spielen auch Micro-Hubs als Schnittstelle zur letzten Meile eine immer wichtigere Rolle. Sie sind die Basis dafür, dass Händlerinnen und Händler in Ballungsräumen ihrer Kundschaft etwa die Auslieferung von Online-Bestellungen innerhalb einer Stunde anbieten können, das sogenannte Quick Commerce.
Micro-Hubs sind mobile oder stationäre Sammelpunkte für Pakete in Innenstadtlagen oder Wohngebieten. Dort werden dann Produkte für kurze Zeit zwischengelagert und dann auf emissionsarme Fahrzeuge umgeladen. Für fast zwei Drittel der Händler ist das Konzept besonders für Lebensmittel geeignet. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Studie des EHI Retail Institute aus dem Frühjahr vergangenen Jahres.

Aus Nachbarn werden Freunde – und Lieferanten

KI, Micro-Hubs – wo bleibt da eigentlich noch der Mensch in der effizient-nachhaltigen Lieferkette? Kurze Antwort: Er oder sie spielt nach wie vor eine zentrale Rolle – und sollte gerade für die letzte Meile innovativ mitgedacht werden. Bestes Beispiel dafür ist das sogenannte Crowdshipping, mit dem Shopopop gerade in Deutschland durchstartet. Die Kernidee dahinter: Mitmenschen und Nachbarn werden zu Lieferanten, verdienen sich etwas Geld bequem dazu und verringern so unter dem Strich die Zahl der Fahrten und der Gesamtemissionen.

Shopopop hat den ersten kooperativen Lieferdienst in Europa gegründet: Statt fremder Fahrerinnen und Fahrer wie bei herkömmlichen Lieferdiensten bringen Menschen aus dem eigenen Stadtteil oder gar dem eigenen Haus die gewünschten Waren zu den Bestellern. Davon profitieren alle: die Händlerinnen und Händler, die Kundinnen und Kunden, die daheim die gewünschten Produkte schnell erhalten und selbst kein Auto besitzen oder nur eingeschränkt mobil sind. Und schließlich die Zulieferinnen und Zulieferer, die sich etwa auf dem Heimweg durch das Ausliefern ein paar Euro hinzuverdienen.

Dank Shopopop werden Lieferungen nachhaltiger. Klar: Viele der Fahrerinnen und Fahrer sind in ihre eigenen Autos unterwegs, die wenigsten davon bereits mit Elektroantrieb. Aber sie wären das ohnehin gewesen, auf dem Weg ins und vom Büro nach Hause oder zum Supermarkt. Da ist es ein großer Vorteil, wenn sie auf dieser Strecke kurz anhalten, online vorbestellte Ware bei sich einladen und diese dann an die Besteller in der Nachbarschaft auf der letzten Meile mitnehmen.

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