Beschaffung in China: Shenzhen – das nächste Silicon Valley?

Shenzhen hat sich rasant zur Welthauptstadt der Elektronik entwickelt. Die Megacity besitzt nicht nur eine exzellente Infrastruktur, sondern auch einen gewaltigen Pool an Talenten. Sie eignet sich sowohl für die Fertigung eigener Produkte, als auch für die Beschaffung.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Es ist nicht besonders neu, eine aufstrebende High-Tech-Region als Silicon Valley zu bezeichnen. Das kalifornische Silicon Valley im südlichen Teil der San Francisco Bay Area fungierte als Inkubator für Unternehmen wie Apple, Intel, Google, AMD, San Disk, Adobe, Symantec, Yahoo und natürlich Facebook. Es existieren weltweit viele High-Tech-Standorte, die aus Marketing- und Identitätsgründen an das kalifornische Silicon Valley anknüpfen wollen. Dazu gehören beispielsweise das indische Bangalore, das israelische Silicon Wadi in Haifa (Tel Aviv), das brasilianische Silicon Valley in Campinas oder auch der deutsche IT-Cluster Rhein-Main-Neckar.

Warum also ist Shenzhen besonders und tatsächlich prädestiniert als neues Silicon Valley bezeichnet zu werden? Was rechtfertigt die Bezeichnung Silicon Valley? Die Bezeichnung Silicon (deutsch: Silizium) wird auf die hohe Anzahl von Industriebetrieben zurückgeführt, die im kalifornischen Silicon Valley Halbleiter und Computer herstellen. Heutzutage wird dieser Begriff generell auf die gesamte Hightech-Branche ausgeweitet. Am Anfang des Silicon Valleys steht zudem die Stanford Universität und die Idee der Ansiedlung von durch Studenten gegründeten Unternehmen auf angrenzenden ungenützten Landflächen (Stanford Industrial Park). Mittlerweile existieren neben der Stanford Universität eine Vielzahl weiterer Schulen und Zweigstellen anderer Universitäten. Laut Stephan Grabmeier, Experte für New York und Innovation bei Kienbaum, existiert ein Masterplan mit sechs Erfolgsfaktoren für das Silicon Valley: vorhandene staatliche Subventionen, großes Flächenangebot, sehr gute Infrastruktur, reichlich Venture-Kapital, Ausnahmetalente sowie ein ausgesprochener Gründergeist (eine Kultur des Gründens und Scheiterns).

Warum also Shenzhen?
Die Megacity, die an Hong Kong angrenzt, hat eine extreme Transformation hinter sich. In den 80er-Jahren war Shenzhen noch ein Fischerdorf mit 30 000 Einwohnern, als es von der chinesischen Regierung (geführt unter Deng Xiaoping) den Status der ersten Sonderwirtschaftszone Chinas erhielt und somit staatlich subventioniert und ebenso ausländischem Kapital geöffnet wurde. Sie gilt heute als eine der schnellst wachsenden Städte der Welt (momentan circa 12,5 Millionen Einwohner) mit mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in China. Die Megacity besitzt nicht nur eine exzellente Infrastruktur, sondern auch einen gewaltigen Pool an Talenten. Der Hafen von Shenzhen liegt im Hafen-Ranking des World Shipping Councils mittlerweile auf Platz 3 mit rund 24 Millionen Tonnen jährlichen Umschlagsvolumen. Hong Kong liegt mit knapp 20 Millionen nur noch auf Platz 6. Shenzhen Baoan International Airport ist der viertgrößte Flughafen Festlandchinas. Zudem sind die Verbindungen von und nach Hong Kong optimal ausgebaut. Güter, die in Shenzhen hergestellt werden, können einfach und direkt über den Seehafen und den Flughafen versendet werden.

Die Qualität der Ausbildung hinkt laut dem China Education Newspaper noch um einiges dem Ausbildungsniveau der amerikanischen Talente in der San Francisco Bay Area hinterher. Allerdings wurden in den letzten Jahren einige neue Universitätsstandorte angesiedelt. Dazu gehören SUSTech, die Chinese University of Hong Kong (Shenzhen), die Shenzhen MIS-BIT University, der Sun Yat-Sen University Shenzhen Campus und das Harbin Institute of Technology (Shenzhen). In der ganzen Stadt hat sich eine lebhafte Startup-Kultur ausgebreitet.

Traumwelt für Gründer und Produktentwickler.
Das amerikanische Startup-Magazin Inc. bezeichnet Shenzhen aufgrund billiger Bauteile, günstiger Fertigung und Versendung, billigen Arbeitskräften und Crowdsourcing als Traumwelt für Gründer und Produktentwickler. Es ist sehr einfach Prototypen herstellen zu lassen und direkt danach ein Crowdfunding beispielsweise via Kickstarter ins Leben zu rufen.

Laut dem Magazin sind schon Venture.
Capital-Geber und sog. Tech-Startup-Accelerators (Technologie-Startup-Beschleuniger) aus Kalifornien in Shenzhen präsent. Dazu gehört HAXLR8R, die sich vor allem auf Robotik, Internet der Dinge und tragbare Geräte wie z. B. Fitnessarmbänder und Smartwatches spezialisieren. Der Accelerator bietet ein 111-Tage-Programm für Startups mit anschließender Vorstellung in San Francisco an. Der Hax-Partner Benjamin Joffe bezeichnet Shenzhen als „Silicon Valley für Hardware“. Nachdem das Elektronik-Startup Voltera mit seinem Leiterplatten-3D-Printer in das HAX-Programm aufgenommen wurde, zog es direkt in die chinesische Megacity, um dort die Kontrolle über den Fertigungsprozess und die Supply Chain zu übernehmen. Der Mitbegründer von Voltera bezeichnet Shenzhen als „Welthauptstadt der Elektronik“. Gemäß dem Inc. Magazin sollte man aber bei der Ansiedlung in Shenzhen noch weitere Dinge bedenken. Dazu gehört die weitgreifende Überwachung des Internets in China, Ideenklau und Produktpiraterie, aber auch eine geringe Unternehmenssteuer von 25 Prozent sowie die Vielzahl von vorhandenen Teilelieferanten und Herstellern.

Ideendiebstahl muss eingeplant werden.
Der Diebstahl des geistigen Eigentums an Produktideen ist sehr weit verbreitet und muss eingeplant werden. Ein strenges Immaterialgüterrecht und auch der Vollzug von Gesetzen wie in Amerika oder Europa existieren nicht. Diebstahl des geistigen Eigentums, Wirtschaftsspionage und Produktfälschungen werden vielmehr durch den Staat, Großunternehmen und Hersteller ausgeübt. Manchmal, wie z. B. beim Hoverboard, kopieren die Entwicklungsteams von chinesischen Herstellern neue Produkte im Internet und produzieren nahezu identische Produkte oder die chinesische Partnerfirma stellt nebenbei Produkte für den eigenen Verkauf her, die eigentlich für eine ausländische Firma hergestellt werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die eigenen Produkte schnell bei Aliexpress oder Alibaba wiederfinden ist also groß. Laut dem amerikanischen National Crime Prevention Council stammen acht Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts aus der Fälschung von Software, Konsumgütern und Industrieprodukten.

Beschaffung in Shenzhen.
Nichtsdestotrotz eignet sich die Megacity gut für die Beschaffung von Elektronik- und IT-Produkten. In Shenzhen werden 90 Prozent der weltweit erzeugten Elektronikprodukte hergestellt. Möchte man also Elektronikartikel beschaffen, kommt man kaum um Shenzhen herum. Allerdings sind viele Hersteller in der Stadt nicht ausreichend nach EU-Normen zertifiziert. Eine Überprüfung ist daher dringend notwendig. Die Gewinnmargen sind aber hoch, sodass sich der Aufwand durchaus lohnt. Die Chancen einen vertrauenswürdigen Lieferanten zu finden sind weitaus größer, wenn man schon im Vorfeld einer Chinareise eine Produkt- und Lieferantenrecherche durchführt und ersten Kontakt aufnimmt.

Für die Lieferantensuche eignen sich neben Google auch Alibaba, Aliexpress, DHgate sowie die Verzeichnisse Global Sources und Made in China. Um in Shenzhen Produktideen zu finden, ist der Besuch der Elektronikmärkte im Huaqiangbei-Gebiet zu empfehlen. Dazu gehören der SEG Square, Shenzhen SEG Electronic Market und der Shenzhen New World Communications Electronics Market. Die Geschäfte sind gleichzeitig Vertretungen von Herstellern in Shenzhen. Mit der „Shenzhen Map for Makers“ (s. Download) lassen sich einige dieser Geschäfte bzw. Lieferanten lokalisieren. Sollten Produkte für das Sourcing in Frage kommen, kann man die einzelnen Fabriken besuchen und sich die Produktion zeigen lassen. Da die meisten Händler kein Englisch sprechen, sollte man einen Übersetzer anstellen. Eine weitere Möglichkeit für den Einstieg in das China Sourcing ist die Zusammenarbeit mit einem vertrauenswürdigen Sourcing Agenten. (DR)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019

 

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