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Kabotage: Schluss mit der Scheinheiligkeit

24. Mai 2018 11:10
Kabotage: Schluss mit der Scheinheiligkeit

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Österreichs Transportwirtschaft fordert europaweit wirksame Kabotage-Regeln und politische Unterstützung, um den drohenden Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen.

BEITRAG: REDAKTION

Österreichs Transportunternehmen und hier besonders die Frächter sind auf das Thema Kabotage schlecht zu sprechen. Die EU macht es möglich, dass Frächter aus den Niedriglohnländern in Osteuropazu günstigeren Preisen in Österreich Transporte abwickeln und die heimische Branche dabei das Nachsehen hat. Das Jahr 2017 war für die Transportbranche insgesamt gesehen ganz okay. Konjunkturbedingt war die Auftragslage in den einzelnen Branchensegmenten weitgehend zufriedenstellend. „Doch der Fachkräftemangel hat die Transportbranche erfasst, es fehlt an Lkw-Fahrern. Es gibt nicht wenige Unternehmen, die Lkw abgestellt und mögliche Aufträge nicht annehmen können, weil nicht ausreichend Fahrer zur Verfügung stehen“, stellt Christian Strasser, Spartenobmann Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer Oberösterreich fest. Es gehen leider wesentlich mehr Lenker in Pension als junge Leute den Kraftfahrer als Beruf wählen.

Gründe dafür sind neben der demografischen Entwicklung das immer noch ausbaufähige Image des Lenkerberufs bzw. des Transportwesens generell. Eine aktive Beteiligung an der Kampagne Lkw „Friends on the Road“ sollte daher für jeden Transportunternehmer eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn Strasser das Wort Kabotage hört verfinstert sich sein Gesicht. Kabotage werde von all jenen, die meinen, dass Güterbeförderung am besten gar nichts kosten darf, als Ausfluss der EU- Dienstleistungsfreiheit ins Treffen geführt. Industrie und Verladerschaft quer durch Europa haben hier eine klare Interessenlage und finden in den relevanten EU-Gremien offenbar auch ausreichend Gehör“, hat Strasser den Eindruck. Nur so lässt sich die unzureichende Art und Weise, wie dieses Thema europarechtlich geregelt ist erklären. Kabotage-Verstöße durch Marktteilnehmer vorwiegend aus (Süd-) Osteuropa sind schwer kontrollier-und sanktionierbar. Strasser: „Das europaweit oft hörbare Geheule in Politik, Medien und Öffentlichkeit über Wettbewerbsverzerrung, Sozialdumping usw. ist scheinheilig, ansonsten wäre die Bereitschaft, für einen lauteren Wettbewerb am Transportmarkt in Mittel- und Westeuropa durch wirksame Kabotageregelungen und deren Kontrolle zu sorgen, höher.“ Der Anteil von Kabotage an der Gesamtverkehrsleistung steigt jährlich, jener der heimischen Transporteure nimmt konstant ab. Strasser nimmt sich kein Blatt vor denMund, wenn er sagt: „Industrie und Verladerschaft haben aus Kabotagetransporten, die von der Grundidee her nur Leerfahrten verringern sollten, ein Geschäftsmodell geformt. Annähernd jeder dritte Kabotagetransport passiert im Rahmen eines regelmäßigen Auftragsverhältnisses.“ Unverständlich seien daher die Pläne der EU- Kommission zu einer weiteren Liberalisierung von Kabotage.

Das Thema Kabotage beschäftigt ebenso die Salzburger Transporteure genauso wie die Niederösterreichischen. „Kabotage ist immer noch ein großes Problem, weil sie nicht exekutiert und bestraft wird“, konstatiert Franz Penner, Spartenobmann Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer Niederösterreich. Die Kontrollorgane und das Gewerbe sollten in dieser Frage enger zusammenarbeiten, um die mitunter auch illegal agierenden ausländischen Akteure in die Schranken zu weisen. Ausländische Fahrer und Fahrzeuge sollten dringend strenger kontrolliert werden. Die  Kontrollbeamten sollten ihre „Samthandschuhe“ ausziehen und viel strenger kontrollieren. Hier gebe es noch einigen Nachholbedarf. Hinter der Kabotage steckt ein System im großen Stil, vermutet Penner und denkt so in die gleiche Richtung wie Strasser.„Und dieses System scheint von den EU-Billiglohnländern gesteuert zu werden“, setzt Penner nach.

Es beginnt nicht nur an Lkw-Fahrern zu fehlen, sondern auch an qualifiziertem Personal in den Büros, in den Dispositionsabteilungen. Die jungen Menschen für den Lkw-Fahrer-Beruf zu begeistern beginnt in Salzburg schon in den Volks- und Hauptschulen wo „wir hingehen, um zu erklären, dass der Lkw kein Monster auf den Straßen ist, sondern wichtiger Bestandteil für die Versorgung der Menschen“, erklärt Maximilian Gruber, Fachgruppenobmann für das Güterbeförderungsgewerbe in der Wirtschaftskammer Salzburg. Er glaubt, dass es sehr wohl potenziellen Nachwuchs für den Fahrerberuf gibt, doch der Weg dahin ist kein leichter, ein kostspieliger, zumal die Kosten für einen Lkw-Führerschein samt der damit verbunden Ausbildung schon mal mit rund 3000 Euro zu Buche schlagen. Eine der großen Forderungen der Salzburger Transporteure ist die Abschaffung der 60 km/h-Beschränkung für Lkw in der Nacht. Gruber: „Das ist totaler Schwachsinn“ und die Gründe für die seinerzeitige Einführung hätten heute keine Grundlage mehr. Von der jetzigen Regierung erhofft man sich in dieser Frage verkehrspolitische Unterstützung und die Abschaffung der Beschränkung so bald wie möglich. Unterstützung erwarten sich die Salzburger auch bei geringfügigen Fahrzeitüberschreitungen und beim Thema flexible Arbeitszeiten.

Wirtschaftlicher Aufschwung.
Zufrieden ist die Branche offenbar mit der Aufwärtsentwicklung der Transportpreise. Die Tendenz zu steigenden Preisen hängt einerseits mit dem knapper werdenden Frachtraum und anderseits mit einer offenbar um sich greifenden Einsicht bei den Kunden zusammen. Letztere hätten erkannt, dass sie die Frächter brauchen, um ihre Produkte zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Ort zu bringen. In Salzburg hatte das Transportaufkommen ab der zweiten Jahreshälfte 2017 erfreulicherweise besonders stark zugelegt, abergleichzeitig wurdeder Frachtkräftemangel offensichtlich. Wenn mehr Transporte notwendig sind, aber nicht ausreichend Fahrer für die Lkw vorhanden sind, wird der Mangel schnell schlagend. Auch in Niederösterreich gibt es keinen Grund zum Klagen, was die Nachfrage betrifft: DieFrächter profitieren vom allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung“, resümiert Spartengeschäftsführerin Patricia Luger von der Wirtschaftskammer Niederösterreich. Mit dem drohenden Fahrer-Mangel und den bürokratischen Gegebenheiten muss sich das Gewerbe auch im größten österreichischen Bundesland herumschlagen. Der Wermutstropfen dabei: Ein Prozent Wirtschaftswachstum bedeutet drei Prozent mehr Verkehr. Luger: „Das will bekanntlich niemand.“

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 2/2018

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