Kapitän Ernst Hinum hat die Kommandobrücke für immer verlassen (17.10.1928 – 9.7.1923)

„Kein Lied war je so schön, als das vom Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän…“ Wer jemals das alte Lied von Erich Meder/Karl Loubè (1936) gehört hat, sieht das Bild von Kapitän Ernst Hinum vor Augen. Aber Hinum war viel mehr als nur ein „fescher“ Kapitän, den die Schiffspassagiere gerne auf der Kommandobrücke des Schiffes bewunderten. Am 9. Juli 2023 ist Kapitän Ernst Hinum im 95. Lebensjahr von Bord gegangen.

Text: Peter Baumgartner

Als Hinum 1943 mit knapp 15 Jahren zur Ersten Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft kam, war die unbeschwerte Lebenslust und Leichtigkeit des Meder/Loubè-Liedes schon längst vorbei. Es herrschte Krieg. An vielen Fronten wurden Menschen ermordet und die Schiffe auf der Donau transportierten keine fröhlichen Fahrgäste, sondern Rohstoffe für den Krieg und Truppen für den Sieg. Längst war die 1. DDSG „fest in deutscher Hand“. Statt strahlend weiß, trugen die Schiffe Tarnanstrich. Am Heck der Schiffe wehte das Hakenkreuz und am Sonnendeck stand kein Liegestuhl, sondern ein Flakstand. An Bord gab es zwei Besatzungen – die Schiffsbesatzung und die Wehrmachtsbesatzung. Keine schöne Zeit für einen aufstrebenden Burschen, der trotzdem unbeirrt sein Ziel, Donaudampfschiffahrtskapitän zu werden, verfolgte.

Vor 80 Jahren begann die Laufbahn eines ungewöhnlichen Donaukapitän in einer ungewöhnlichen Zeit. Quelle: Ernst Hinum

Wie so oft im Leben, wo das Glück stets auf der Seite der Tüchtigen ist, hatte auch Hinum gerade in den ersten Jahren seiner beruflichen Laufbahn sehr viel Glück. Gerne und oft erzählte Hinum seine Erlebnisse in den Kriegsjahren an Bord und wie oft er nur um Haaresbreite dem Tod entgangen ist. Tief in sein Gedächtnis hat sich das traumatische Erlebnis eingebrannt, als sein Schaufelraddampfer RUST in Ungarn bei einer Minenexplosion in die Luft flog. Das Schiff zerbrach in zwei Teile und versank in der Donau. Mit ihm fast die ganze Mannschaft. Der Schiffsjunge Hinum überlebte weil er Glück hatte. „Eine Gans hat mir das Leben gerettet“, berichtete er immer stolz. Durch ein Fenster konnte er dem sinkenden Schiff entkommen und schon wenige Tage später auf das Passagierschiff SCHÖNBRUNN, das heute noch immer im Einsatz ist, einsteigen. Aber auch die SCHÖNBRUNN transportierte noch keine Passagiere und Hinum hatte keine schmucke Uniform an. Erst 1946, da hatte Hinum schon seine lebensgefährliche Lehrzeit hinter sich, konnte er nunmehr als Vollmatrose, am Aufbau der DDSG-Personenschifffahrt auf der Donau mitwirken. Von Null auf 235.000 stieg allein in diesem Jahr die Frequenz und es sollten noch viel mehr werden. Jahre später lernte Hinum, dann bereits als Kapitän, einen ehemaligen US-Bomberpilot kennen, vor dessen Fliegerbomben er sich einst gefürchtet hatte. Jetzt war dieser Pilot plötzlich sein Gast an Bord seines Kabinenschiffes. Wie das Leben so spielt.

Seine reiche Erfahrung, seine ganze Empathie konnte Hinum in die Ausbildung zukünftiger Kapitäne investieren. Fachkräfte auf verantwortungsvollen Positionen war sein großes Anliegen. Quelle: Ernst Hinum

Nach seiner Zeit als Donaudampfschiffahrtskapitän in schmucker Uniform, leitete der erfahrene Kapitän noch über zwanzig Jahre die Schiffsjungenschule in Korneuburg an der Donau. In dieser Funktion konnte Hinum Generationen von angehenden Kapitänen bilden und formen, ihnen das notwendige Rüstzeug für den anspruchsvollen Beruf vermitteln und jeden Schüler in seinen Stärken fördern (damals gab es nur Schiffsjungen, keine Mädchen). Fachkräfte für die Binnenschifffahrt auszubilden, war ihm immer ein besonderes Anliegen. Der Unterricht war damals noch recht einfach. Es gab noch keinen Computer, auch keine interaktive Flipchart. Nicht mal einen Kopierer stand zur Verfügung. War auch nicht notwendig, denn die Schiffe wurden mit Verstand und nicht mit Künstlicher Intelligenz gesteuert. Und Hinum wusste sich zu helfen. So kam es schon vor, dass ein Kübel Wasser und ein Tisch herhalten mussten, damit der Alte den Jungen das Prinzip der Strömung erklären konnte. Aber die Chefs der Reederei wussten, mit dem „Material“, dass aus der Hinum-Schule kam, konnte man etwas anfangen. Trotzdem tappte Hinum am Ende seiner Karriere gelegentlich durch ein parteipolitisches Minenfeld. Und wer ihn kannte wusste, mehr Schmerzen als die Kriegsminen, hinterließen die parteipolitischen Minen in seiner Biographie.

Die Erste-Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft konnte sich auf das „Material“ aus der Hinum-Schule verlassen. Quelle: Peter Baumgartner

In Erinnerung bleibt ein Mann, der fast ein halbes Jahrhundert die Donauschifffahrt nachhaltig geprägt hat. Er war kein Uferfeuer, das mal hier und mal da aufleuchtete. Hinum war ein vorbildlicher Donaukapitän, der stets kompetent, anständig, hilfsbereit und voller Empathie den Menschen und insbesondere den ihm anvertrauten Jugendlichen, begegnet ist. Hinum hinterlässt eine trauernde Familie und eine leere Kommandobrücke bei jenen Menschen, die ihn zu schätzen gelernt haben. Das Leben von Kapitän Ernst Hinum war wie der Donaufluss. Sehr lang und sehr bedeutend. Vom kleinen Bächlein bis zum mächtigen Strom. Nach kurzer Zeit beinahe versiegt, hat der Lebensfluss seine Spuren hinterlassen. Er hat verändert, geprägt, erfreut und Fruchtbarkeit hervorgerufen. Seine Furten haben Verbindungen geschaffen, wo Menschen zueinander finden wollten. Gleichzeitig hat der Flusslauf auch für eine gesunde Distanz gesorgt. Aber seine Inseln wurden immer zu Rückzugs- und Erholungsgebieten. Nun ist das Ziel erreicht. Der Fluss und das Leben haben ihr Ziel erreicht. Aber aus und vorbei ist es am Ende doch nicht. Im Gegenteil. Wie der Wasserkreislauf immer wieder von Neuem beginnt, hinterlassen die Spuren des Lebens Keimlinge, die irgendwo wieder neues Leben schaffen.

Kapitän Ernst Hinum an Bord seines Kabinenschiffes THEODOR KÖRNER. Quelle: Ernst Hinum

Kapitän Ernst Hinum wird am 24. Juli 2023 am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 87AReihe 86/Nr. 26), Simmeringer Hauptstraße 234, Tor 9, beerdigt.

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