Ritter der Au

Was bedeuten die nationalen und europäischen Biodiversitäts-Initiativen für die Wasserstraße, für die Nasse Logistik und Binnenschifffahrt? Passt die Nasse Logistik überhaupt in den „Klimaschutzrahmen“ für den Verkehrssektor, bzw. hat man für die Binnenschifffahrt in diesem Rahmen überhaupt einen Platz reserviert?

Redaktion: Peter Baumgartner

Wichtige und entscheidende Fragen auf dem Weg zur Klimaneutralität – gerade für den Verkehrssektor. Geht es doch schlicht und ergreifend um einen der dreckigsten Wirtschaftsbereiche überhaupt und überall. Gerade deshalb ist man immer wieder perplex, wenn von „Verkehrsexperten“ und Logistikern die Frage kommt: What the fuck ist Binnenschifffahrt? Es herrscht geradezu eine „Wasserstraßen-Phobie“. In den meisten Ländern und ganz besonders in Österreich, ist die Nasse Logistik so etwas wie eine Fußnote, eine Anmerkung, die aus dem Tagesgeschäft ausgeblendet wird, um den Textfluss für Bahn und LKW nicht zu stören. Österreichs Masterplan für den Güterverkehr 2030 trägt die Grüne Handschrift.

Die als umweltfreundlich ausgewiesene Binnenschifffahrt soll aber auf Basis 2018 bis 2040 nur um 1 % (EIN Prozent) zulegen. Diese Menge könnte man getrost auf der Straße belassen, wenn es gelingt, deren Leerfahrten zu reduzieren und die Auslastung wenigstens um fünf Prozent zu verbessern. Um zu erklären, wie man auf 1-Prozent-Wachstum nach über 20 Jahren kommt, braucht es hingegen nur ein paar richtungsweisende Papiere. Zum Beispiel das Aktionsprogramm Donau 2030. Auch dieses Papier trägt die Grüne Handschrift und erklärt, warum die Binnenschifffahrt eben weiterhin auf der Grundlinie bleiben soll. Das allein reicht aber noch nicht aus. Da behindern noch ein paar Untiefen die Nasse Logistik. Zum Beispiel die Ramsar Konvention, die Vogelschutzrichtlinie, Fauna-Flora-Habitat, Natura2000, die Auenstrategie Österreich, der Nationale Gewässerbewirtschaftungsplan, die Wasserrahmenrichtlinie usw., usw..

Doch sowieso liegt es gar nicht in der Hand Österreichs sein eigenes Infrastrukturpotential richtig zu nützen, denn dem stehen übergeordnete Ziele gegenüber, denen man sich als Clubmitglied zu unterwerfen hat. Ganz wichtig, der EU-Green Deal, die EU-BiodiversitätsRL und natürlich die 17 biblischen Tafel (SDGs) der Vereinten Nationen, von denen einige nur ganz ohne Nasse Logistik umsetzbar sind. Alles auf einen Nenner gebracht ergibt folgerichtig 1 Prozent Wachstum bis 2040 für die Nasse Logistik. PUNKT. Aber auch ohne diese Untiefen, die „Nasse Logistik“ und die Binnenschifffahrt haben viele Fressfeinde. Manche kommen als Parasiten daher und nützen die Binnenschifffahrt nur als Wirt. Andere wiederum machen richtig Jagd auf die Binnenschifffahrt um sie ohne Tötungsabsicht zu erlegen. Echte Prädatoren hat die Binnenschifffahrt wenig. Dafür ist sie selber in einigen Ländern zu groß.

Der Spitzenprädator in Österreich ist aber garantiert die Politik. Dabei ist es völlig egal, welche Farbe diese Politik gerade hat. Nur die Politik ist groß genug, um die Nasse Logistik und die Binnenschifffahrt zu fressen. Irgendwann gelingt ihr das auch. Momentan befinden sich die Kontrahenten (schon seit Jahrzehnten) in einer Art Koevolution, wo der gegenseitige Nutzen die Tötungsabsicht verzögert. Dabei mangelt es nicht an zukunftsorientierten Programme und Initiativen in den Bereichen Wasserbau, Schiffbau, Nautik, Schiffstechnik, Schiffs- und Hafenlogistik. Vom Flachwasserschiff über das autonom fahrende Schiff bis hin zum Wasserstoffantrieb und naturnahen Wasserbau, der Tisch biegt sich vor lauter „gesunden“ und ökologischen Programmen. Tatsächlich wurden in den letzten Jahren auch schon große technologische Fortschritte erreicht und man könnte sagen, qualmende Schiffe gehören der Vergangenheit an.

Von den unzähligen Programmen profitieren aber hauptsächlich die Wissenschaft und „Fördernehmer“, deren Business lukrative Fördertöpfe sind. Daneben die Banken und Versicherungen. Am wenigsten die Binnenschiffer selber. Natürlich gibt es auch zahlreiche „Kümmerer“, die nur das Beste für die Binnenschifffahrt im Sinn, aber keine Umsetzungsstrategie haben. Dazu zählt das gesamte Verbandswesen. Zu den Sargnägeln der Binnenschifffahrt zählen aber auch staatliche Kümmerer, denen man isoliert betrachtet sogar gute Motive unterstellen könnte. In der Gesamtschau sind sie Fressfeinde der Binnenschifffahrt.

In Holland zum Beispiel, immerhin ein Land mit guten Voraussetzungen für die Nasse Logistik,
gibt es staatliche Emissionsschnüffler am Ufer. Man nennt sie liebevoll „Schnuffelpaal“ und wenn ein vorbeifahrendes Schiff die feine Nase stört, kommen sofort die bösen Jungs an Bord. Man stelle sich vor, so einen Schnüffler würde es auf der Westautobahn geben, der jeden LKW überwacht. Das wäre ein Spaß! Man könnte an dieser Stelle auch aufhören und resignierend zur Kenntnis nehmen, dass die Binnenschifffahrt in der Logistik den Platz an der Grundlinie für alle Ewigkeit gepachtet hat.

Zur Vollständigkeit fehlen aber noch die „Ritter der Au“. Das sind die natürlichen Feinde der Binnenschifffahrt, die wegen der gemeinsamen Infrastruktur Wasserstraße, jeder für sich legitime Ansprüche stellt, die kaum – oder nur wenig mit der Nassen Logistik kompatibel sind. Dazu zählen die Fischerei, die Energieversorger, die Wassersportler und die Freizeitwirtschaft. Ein Ruderer kann beispielsweise ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen, ein Recht auf die Nutzung der Wasserstraße zu haben. Er darf sogar mit dem Rücken zum Verkehr, also blind durch die Gegend fahren.

Das ist ganz OK – stellt nur leider den 10.000 Tonnen-Schubverband vor enorme Herausforderungen. Komisch – ein Radfahrer darf auf der Autobahn nicht fahren. Schon gar nicht rückwärts. Nicht mal schieben darf man seinen Drahtesel am Pannenstreifen. Am ehesten Verständnis kann man noch mit jenen Fressfeinden der Binnenschifffahrt aufbringen, die sich unter dem Begriffen Aktivisten, Klimaschützer oder Anrainer subsumieren lassen, Sie werden gelegentlich selber instrumentalisiert oder wissen es oft nicht besser. Dann kämpfen sie einen Stellvertreterkrieg, bei dem die Binnenschifffahrt zwar angegriffen, aber gar nicht der Feind ist. Beispielhaft soll hier eine Gruppe genannt werden, die sich tatsächlich „Ritter der Au“ nennt.

Diese Bürgerinitiative bekämpft den Bau eines Chemiewerkes direkt an der Wasserstraße Donau, weil das Projekt nach ihrer Meinung Interessen der Natur und Anrainer arg benachteiligt. Leider, aus der Sicht der Umweltschützer, ist der Standort seit über 40 Jahren als Industriestandort gewidmet, obwohl es sich tatsächlich um ein schützenswertes Gebiet handelt und Anrainer in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen.

Grundsätzlich ist ein verladender Produktionsbetrieb direkt an der Wasserstraße geradezu ideal für die Binnenschifffahrt und ein Paradebeispiel dafür, wie Industrieansiedlungspolitik und Raumordnung funktionieren sollten. Nur, das besagte Chemiewerk will die direkt verfügbare Nasse Logistik gar nicht nützen. Stattdessen will man die Logistik auf der Straße abwickeln – 60 Gefahrgut-LKW Fahrten pro Tag! Damit ist es nicht nur perfekt gelungen die Anrainer auf die Palme zu bringen, der Spitzenprädator der Nassen Logistik hat zugeschlagen. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 5/2023

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