Binnenschiffer – Digital Immigrant?

4. Dezember 2017 10:24
Binnenschiffer – Digital Immigrant?

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Andernorts bestimmt bereits zunehmend 4.0 das Betriebsgeschehen. Die Binnenschifffahrt hinkt da in einigen Ländern noch gut zwei Punkte hinten nach.

Das hat zwar nichts mit der üblicherweise geringeren Geschwindigkeit zu tun in der sich Schiffe fortbewegen, aber ein wenig symptomatisch ist es schon. Wir fahren einmal los, dann sehen wir schon, wo und wann wir ankommen. So oder ähnlich lautet die abwartende Strategie der Binnenschifffahrt. Das war immer so und hat immer ganz gut funktioniert. Allerdings in einer Welt, in der es die Geschäftspartner auch nicht viel anders gemacht haben.

In der digitalen Logistikwelt gibt es Partner, die – wie in der Formel 1 – auch schon mal überrundet werden. Wer also bei der Digitalisierung zu früh den Fuß vom Gashebel nimmt, hat das Nachsehen. Zunehmend ist es nicht mehr der einzelne Unternehmer, der die Geschwindigkeit in seinem Betrieb bestimmt, es ist immer mehr die Gruppe, innerhalb derer sich Geschäftspartnerschaften abspielen (wollen). Wenn sich beispielweise der Hafen Rotterdam einer Blockchain bedient, kann sich ein Binnenschiffer, der im Hafen Geschäft machen will, nicht mehr allein auf den Papierkram beschränken. Dabei hat die Binnenschifffahrt als „digitales Einwanderungsland“ das Glück, im Sog der Partner mitschwimmen zu können und ohne sich selber großartig zu engagieren, auch irgendwann zu den 4.0 Visionären zu zählen.

„Vorschwimmer“ Holland
Aber Schiffe sind keine Bürogebäude an Land und daher sind auf dem Weg zu Binnenschifffahrt 4.0 noch einige technische Hürden zu überwinden. Jeder, der schon unterwegs mit mobiler Kommunikation gearbeitet hat weiß, dass es in der digitalen Infrastruktur durchaus noch erhebliches Verbesserungspotential gibt. Besonders in der Binnenschifffahrt sind oft Speziallösungen gefordert und der relativ überschaubare, schwimmende Markt ist für Anbieter nicht immer interessant. Innovator in der Binnenschifffahrt ist – wie so oft in der Vergangenheit – die Niederlande. Kein Wunder, die Hälfte der europäischen Binnenflotte fährt unter der niederländischen Flagge.

In Holland hat man schon vor etlichen Jahren damit begonnen, neue Kommunikationstechnologien auf Binnenschiffen zu implementieren. Mit „Binnenschifffahrt 3.0“ wurde 2015 begonnen, den Plan vom „Internet der Schiffe“ (inspiriert durch IoT) umzusetzen. Das Ziel ist zunächst, die Wettbewerbsfähigkeit der Binnenschifffahrt zu verbessern. Aber schon mittelfristig wird an der Umsetzung halbautonom fahrender Binnenschiffe gearbeitet. Die ersten herzeigbaren Erfolge werden im November 2017 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Zum Beispiel können schon jetzt untereinander vernetzte Schiffe Wasserstand und andere Daten in Echtzeit austauschen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Optimierung der Transportabläufe liefern.

Zuerst geht der Kapitän von Bord
Mit dem wirtschaftlichen Nutzen durch Schiffseffizienzsteigerung, soll die Digitalisierung – so die Befürworter – auch zu mehr Schiffssicherheit beitragen. Konkret wird erwartet, dass auf autonom fahrenden Binnenschiffen, wo es  keine Besatzung mehr gibt, auch keine menschlichen Fehler mehr begangen werden können. Klingt vielversprechend wenn es stimmt, dass die häufigste Unfallursache der menschliche Fehler ist. Allerdings gehen die Meinungen stark auseinander, wenn man hinterfragt, was ein menschlicher Fehler überhaupt ist. De facto kann der menschliche Fehler auf einem Binnenschiff ja nicht nur vom Kapitän auf der Brücke begangen werden, sondern schon vorher von ganz vielen anderen Menschen, bevor das Schiff überhaupt schwimmt.

Das „Menscheln“ und damit die Gefahr, dass es zu menschlichen Fehler kommt, beginnt sozusagen bereits im Konstruktionsbüro, wo das spätere Binnenschiff nur ein paar Striche auf Papier ist. Es wird also wenig nützen, wenn man den „menschlichen Fehler an Bord“ auslöscht – ohne die lange Reihe potentieller „Täter“ davor nicht berücksichtigt. Folgt man also konkret der Ansicht von Befürwortern für autonome Schiffe, dann muss man den Schiffsbau vom Entwurf bis zum Stapellauf der Digitalisierung überlassen. Und dann sind noch immer nicht alle menschlich möglichen Fehler ausgeschlossen. Die europäischen Bemühungen um die Digitalisierung in der Binnenschifffahrt zielen hauptsächlich auf eine Optimierung der nassen Infrastruktur ab.

Für Verlader in Europa sind ein hochwertiges Wasserstraßensystem und ein Netz von Binnenhäfen und Containerterminals sehr wichtig. Die Verbesserung der Wasserstraßen würde ihre Effizienz, Zuverlässigkeit und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Das ganz große Ziel, nämlich aus der Binnenschifffahrt eine nachhaltige Alternative für den Straßenverkehr zu machen, wird aber wohl auch durch die Digitalisierung unerreichbar bleiben, wenn sich nicht gleichzeitig die Transport-
politik in Europa grundlegend ändert. (PB)

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