Der österreichische Handel zwischen Lust und Frust

Zum Auftakt des für den Handel extrem wichtigen Weihnachtsgeschäfts gab es Streiks am ersten Dezemberwochenende. Über die aktuellen Herausforderungen der Handelsbranche, schwierige Entwicklungen und auch Lichtblicke sprach Logistik express mit dem Geschäftsführer des Österreichischen Handelsverbandes, Rainer Will.

Redaktion: Angelika Gabor

Österreich ist per Definition aktuell in einer Rezession, die Inflation ist die dritthöchste in der EU. Woran liegt das, was kann/muss man tun?

Richtig, die österreichische Wirtschaftsleistung hat sich im dritten Quartal um 1,8 Prozent verringert. Gleichzeitig haben wir im europäischen Vergleich noch immer eine viel zu hohe Teuerungsrate von 5,4 Prozent. Der EU-Schnitt liegt mittlerweile bei 2,4 Prozent. Das ist ganz klar ein Versagen der Bundesregierung bei der Inflationsbekämpfung, so ehrlich muss man sein. Den Preis dafür zahlen jetzt vor allem die heimischen Betriebe, die extrem hohe KV-Abschlüssen bei sinkenden Umsätzen finanzieren müssen. Denn im Gegensatz zu den Beamten, die vom Staat finanziert werden, haben wir im Handel nicht den Luxus, höhere Gehälter über Schulden zu finanzieren und auf die Bürger abwälzen zu können. Die Händler müssen die Löhne, die sie auszahlen, selbst verdienen.

Am ersten Dezember-Wochenende fanden Warnstreiks im Handel statt. Was sind die Konsequenzen daraus? Wer muss nachgeben und warum? Sind Kollektivverträge ein Relikt?

Der österreichische Handel ist mit 709.000 Beschäftigten Jobmotor und größter Arbeitgeber des Landes. Viele Politiker glauben offenbar noch immer, dass wir einen Goldesel in jedem Geschäft stehen haben. Die Realität schaut ganz anders aus. Viele Handelsbetriebe befinden sich aufgrund der Teuerung in einer Zwickmühle. Einerseits geben die Kunden weniger aus, andererseits sind die Kosten durch die Decke gegangen. Neben den hohen Energiekosten belasten inflationsabhängige Aufwände wie Löhne, Miete und Pacht ebenso wie der hohe Leitzins und die Gebühren die Kapitalstruktur und Liquidität, mittlerweile kommen nicht nur KMU, sondern auch beschäftigungsintensive Lebensmittelhändler unter Druck.

Auf Konsumentenseite belasten die Preissteigerungen in vielen Lebensbereichen – insbesondere bei den Wohnkosten – den privaten Konsum, höhere Kreditzinsen kommen erschwerend hinzu. Die Ausgaben fließen zudem seit Corona viel stärker in „das Leben im jetzt“ – also in Urlaubsreisen, Gastronomie, Hotellerie und Freizeitdienstleistungen, während die klassischen Warenkäufe und damit die realen Umsätze im Handel seit 12 Monaten rückläufig sind. Daher haben es auch Boutiquen, Modehäuser, Möbel- und Baustoff- und Elektronikhändler schwer. Besondere Zeiten brauchen besondere Lösungen, das gilt insbesondere auch für die KV-Verhandlungen. Wir hoffen, dass auch die Gewerkschaft die akute Gefahr für die Beschäftigung im Handel erkennt und verantwortungsvoll handelt. Wenn die Gewerkschaft weiterhin streiken will, wird sie es auf ihre eigenen Fahnen heften müssen, wenn nächstes Jahr viele arbeitende Menschen keinen Job mehr haben. Wir verlangen nicht mehr, als dass die Gewerkschafter der Realität ins Auge schauen. Wenn sie das absichtlich nicht wollen, ist jede Diskussion sinnlos. Von Streiks im Weihnachtsgeschäft profitiert jedenfalls niemand im Land – weder die Händler, deren Umsätze wegbrechen, noch die Konsumenten, die beim Einkaufen im stationären heimischen Handel behindert werden, noch die Arbeitnehmer, weil dadurch zwangsläufig weniger vom Kuchen zu verteilen bleibt. Es gewinnen lediglich Drittstaatenhändler – die Gewerkschaft fördert also den Kaufkraftabfluss in den ausländischen eCommerce.

Arbeitszeiten und Verdienst im Handel sind für viele unattraktiv, es gibt viele offene Stellen. Würde da ein kräftiges Gehaltsplus nicht Abhilfe schaffen?

In den 1950er Jahren galt der Handel tatsächlich noch als „Billiglohnbranche“. Diese Zeiten sind glücklicherweise lange vorbei, heute ist der österreichische Handel ein attraktiver, zukunftssicherer Arbeitgeber. Das Vollzeit-Mindestgehalt beträgt mittlerweile 1.945 Euro und macht die Attraktivität der Branche auch in Zahlen deutlich. Wir haben faire Arbeitsbedingungen und flexible, familienfreundliche Arbeitszeiten, die stetig verbessert werden. Die Hälfte aller Handelsmitarbeitenden ist fünf Jahre und länger im selben Unternehmen beschäftigt, ein Drittel sogar länger als zehn Jahre. Und 79 Prozent der Handelsmitarbeiter bewerten ihren Job als „attraktiv“.

Stichwort Energiekostenzuschuss – kommt das Geld bei den Unternehmen an, gibt es Verbesserungsbedarf?

Der Energiekostenzuschuss 1 war de facto ein reiner „Industriekostenzuschuss“, kaum ein Händler hat davon profitiert. Auf massiven Druck des Handelsverbandes hat die Bundesregierung die Kriterien für den Energiekostenzuschuss 2 dahingehend geändert, dass auch Handelsbetriebe endlich eine Unterstützung bekommen. Das war überfällig, immerhin hatte unsere Branche heuer mit Energiemehrkosten von einer halben Milliarde Euro zu kämpfen. Die Antragsfrist für den EKZ 2 läuft noch bis 7. Dezember, rund die Hälfte der heimischen Händler ist laut unserer jüngsten Händlerbefragung anspruchsberechtigt. Problematisch ist auch die Komplexität der Beantragung, die viele kleine und mittelständische Unternehmen überfordert.

Es gibt vermehrt Insolvenzen, welche davon sind „echt“ und welche haben sich nur durch Corona- und andere Hilfen verzögert?

2023 haben wir branchenübergreifend ein inflationsbereinigtes Umsatzminus von fast 4 Prozent, einige Handelssektoren haben sogar zweistellige Erlösrückgänge. Neben dem Bau ist keine Branche stärker von Insolvenzen gefährdet als der Handel! Wir mussten heuer bereits über 6.400 Schließungen verkraften. Natürlich war die Corona-Pandemie ein Mitauslöser vieler Insolvenzen. Nicht ohne Grund haben wir immer wieder vor „Financial Long Covid“ – also Liquiditätsproblem aufgrund der Lockdowns und fehlender Entschädigungen – gewarnt. Rund ein Fünftel der österreichischen Handelsbetriebe hat übrigens noch immer nicht alle Corona-Entschädigungen in voller Höhe erhalten.

Welche Erwartungen haben Sie für das Weihnachtsgeschäft?

Generell ist der Dezember für den Großteil der österreichischen Einzelhändler der wichtigste Monat im Geschäftsjahr, er gilt branchenintern als „5. Quartal“. Die absoluten Mehrumsätze, die durch das Weihnachtsgeschäft erzielt werden, haben von 2015 bis 2020 – also vor Corona – stetig zugelegt. Während der Pandemie sind die Weihnachtsumsätze allerdings deutlich gesunken. Im Vorjahr lag der Dezember-Mehrumsatz in Österreich bei 1,36 Milliarden Euro. Insgesamt lag das Umsatzvolumen bei 7,3 Mrd. Euro und der gesamte Jahresumsatz 2022 im österreichischen Einzelhandel bei 72,5 Mrd. Euro. Heuer befürchten wir für das Weihnachtsgeschäft aufgrund des Kaufkraftverlustes der Bevölkerung einen erheblichen Umsatzrückgang von 9 Prozent. Laut unserer aktuellen Konsumentenbefragung werden die Pro-Kopf-Ausgaben für Weihnachtsgeschenke heuer von 395 auf 359 Euro einbrechen.

Wie wichtig ist ein verkaufsoffener 8.12.?

Der 8. Dezember firmierte früher im Handel stets als „fünfter Einkaufssamstag“, er hat jedoch in den letzten Jahren spürbar an Bedeutung verloren. Für einen großen Teil der Händler ist er schlicht nicht leistbar. Warum? Die Beschäftigten erhalten am 8.12. zusätzlich zum normalen Monatsentgelt in voller Höhe für jede am Feiertag geleistete Stunde eine Abgeltung in der Höhe des normalen Stundensatzes (Feiertagsarbeitsentgelt) sowie zusätzliche Freizeit im Ausmaß von mindestens 4 bis 8 Stunden und 100%ige Zuschläge. Damit ist dieser Tag für den Handel der kostenintensivste der Jahres. Aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt (Personalqualifizierung und Personalmangel) und der anhaltenden Teuerungskrise werden auch heuer voraussichtlich 40 Prozent der heimischen Geschäfte am Marienfeiertag nicht aufsperren. Manche Händler halten am 8. Dezember auch traditionell geschlossen, um das Employer Branding zu stärken. Mit Blick auf die niedrige Öffnungsquote sollte man dringend über Optimierungsmöglichkeiten nachdenken, damit künftig wieder mehr Händler offenhalten und auch alle Angestellten sowie die gesamte Volkswirtschaft davon profitieren können. Auch seitens der Gewerkschaft wurde ja bereits vor Jahren eine Reform der Zuschläge in Aussicht gestellt, die aber nach wie vor aussteht.

Black Friday/Cyber Monday haben sich auch in Österreich etabliert. Gibt es schon ein Resümee zu den Verkaufszahlen 2023?

Die Konsumlaune der Österreicher ist leider auch während der Black Week ziemlich trüb geblieben. Knapp zwei Drittel der Menschen haben heuer die Angebote rund um die Aktionstage “Black Friday“ (24. November) und “Cyber Monday“ (27. November) genutzt. Deutlich zurückgegangen ist allerdings die Ausgabebereitschaft: Lag das durchschnittlich eingeplante Budget für die beiden Shoppingtage im Vorjahr bei 297 Euro pro Kopf, waren es heuer nur noch 274 Euro – ein nominelles Minus von 8 Prozent. Inflationsbereinigt bedeutet das sogar ein deutlich zweistelliges Umsatzminus.

Der stationäre Handel ist unter Druck, wenn man sich die vielen freien Ladenflächen ansieht, haben einige schon das Handtuch geworfen. Ist dieser Trend aufzuhalten? Wie?

Wir leben in spannenden Zeiten mit riesigen gesellschaftlichen und geopolitischen Veränderungen. Auch im Handel erleben wir gerade riesige Umwälzungen. Wenn wir den stationären Handel weiterhin so vernachlässigen, verlieren unsere Orte und Städte an Lebensqualität. In den vergangenen Jahren wurde die Branche ohnehin schon erheblich zerstört, indem wir den globalen Digitalgiganten dieser Welt de facto Steuerfreiheit gewährt haben. Damit haben wir nicht nur einzelne Unternehmen sterben lassen, sondern wir gefährden damit auch unsere Gemeinden, unsere Lebensqualität. Manche Innenstädte sind inzwischen völlig ausgestorben, das ist nur noch traurig. Wenn die Europäische Union weiterhin zulässt, dass ausländische Drittstaatenhändler und Ultra-Fast-Fashion-Anbieter hier um billigstes Geld absoluten Schrott verkaufen dürfen, setzen wir unsere Stadtkerne aufs Spiel. Und natürlich schafft der Handel auch Arbeit – für 709.000 Familien Menschen ist er die Lebensgrundlage, das sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

Der HV betont schon lange die Notwendigkeit der Digitalisierung. Gibt es Fortschritte?

Unseren Händlern ist völlig klar, dass es an der Digitalisierung und an Künstlicher Intelligenz kein Vorbeikommen gibt. Viele zählen hier zu den absoluten Vorreitern. Ein Drittel hat bereits KI-Tools im operativen Einsatz, und täglich werden es mehr. Aber: 44 Prozent aller Betriebe haben zurzeit einen Investitionsstopp verhängt – sie können sich die erforderlichen Investitionen in neue Technologien schlicht nicht mehr leisten. Daher braucht es mehr gezielte staatliche Förderungen für Digitalisierungsprojekte, aber auch endlich eine faire Besteuerung, damit für den Händler ums Eck dieselben Regeln gelten wie für die digitalen Giganten. Solang es die bestehenden steuerlichen Schlupflöcher gibt, haben die stationären Händler einen enormen Nachteil. Es ist höchste Zeit, dass man da in Brüssel einmal aufwacht und diese Realitäten anerkennt.

Wie sieht der Wunsch ans Christkind aus?

Eines ist klar: Der Staat kann nicht uns retten. Wir können den Staat retten, aber nicht umgekehrt. Wir sehen das bei der Pensionsdebatte. Da wird herumgeeiert, aber die Leute gehen im Schnitt mit 63 in Pension. Im Handel würden wir liebend gern, wenn es sich steuerlich auszahlt, ältere motivierte Menschen im Verkauf arbeiten lassen – egal ob 10, 20 oder 30 Stunden. Viele würden das sofort machen. Das hält die Menschen länger fit und gesund –und ist in vielen Fällen der Ersatz für den Psychotherapeuten. Wer aber heute in seiner Pension arbeitet, hat einen steuerlichen Nachteil. So blöd sind die Leute natürlich nicht. Genau das meine ich, wenn ich sage, wir müssen unsere eingefahrenen Systeme ändern. Dasselbe gilt für die Kinderbetreuung.

Wir schreiben 2023 und haben noch immer keine flächendeckende, leistbare Kinderbetreuung in Österreich. Gerade der Handel ist weiblich. 72% unserer Angestellten sind weiblich. Für eine Steigerung der Vollzeitquote ist es ist essenziell, dass Frauen, die noch immer den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung übernehmen, größtmöglichen Spielraum haben. Investitionen in die Kinderbetreuung sind daher die besten Investitionen für unsere Zukunft. Davon profitieren nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern. Sie können sich auch beruflich besser freispielen und Stunden erhöhen oder sogar in Vollzeit arbeiten, was auch dem vorherrschenden Arbeitskräftemangel entgegenwirken würde. Ein Win-Win-Win – das wünsche ich mir heuer vom Christkind! (RED)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 5/2023

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