Die Menschen verblöden, dafür wird KI immer besser. Ein Nullsummenspiel?

Die Quote der Analphabeten steigt, nicht nur bei Asylwerbern und Migranten, sondern auch bei Österreichern. Gleichzeitig fehlt es an Fachkräften, wohin man blickt. ChatGPT und andere KI sind auf dem Vormarsch und in der Lage, unterschiedlichste Textsorten zu verfassen oder auch Programme zu schreiben. Dummerweise benötigen sie dafür Unmengen an Strom, und den sollen wir doch einsparen, um das Klima zu schützen…

Redaktion: Angelika Gabor

Kürzlich sorgte eine Meldung für Aufruhr, wonach 70 Prozent der Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten (überwiegend Syrer und Afghanen) im Jahr 2022 Analphabeten waren, und somit kaum in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Diese Meldung stimmt – und auch wieder nicht. Wirft man nämlich selbst einen Blick in die Berichte des österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) dann erkennt man, dass es sich dabei um die lateinische bzw. römische Schrift handelt – diese Menschen können schon lesen und schreiben, aber halt in ihrer Muttersprache, also beispielsweise arabische Schrift, und diese sieht unserem Alphabet nicht wirklich ähnlich. Der hierfür passende Ausdruck ist Zweitschrift-Analphabeten. Das ist zwar auch nicht ideal, lässt sich aber wesentlich einfacher beheben als tatsächlicher Analphabetismus. Das Traurige kommt jetzt: global gesehen können etwa 860 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben, alleine in Österreich ist es knapp eine Million Menschen – und davon hat die Hälfte Deutsch als Muttersprache. Es handelt sich hierbei um „funktionale Analphabeten“ – die Lesekenntnisse reichen aus, um ein Bier zu bestellen.

Kein Wunder, dass man auf orf.at inzwischen „Nachrichten in einfacher Sprache“ aktivieren kann. Dazu passen die Mitte Mai veröffentlichten Ergebnisse der 2021 durchgeführten, internationalen Volksschul-Lesestudie PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study). Mit 530 Punkten erreichten unsere Viertklässler Rang 16 von 57 Teilnehmerländern – das sind um 11 Punkte weniger als noch 2016, und um ganze 57 Punkte weniger als der Testsieger Singapur. Deutschland liegt mit 524 Punkten auf Rang 19. Vor uns liegen aber beispielsweise auch England, Polen, Australien oder Bulgarien. Jedes fünfte Kind in Österreich hat eine Leseschwäche, wobei Buben schlechter abschneiden als Mädchen. Ob sich das wohl je ändert?

Ein Freund der Familie testet gerade ausführlich ChatGPT und ist begeistert. Zum Spaß ließ ich ihn einen meiner verfassten Artikel aus der vorherigen LOGISTIK express Ausgabe 1/2023 – es ging um Elektromobilität – analysieren. Die gute Nachricht: meine Bewertung war erstklassig, das Programm bescheinigte mir gute Recherche, keine inhaltlichen Fehler und Wortgewandtheit. Die schlechte Nachricht: für den gleichen oder einen vergleichbaren Beitrag hätte das Programm nur ein paar Sekunden benötigt, während ich Stunden damit verbracht habe. Durch das Nutzen künstlicher Intelligenz ist es möglich, einfache Schreibarbeiten per Knopfdruck zu erledigen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch komplexe Schriftsätze wie Anklageschriften damit erstellt werden können – falls das nicht ohnehin bereits der Fall ist. Diplomarbeiten werden also bald nicht mehr plagiiert, sondern via KI produziert, wie praktisch! Die nächste Herausforderung der Lehrer in den Schulen wird also nicht mehr nur sein, sich zu verständigen, sondern auch, zu erkennen, ob Hausübungen menschgemacht sind oder nicht. Ganz ehrlich, ich möchte kein Lehrer sein. Kleine Anekdote am Rande: laut US-Magazin Platformer hat Microsoft, das gerade 10 Milliarden US-Dollar in ChatGPT investiert hat, sein „office of responsible AI“ aufgelöst – also jenes Team, das an der Schnittstelle zwischen KI und Produktdesign dafür sorgte, dass die Produkte ethisch vertretbar, verantwortungsvoll und nicht zum Schaden der Menschheit eingeführt werden.

Automatisierung ist ja nicht neu, und in gewisser Weise sind künstliche Intelligenz und ihre Anwendungen nur eine weitere Form der Automation. Was jedoch nur Wenigen bewusst ist, ist der immense Energieverbrauch, der durch die internetbasierten Anwendungen entsteht.

Eine Studie des norwegischen Instituts für Zukunftstechnologien hat ergeben, dass alleine Facebook aufgrund der enormen gespeicherten Datenmengen jährlich rund 2,5 Milliarden Kilowattstunden Strom verbraucht – das entspricht knapp der Hälfte des energetischen Endverbrauchs der Österreichischen Landwirtschaft im Jahr 2021, oder dem durchschnittlichen Jahres-Energieverbrauch von 700.000 US-Haushalten (die nicht gerade fürs Energiesparen bekannt sind). Der Smartphone-Boom und Social Media sind wahre Energiefresser, dazu passen die aktuellen Zahlen des Internetmonitors der Telekomregulierungsbehörde: im Jahr 2022 betrug der Datenverkehr im Festnetz und mobilem Breitband kombiniert rund 9.200 Petabyte (9,2 Millionen Terabyte), Tendenz stark steigend. Bei wem hängt nicht das Handy nachts am Ladekabel? In der Verteilersteckdose neben elektrischer Zahnbürste und dem Tesla X…

Ist es nicht absurd, dass wir uns in einer Energiekrise befinden und Strom sparen sollen, gleichzeitig aber Elektromobilität propagiert wird? Die Klimaerwärmung zu stoppen, muss auf der Prioritätenliste ganz oben stehen, keine Frage, und dazu zählt eine Reduktion des CO2-Ausstoßes. Aktuell gelten Elektrofahrzeuge als probates Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Kürzlich habe ich jedoch einen Bericht gelesen, der mich an der Sinnhaftigkeit bzw. an den Erfolgsaussichten ernsthaft zweifeln lässt. Darin ging es um die weltweiten CO2-Emissionen.

China verursachte im Jahr 2021 etwa 11,47 Milliarden Tonnen CO2, das ist fast ein Drittel der globalen Emissionen (insgesamt 37,1 Milliarden Tonnen) – das entspricht 31,42 Millionen pro Tag. Zum Vergleich: in Österreich waren es im 77,5 Millionen Tonnen im ganzen Jahr! Gut, China ist größer als Österreich – trotzdem bedeutet das, wir blasen im Jahr so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre wie China in nicht einmal 60 Stunden!

Dabei wird auch im Land der Mitte in Elektromobilität investiert, wenngleich es keine Subventionen für den Kauf neuer E-Fahrzeuge (mehr) gibt. Klimaneutralität bei Fahrzeugen ist dort erst bis 2060 eingeplant. Kein Wunder, dass Mercedes mittels Geely die Verbrennungsmotorproduktion nach China übersiedelt hat. Auch Audi plant, nach dem Aus in Europa in China weiterhin Modelle mit klassischem Antriebsstrang zu vermarkten. Um den wachsenden Bedarf an Energiespeichern zu decken, werden in China bis 2030 mehr als 100 Gigafactories mit einer Gesamtkapazität von über 2.000 Gigawattstunden errichtet. Da steht zwar nicht fest, woher der ganze nötige Strom kommt, aber man weiß zumindest, wo man ihn speichern kann. (AG)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 2/2023

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