Gründerboom bereitet Sorgen


Sieben Beispiele für den gelungenen beruflichen Umstieg

Angst gehört dazu. Heute noch pragmatisierter Beamter, morgen Gründer einer Werbeagentur: Dummheit oder Verwirklichung eines Traums? An den beruflichen Umstieg denken viele frustrierte Arbeitnehmer und Unternehmer – doch so mancher hat Angst vor finanziellen Einbussen.

Helmut Brem ist pragmatisiert. Als ihn seine Frau – wie jeden Tag – vor seinem Arbeitsplatz beim Wiener AMS absetzt und er – wie jeden Tag – jammert, wie sehr ihm die Arbeit auf die Nerven geht, schneidet sie ihm das Wort ab: „Entweder du hörst auf zu sudern oder du kündigst.“ Gesagt, getan: Brem geht sofort zu seinem Chef und kündigt den Job auf Lebenszeit. Heute ist er Chef seiner eigenen Werbeagentur Park Communications.

Den täglichen Unmut, seinen Arbeitsplatz aufzusuchen, kennen viele. Das bestätigen Studien über den steigenden Anteil jener, die innerlich bereits gekündigt haben. Doch für den zweiten Teil der Brem-Geschichte – die tatsächliche Kündigung und das Aufgeben eines sicheren Jobs – fehlt den meisten einfach der Mut.

Unerfüllte Vorstellung
Gabriela Novotny ist Beraterin und Coach und betreibt die Plattform www.bewerbung.at. Rund 15 Prozent ihrer Kunden suchen Novotny auf, weil sie mit ihrer aktuellen beruflichen Situation unzufrieden sind und sich beruflich völlig neu orientieren wollen. Novotny: „Meistens sind es Menschen, die bewusst einen bestimmten Weg eingeschlagen haben, deren Vorstellungen sich aber nicht erfüllt haben.“ Dann stehen diese Menschen an einem Lebenswendepunkt und fragen sich: Hat das eigentlich Sinn, was ich mache? Würde mir nicht etwas anderes mehr Spass machen?

Auslöser für eine Kehrtwende während der Karriere gibt es viele: Häufig ist es eine generelle Unzufriedenheit, eine Häufung von Fehlern oder Mobbing am Arbeitsplatz. Oder es taucht im Zuge des Lebensweges ein Thema auf, etwa eine zusätzliche Ausbildung oder ein Hobby, das jemanden so sehr fasziniert, dass er seinen Job dafür aufgeben möchte. Genau das war es bei Gert Humer, der eigentlich einen „tollen Job bei IBM“ hatte.

Doch bereits während des Studiums hat Humer angefangen, hobbymässig Wein zu keltern. „Das Thema wurde immer spannender.“ Irgendwann entschied er sich, ganz ins Weingeschäft einzusteigen. Gerade die Aufbauphase war schwierig. Die Familie hat bei dieser Entscheidung jedenfalls eine grosse Rolle für Humer (Weinbau Humer) gespielt: „Ich war so im Arbeitstrott, dass ich nicht mehr sicher war, ob meine Beziehung das aushält.“

Häufig Burnout
Aber auch das klassische Burn-out-Syndrom kann den Umstieg auslösen. Andrea Ristl, Geschäftsführerin bei Eblinger & Partner Human Resources Management Consulting: „Viele sagen sich: Ich habe in meinem Job alles gegeben, aber nicht genug Anerkennung bekommen. Die Balance kommt ins Kippen und oft zeigt sich das auch körperlich, durch Bluthochdruck oder Schwindel.“

Eine ähnliche Situation hat Helga Kerschbaum erlebt. Sie war ab 1980 Richterin in Wien, unter anderem am Bezirksgericht Innere Stadt. 1991 wurde sie wegen einer Krankheit dazu gezwungen, in den zeitlichen Ruhestand zu gehen. „Wäre ich nicht krank geworden, hätte ich weiter gearbeitet.“ Heute hält Kerschbaum Vorträge und ist Buchautorin.

Wolfgang Luif hatte eine ganz andere Motivation für seinen Umstieg. Er ist allerdings seinem alten Job als Trainer bei SAP zum Teil treu geblieben; seit sechs Jahren arbeitet er aber nur mehr jeweils die Hälfte des Jahres. Die andere Jahreshälfte lebt er in Thailand, wo er aidskranken Kindern das Leben erleichtert. „Mir geht es darum, den Kindern Magic Moments zu bereiten.“ Mit Hilfsprojekten, die er aus eigener Tasche finanziert, ermöglicht er Armen und Kranken einige Glücksmomente.

Finanzielle Bedenken
Grösste Hürde für einen Umstieg sind finanzielle Bedenken. So gut wie alle der hier befragten Umsteiger verdienten zumindest in den ersten Jahren weit weniger als in ihrem früheren Arbeitsverhältnis. Um dem aus dem Weg zu gehen, rät Gabriela Novotny: „Bleiben Sie so lange wie möglich in ihrem alten Arbeitsverhältnis, denn es ist leichter als aus der Arbeitslosigkeit einen neuen Job zu beginnen.“ Am besten bereitet man sich während des jetzigen Jobs durch Ausbildungen auf den Traumberuf vor.

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