Psychische Probleme im Job häufen sich, sagen Experten


Ungehörte Hilferufe aus der Arbeitswelt 

Menschen definieren sich über ihre Arbeit, die Konkurrenz unter den Mitarbeitern wächst – die Folge sind Überlastung und psychische Probleme, oft auch Selbstkündigung. „Anrufe von Menschen, die mit Problemen an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr zurechtkommen, sind mit den Jahren mehr geworden”, sagt Stefan Brinskele, Geschäftsführer des Psychosozialen Diensts Wien (PSD), einer psychologischen Soforthilfe-Stelle.

Die PSD-Hotline (Telefon: 01/31 330) erhält rund 12.000 Anrufe im Monat, rund 20 Prozent haben mit Problemen am Arbeitsplatz zu tun. Dieser Anteil stieg in den letzten fünf Jahren kontinuerlich, sagt Brinskele. Dabei sei die Hemmschwelle nach wie vor hoch – genau wie die Dunkelziffer von psychisch angeschlagenen Beschäftigten. Die Anzahl der Selbstkündigungen, wenn der Job zur psychischen Belastung wird, sei ebenfalls höher als vermutet.

Chefs rufen an
Anrufe gibt es täglich – dabei sind es selten Betroffenen selbst, sondern die Kollegen, die helfen wollen und sich beraten lassen, wie sie es angehen sollen. Manche rufen aber nur an, um Kollegen zu schaden – „das kommt zwar selten vor, aber man merkt das meistens schon beim ersten Telefonat”. Und wenn der Chef anruft? Das kommt zwar auch selten vor – aber wenn, dann stehe die Leistung im Vordergrund. „Meist beschweren sich Chefs, dass jemand nicht teamfähig sei oder aggressiv.”

Wie erkennt man als Beobachter Symptome? „Der Betroffene ist zurückgezogen, isoliert, vernachlässigt sein Äusseres, die Leistung lässt nach – und merken tun’s hauptsächlich die Kollegen”, sagt Brinskele. Dabei kann es sogar Hinweise auf Psychosen geben: „Wenn jemand sagt, sein Kollege führe Selbstgespräche, dann kann das so ein Hinweis sein”, sagt der Psychotherapeut. PSD-Berater helfen, indem sie auf spezialisierte Ärzte hinweisen oder den Betroffenen besuchen und mit ihm Therapiemöglichkeiten besprechen. „Bei rechtzeitiger Inanspruchnahme einer professionellen Hilfe können wir eine Kündigung verhindern”, sagt Brinskele.

Zu viele Ansprüche
Gründe für psychische Probleme bei Mitarbeitern sind nicht nur die steigenden Anforderungen im Job, auch die Erwartungen an einen selbst sind höher, sagt Clemens Stieger, Personalberater und Psychotherapeut: „Man definiert sich ja zunehmend über den Job.” Privat- und Berufsleben laufen so ineinander über, es gibt keine klaren Grenzen mehr. Der Druck, ein glückliches Leben zu führen, ist gestiegen, gerade weil der Druck im Job generell gestiegen ist, sagt Stieger.

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