Roman Stiftner: Lieferketten müssen resilienter werden

Die Gobalisierung erlebt derzeit einen radikalen Wandel. Produktionen rücken näher zu regionalen Märkten. Was nicht allein schmerzlich sein muss, sondern auch Chancen birgt ist Roman Stiftner, Präsident des European Shippers’ Council überzeugt.

Text: Redaktion.

Herr Stiftner, die Wirtschaft ist derzeit mit großen Veränderungen konfrontiert und der Ukraine-Krieg sorgt für massive Verwerfungen bei globalen Transportabläufen. Was bedeutet das für die verladende Wirtschaft, deren Interessen das European Shippers’ Council (ESC) vertritt?
Roman Stiftner: Es herrschen turbulente Zeiten in der Logistik. Ja, die gestörten Lieferketten im Welthandel machen uns zu schaffen und das wird auch noch einige Zeit disruptiv bleiben. Etwa ein Zehntel aller weltweit verschifften Waren sitzen derzeit irgendwo fest und behindern die Versorgung mit Gütern und Rohstoffen. Das Ausmaß hat auch bereits die Endkonsumenten erreicht, Wunschprodukte sind nicht lieferbar und die Inflation zieht gehörig an.

Die Corona-Pandemie hat Lieferketten massiv beeinträchtig und viele wurden notleidend. Was soll die verladende Wirtschaft unternehmen, um die Lieferketten resilienter gegen Unwägbarkeiten zu machen?
Stiftner: Die Wiederherstellung der Resilienz ist die Priorität für das Supply Chain- Management. Kurzfristig wird die verladende Wirtschaft wohl der Situation mit Krisenmanagement beikommen können. Ich bin überzeugt, dass sich die Zielprioritäten zugunsten der Qualität und Regionalität verschieben werden. Praktisch bedeutet das, dass es nicht mehr darum gehen wird, eine Ware oder einen Rohstoff möglichst kostengünstig zu beziehen. Die Zuverlässigkeit des Eintreffens der Ware hat im Störungsfall mehr Einfluss auf die Kosten des Gesamtproduktionsprozesses als vergleichbar geringe Einkaufserfolge. Auch ökologisch sind manche Warenströme zu hinterfragen und werden wohl neu beurteilt werden müssen. Das ist die Chance für regionale Anbieter, da höhere Logistikkosten und das Einpreisen der Resilienz diese wieder wettbewerbsfähiger machen. Wir erleben einen schmerzhaften, aber gesellschaftlich erwünschten Wandel.

Nicht wenige Handels- und Industriebereiche in Europa haben Probleme bei der Rohstoffbeschaffung, weil sie häufig von einem einzigen Lieferanten abhängig sind. Wäre es nicht besser Rohstoffe von verschiedenen Lieferanten zu beschaffen, um Lieferrisiken zu minimieren?
Stiftner: Das ist einfacher gesagt als getan. Kein verantwortungsbewusstes Unternehmen begibt sich fahrlässig in die Abhängigkeit eines einzelnen Lieferanten. Speziell im Rohstoffsektor aber nicht nur dort sind jedoch monopolartige Lieferantenstrukturen ein Faktum. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass bei den strategisch wichtigen Metallen für Hochtechnologie eine vollkommene Abhängigkeit von China besteht.

Ich spreche hier von Rohstoffen, ohne die Technologien zur Emissionsreduktion und nachhaltiger Energieerzeugung und Mobilität aber auch Digitalisierung einfach nicht funktionieren. Ein ganz aktuelles Beispiel dafür ist Magnesium. Es wird benötigt, um Aluminium- und Stahllegierungen herzustellen. Ohne Magnesium läuft also kein Auto mehr vom Band und es wird auch keine Windkraftanlage mehr errichtet werden können. Europa ist zu 95 Prozent abhängig von China, und China hat die Lieferungen nach Europa bewusst und strategisch stark eingeschränkt. Die Folgen sind eine Preisexplosion und das Bewusstsein, dass in wichtigen Wertschöpfungsketten, wie unter anderem in der Automobilindustrie, Europa an Autonomie stark eingebüßt hat.

Wäre Europas Wirtschaft gut beraten nach Fernost ausgelagerte Produktionen wieder zurückzuholen, um Lieferketten zu verkürzen und transparenter zu machen?
Stiftner: Nicht nur Europas Wirtschaft, auch die europäische Gesellschaft wäre gut beraten, diesen Weg zu gehen. Es geht dabei nicht um ein „Zurück-in-alte-Zeiten“, sondern um die Absicherung unseres Ziels, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. Wir dürfen nicht naiv sein und glauben, dass andere Kulturkreise unsere Regeln akzeptieren und unserem Voranschreiten in der Klimapolitik einfach folgen. Die aktuelle Chipkrise zeigt, wie leicht Technologie durch leichtfertige Politik abwandern kann. Obwohl Europa nach wie vor führend im Design von Chipproduktionsprozessen ist ging die Produktion verloren. Europa benötigt eine akzentuierte Industriepolitik und den Willen, bestehende Industrien in Europa zu festigen und neue Zweige zu etablieren.

Welche Forderungen gibt es seitens des ESC an welche politischen Adressen in Europa?
Stiftner: Die Pandemie hat gezeigt, dass unsere Lieferketten krisenanfällig sind und wir deshalb gemeinsame Anstrengungen mit der Politik unternehmen müssen, sie resilienter zu gestalten. Für die gesamte verladende Wirtschaft sind die Ziele des Fit for 55-Programms zur Steigerung der Nachhaltigkeit eine große zusätzliche Herausforderung. Das ESC unterstützt die Europäische Kommission in Maßnahmen zur Reduktion des Klimawandels auch mit der Konsequenz, dass Verlader in Zukunft ETS-Zertifikate für den Transport kaufen werden müssen.

Die Politik ist hier aufgerufen, die unterschiedlichen Belastungen der Modalitäten durch das geplante ETS-Regime möglichst gering zu halten und doppelte Verrechnungen zu vermeiden. Die Einnahmen durch die Zertifikate müssen unbedingt in eine moderne Infrastruktur und digitale Innovation investiert werden. Darüber hinaus sehen wir uns mit einer schwierigen Arbeitsmarktsituation konfrontiert. In den nächsten Jahren wird ein großer Teil der Lkw-Fahrer in Pension gehen und es wird daher an autonomen Fahrsystemen kein Weg vorbeiführen. Dafür müssen die rechtlichen und infrastrukturellen Grundlagen geschaffen werden. Aktuell gilt unsere Sorge den geopolitischen Spannungen nicht nur mit Russland, sondern auch in der Taiwan-Frage. Etwa 40 Prozent des weltweiten Bedarfs an Halbleitern wird in Taiwan gefertigt, weshalb Lieferstörungen vitale Auswirkungen auf Wertschöpfungsprozesse in Europa haben und auch dem Welthandel schaden würden.

Welche Ziele wollen Sie in Ihrer Funktion als seit 2021 amtierender ESC-Präsident erreichen?
Stiftner: Mein Ziel als ESC-Präsident ist es, die Qualität und Resilienz der Lieferketten zum Wohle der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft zu verbessern. Dafür braucht Österreich und Europa mehr qualifizierte Experten. Wir müssen daher in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter investieren. Die verladende Wirtschaft ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Wir geben Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen internationale Karriereperspektiven und sichere Beschäftigung. Darüber hinaus ist es mein Ziel, den fairen und partnerschaftlichen Austausch mit den Verbänden in Asien, Amerika, Russland als wichtige Handelsregionen auszubauen. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

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