Der deutsche Mittelstand – Aufbruch in das digitale Zeitalter

Vernetzte Produktion, Big Data Analytics, Digitale Kommunikation – täglich durchdringen Schlagwörter wie diese die Industrie und verdeutlichen damit den flächendeckenden Präsenz und Relevanz der Digitalisierung. Waren es zu Beginn überwiegend Konzerne, die sich in das digitale Zeitalter aufmachten, so schlagen mittlerweile auch verstärkt mittelständische Unternehmen diesen Weg ein. Während ERP-Systeme immer breitere Verwendung finden, steigt gleichzeitig die Funktionalität der Maschinen. Dass sich daraus ein Konflikt ergibt, ist ein gutes Beispiel für die stetig wachsende Komplexität der IT-Landschaft.

Redaktion: Angelika Gabor.

Um sich den neuen Herausforderungen zu stellen und eine wettbewerbsstarke Position im Zeitalter der Digitalisierung zu schaffen, wird vermehrt in Digitalisierungsvorhaben investiert und digitale Geschäftsmodelle entwickelt. Die Investitionsvolumina sind unermesslich, der Nutzen allerdings nicht absehbar und quantifizierbar. Dabei mangelt es häufig an Know-How und Erfahrung. Beratungsunternehmen empfehlen in diesem Zusammenhang oft nur unklare Maßnahmen und berücksichtigen dabei nicht die speziellen Bedürfnisse des Mittelstands. Vor diesem Hintergrund stellt sich die CONCEPT AG die Forschungsfrage „Was braucht ein mittelständisches Unternehmen, um sich erfolgreich in das digitale Zeitalter aufzumachen?“.

Die CONCEPT AG ist eine unabhängige Management- und Umsetzungsberatung mit Sitz in Stuttgart. Seit über 20 Jahren und mit Standorten u.a. in Türkei und Brasilien, beraten Experten für Operations insbesondere mittelständische Unternehmen bei der Umsetzung schlanker Prozesse in Produktion und Logistik, Restrukturierung sowie Kosten- und Working-Capital-Optimierung. Um die Forschungsfrage zu beantworten, führte die CONCEPT AG in Kooperation mit sechs Studierenden der ESB Business School in Reutlingen und gemeinsam mit Prof. Dr. Marco Schmäh (Professor am Lehrstuhl für Marketing und Vertriebsmanagement und Mitglied des Instituts PSM) eine Studie durch. Auf Basis erforschter Kerntrends der Digitalisierung war das Ziel, mittels einer quantitativen Umfrage zu ermitteln, wie digitalisiert der Mittelstand derzeit ist, sowie jene Trends zu identifizieren, die den größten Nutzen für den Mittelstand stiften. Das aus den gesammelten Daten abgeleitete Resultat ist eine Digital Roadmap, die mittelständischen Unternehmen den Weg zur digitalen Transformation aufzeigt und als Umsetzungs-Meilensteinplan fungiert.

Vorgehensweise der Forschungsarbeit.
Anhand einer Marktforschung – unterschiedlilche Studien und Berichte aus der Industrie wurden ausgewertet – wurden vorhandene Trends und Technologien und in weiterer Folge treibende Kerntrends identifiziert. Darauf basierend erfolgte eine Feldanalyse mittels einer quantitativen Online-Umfrage bei Unternehmen des produzierenden Mittelstands. In der letzten Projektphase schließlich wurden die gewonnenen Informationen validiert und der Digitalisierungsstand ermittelt. Darüber hinaus lassen sich Rückschlüsse aus Korrelationen zwischen Kerntrends und Nutzenvorstellung des produzierenden Mittelstands ableiten. Eine Digital Roadmap rundet die Studie als Endergebnis des Gesamtvorhabens ab. Basierend auf den ermittelten Erkenntnissen stellt sie einen Leitfaden zur digitalen Transformation für den produzierenden Mittelstand dar.

Marktforschung – Trends der Digitalisierung.
Die Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen aus dem Jahr 2017 sieht insbesondere Cloud Computing und Internet der Dinge als signifikante Treiber der Digitalisierung. Demnach sollen bis 2020 über 20 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein (FHS St. Gallen 2017, S.30ff.). Die Studie “Wirtschaft Digital 2017” des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erkennt insbesondere im Bereich Big Data und Digitale Plattform große und noch ungenutzte Chancen (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2017, S.14). Weiterhin spricht das Institut für Mittelstandsforschung der Implementierung einer digitalen Arbeitsumgebung und eines digitalen Geschäftsmodells hohe Bedeutung zu (ifM 2015, S.15ff.). Insgesamt lassen sich aus den Forschungsergebnissen neun wesentliche und treibende Kerntrends der Digitalisierung identifizieren. In Anlehnung an die Quellen und im Austausch mit Experten der CONCEPT AG, wurden zu jedem Kerntrend jeweils vier Reifegrade als Indikatoren für den Grad des Implementierungsstandes definiert. Die identifizierten Kerntrends der Digitalisierung inklusive ihrer Reifegrade sind das Ergebnis der Marktforschungsphase und bilden die Grundlage für die Feldanalyse. Diese neun Trends lauten Cloud-Computing, Digitale Arbeitsumgebung, Digitale Geschäftsmodelle, Digitale Kommunikation, Digitale Plattform, Vernetzte Produktion, Machine to Machine, Big Data Analytics und
Internet der Dinge.

Feldanalyse – Digitalisierung im Mittelstand.
Die Feldanalyse wurde als quantitative Umfrage mittels Online-Plattform (SurveyMonkey) durchgeführt. Im ständigen Austausch mit Experten der CONCEPT AG und mit vorangegangener Pilot-Durchführung, entstand eine Umfrage mit insgesamt 27 (teils offenen) Fragen. Der Befragungszeitraum erstreckte sich über ca. einen Monat zwischen dem 24.04. und 27.05.2018.

Insgesamt wurden über 1.000 Kontakte unterschiedlicher mittelständischer Unternehmen überwiegend per E-Mail sowie per Telefon kontaktiert. Ferner wurde die Umfrage in bestimmten Gruppen sozialer Business-Netzwerke (z.B. Xing und LinkedIn) veröffentlicht. Insgesamt nahmen 61 Personen an der Umfrage teil, nach Abzug nicht auswertbarer Ergebnisse (aufgrund von Unvollständigkeit oder willkürlichen Angaben) verblieben 47 validierbare Umfragen. Von diesen kommen mit 36% die meisten Beantwortungen aus der Branche der Automobilhersteller/-zulieferer, gefolgt vom Maschinen- und Anlagenbau mit 26%.

Weitere kommen aus dem Gleisbau, der Filtration und Bauzulieferbranche. 38% der Rückläufe stammen aus Unternehmen mit über 1.000 Mitarbeitern, gefolgt von 501-100 und 251-500 mit jeweils 19%. Bei 36% handelt es sich um Antworten von Geschäftsführern, was für eine hohe Repräsentativität der Studie spricht. 64% der Teilnehmer stammen aus der Projektleitung Digitalisierung, dem Business Development oder der Produktion. Durch die Heterogenität der Antworten wird der Mittelstand möglichst breit repräsentiert.

Status Quo – Wo steht der Mittelstand heute?
Um den Digitalisierungsstand gesamtheitlich abzubilden, wurde der Implementierungsstand von Strategien und Investitionen, der Fortschrittsstatus pro Kerntrend anhand der definierten Reifegrade sowie der Fortschrittsstatus pro Operations Bereich ermittelt. Weiterhin vervollständigten Fragen zu den derzeit größten Herausforderungen im Unternehmen die Analyse des Status Quo. Das Thema Digitalisierung ist bei 94% der mittelständischen Unternehmen schon seit mehreren Jahren präsent. Mehr als zwei Drittel (71%) haben bereits eine Digitalisierungsstrategie teilweise oder unternehmensübergreifend implementiert. Obwohl sich viele schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen, besitzt ein Viertel davon keine Digitalisierungsstrategie.

Ein Großteil (77%) hat bereits Investitionen für Digitalisierungsvorhaben getätigt. Erwähnenswert ist weiterhin, dass 15% derer, die keine Strategie besitzen, bereits Investitionen getätigt haben.

Für eine detaillierte Analyse des Status Quo wurde der Entwicklungsstand in den Operations Bereichen Einkauf, Produktion, Qualität und Logistik anhand von vier bis fünf definierten Kriterien abgefragt. Während in den Bereichen Einkauf und Produktion durchschnittlich 60% bzw. 56% der Kriterien umgesetzt sind, sind es bei Qualität nur 37% und bei Logistik sogar nur 33% – allerdings mit sehr unterschiedlich ausgeprägten Kriterien. So nutzen im Einkauf beispielsweise 81% eine „Plattform zur Verwaltung von Lieferantendaten und Aufträgen“ und „identifizieren Teile mit schlechter Lieferperformance“. Jedoch nutzen nur 17% eine „elektronische Verhandlungsführung“. Im Bereich Produktion sind bei 17% die „Produktionsprozesse mit Lieferanten und Kunden vernetzt und Datenbestände werden automatisch synchronisiert“.

Gleichzeitig nutzen mehr als 50% „elektronische Arbeitspläne und Stücklisten am Arbeitsplatz“ und „Dashboards zur Sicherstellung der Transparenz“. Mehr als die Hälfte führt „ABC/XYZ-Analysen“ durch und nutzt ein „automatisiertes Lagerverwaltungssystem“ im Bereich Logistik. Lediglich 9% nutzen hingegen „Pick by Voice“ und nur 11% “ ein „fahrerloses Transportsystem“.

Die Ermittlung des Status Quo bezüglich der neun identifizierten Kerntrends der Digitalisierung erfolgt über vier definierte Reifegrade, wobei die Ergebnisse sehr große Diskrepanzen zwischen sehr stark und weniger fortgeschrittene Kerntrends erkennen lassen. Während Digitale Kommunikation und Vernetzte Produktion mit mehr als 70% 3. bzw. 4. Reifegrad (Selbsteinschätzung) am stärksten ausgeprägt sind, rangieren Big Data Analytics und Digitale Plattformen am anderen Ende der Skala. Bei Digitalen Plattformen hat noch kein Unternehmen den 4. Reifegrad umgesetzt.

Herausforderungen.
Die Umfrageteilnehmer mussten 14 branchen-übliche Herausforderungen nach Rating-Verfahren mit „trifft zu“ bis „trifft nicht zu“ bewerten. Demnach ist die größte Herausforderung das Erfüllen hoher Anforderungen durch individuelle Kundenwünsche, gefolgt von schwankender Kapazitätsauslastung und mangelnder Kommunikation.

Quo Vadis – Wo will der Mittelstand hin?
Zur Ermittlung des Quo Vadis bewerten die Teilnehmer mit „trifft zu“ bis „trifft nicht zu“, inwieweit sie die neun Trends als Kerntrend der Digitalisierung ansehen. Die Auswertung ergibt, dass Vernetzte Produktion, gefolgt von Big Data Analytics und Digitale Kommunikation, als wichtigste Kerntrends gesehen werden. Cloud Computing, Internet der Dinge und Digitale Geschäftsmodelle werden dagegen weniger als Kerntrends angenommen. Bei der Gegenüberstellung von Status Quo und Zielbild zeigt sich, dass die Kennlinien Reifegrad und Wichtigkeit einen ähnlichen Verlauf aufweisen. Lediglich bei Big Data Analytics und Machine to Machine ist eine große Diskrepanz zwischen Reifegrad und Wichtigkeit zu erkennen. Daraus lässt sich schließen, dass die Unternehmen diese zwei Kerntrends als wichtig für die Zukunft sehen, es aber noch nicht geschafft haben, einen entsprechend hohen Reifegrad im Unternehmen zu erreichen. Von 139 Antworten zum Nutzen der Digitalisierung nimmt der Oberbegriff Effizienz mit 38 Nennungen den ersten Platz ein, gefolgt von Datenqualität, -verfügbarkeit bzw. -relevanz. Weitere Themenbereiche sind Produktivitätssteigerung, Zukunftsfähigkeit, Kundenorientierung und Transparenz.

Digital Roadmap als Wegweiser.
Mit der Digital Roadmap wird dem Mittelstand ein Weg zur digitalen Transformation aufgezeigt. Bei der Erstellung werden zuerst bereichsspezifische sowie -übergreifende Herausforderungen des produzierenden Mittelstands (Customer Pains) analysiert. Diesen werden jeweils Nutzen (Customer Gains) zugeordnet, mit welchen die Herausforderungen bewältigt werden. Hierbei handelt es sich um die Nutzen, welche laut Auswertung von der Digitalisierung erwartet werden. Zuletzt werden die Kerntrends zugeordnet, die als Treiber (Enabler) den definierten Nutzen realisieren.

Beispielsweise zeigt sich die am häufigsten erwähnte bereichsübergreifende Herausforderung in den hohen Anforderungen durch individuelle Kundenwünsche. Die Nutzen Kundenorientierung und Flexibilität, welche mit acht bzw. zwei Stimmen genannt sind, adressieren genau dieses Problem. Kerntrend und Enabler ist in diesem Fall eine Digitale Plattform.

Eine mögliche konkrete Lösungsmaßnahme zur Bewältigung individueller Kundenwünsche ist folglich die Implementierung eines Produktkonfigurators. Mit den vorliegenden Customer Pains, Gains und Enabler gilt es im nächsten Schritt eine GapAnalyse für die aufgezeigten, sieben größten Herausforderungen durchzuführen. Von Bedeutung sind hierfür der Ist- und Ziel-Zustand, bei dem sich der Erste aus dem Reifegrad und der Zweite aus der Wichtigkeit des zugewiesenen Kerntrends ergibt. Des Weiteren werden die Herausforderungen und die entsprechenden Lösungsansätze priorisiert. Die Priorisierung wird anhand der mit den Lösungsansätzen verknüpften Nutzen sowie der Wichtigkeit der entsprechenden Kerntrends vorgenommen. Dabei ergibt sich die folgende Lücke zwischen Ist- und Ziel-Zustand sowie Priorisierung der Herausforderungen.

Aus der Berechnung gehen die drei höchst priorisierten Herausforderungen schwankende Kapazitätsauslastung, mangelnde interne und externe Kommunikation sowie geringe Vernetzung mit Lieferanten und Kunden hervor. Die Digital Roadmap definiert für diese drei Herausforderungen konkrete kurz-, mittel- und langfristige Lösungsmaßnahmen. So empfiehlt sich beispielsweise für die schwankende Kapazitätsauslastung die Einführung einer digitalen Plattform zur zentralen Auftragsabwicklung mit Kunden und Lieferanten. Im zweiten Schritt bietet es sich an, diese zu einem gemeinsamen Arbeits- und Marktplatz für Partnerangebote umzufunktionieren.

Fazit:
Big Data Analytics, Machine to Machine, digitale Plattformen – Technologien und Trends, die heute als Enabler der Digitalisierung schon vorhanden sind und in vielen Unternehmen erfolgreich umgesetzt bzw. gelebt werden. Es mangelt folglich weniger an der technischen Realisierbarkeit, sondern an der Kenntnis der Lösungsansätze der Digitalisierung und derer Nutzen. Dabei adressieren die Technologien der Digitalisierung genau die Herausforderungen, mit denen der produzierende Mittelstand häufig konfrontiert ist. Um langfristig und nachhaltig wettbewerbsfähig zu bleiben, ist der Aufbruch in die Digitalisierung unumgänglich.

Die aus der Markt- und Feldanalyse resultierende Roadmap dieser Forschungsarbeit bietet mittelständischen Unternehmen einen Leitfaden, um die digitale Transformation einzuleiten und voranzutreiben. Sie stellt in diesem Fall eine konkrete Ausprägung dar, welche sich anhand der größten ermittelten Herausforderungen ableitet. Der Ansatz zur Erstellung einer Digital Roadmap – Customer Pains, Customer Gains, Enabler, Target & Priotization und Implementation – ist allerdings allgemeingültig und wird individuell auf das Unternehmen angepasst. Entscheidend sind die richtige Priorisierung sowie die Definition eines Zielbilds, worauf basierend ein konkreter kurz-, mittel- und langfristiger Implementierungsplan konzipiert wird – die Digital Roadmap. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019

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