Alles andere als wertlos
Schrott ist ein wertvoller Rohstoff, insbesondere bei der Erzeugung „grünen Stahls“. Wer könnte besser geeignet sein für herausfordernde Logistikaufgaben als die voestalpine-Tochter LogServ, der nicht nur der Stahltransport in die Wiege gelegt wurde?
Unter dem Motto „Scrap on track“ wird die Versorgungssicherheit des Standorts Linz im Zuge der Umstellung auf eine grüne Stahlproduktion durch umfassende Aktivitäten abgesichert. Mit einem neu entwickelten Waggon wird die Schrottlogistik nun noch effizienter.
Lediglich 21,5 t Eigengewicht bei 11,6 m Länge – der schicke rote Waggon beweist, dass größer nicht unbedingt besser heißt. „Durch den Einsatz hochfester Stähle und eine spezielle Konstruktion konnten wir bis zu 5 Tonnen Gewicht einsparen, wodurch nun 68,5 Tonnen Zuladung möglich sind. Das spezielle Design sorgt zudem dafür, dass trotz der geringen Länge das Ladevolumen nicht leidet“, erklärt Markus Schinko, Geschäftsführer bei LogServ und CargoServ, die Vorzüge des gemeinsam mit TransANT entwickelten Prototypen.

Oftmals ist die vorhandene Gleisinfrastruktur begrenzt – etwa auf dem Werksgelände der Automobilindustrie – oder die maximale Zuglänge beschränkt, wodurch kürzere Wagen große Vorteile bringen. Ein weiterer Vorteil des Neuwagens ist seine Konstruktion: Aufbau und Untergestell sind getrennt, ähnlich einer Containerlösung. Als Basis dient der Standard TransANT-Plattformwagen. Schinko: „Das Untergestell mit der Technik ist kostenintensiver in der Produktion. Durch die Trennung ist es möglich, bei Bedarf mit anderem Aufbau auch andere Güter zu transportieren.“
Aktuell gibt es zwei fertige Prototypen, die gerade auf ihre offizielle Zulassung vorbereitet werden und in der Zwischenzeit schon am Werksgelände in Linz ihren Dienst versehen. Danach werden sie in regulären Verkehren auf Herz und Nieren geprüft. Schinko ist durchaus zuversichtlich: „Wenn die Tests abgeschlossen sind – wir rechnen mit Anfang 2025 –, möchten wir die Wagen für die Serienproduktion freigeben, denn wir benötigen mehrere Hundert Waggons. Aktuell sind wir auch auf der Suche nach Investoren für die Waggons, die dann später die Wagen den Transportdienstleistern zur Verfügung stellen.“
Das Ziel: die Schrottlogistik zu optimieren. Seit der Liberalisierung im Bahnverkehr gibt es in Österreich etwa 60 Eisenbahnunternehmen. Kommen die alle als Eisenbahnunternehmen in Frage? Schinko: „Ad hoc fallen mir etwa fünf internationale Bahnunternehmen ein, die aufgrund ihrer Struktur und Größe für die Durchführung der Verkehre in Frage kommen – etwa die Rail Cargo Group oder die DB Cargo.“ Die DB Cargo war bereits als Kooperationspartner bei der Entwicklung des Schrottwagen-Prototypen beteiligt.
Schrott als Rohstoff für greentec steel
Die traditionelle Stahlerzeugung ist energie- und rohstoffintensiv. Umso größer ist die Herausforderung, die Prozesse so zu gestalten, dass sie umweltfreundlicher und nachhaltiger werden. Als weltweit aktiver Stahlproduzent trägt die voestalpine große Verantwortung – der das Unternehmen mit dem Stufenplan des Programms „greentec steel“ nachkommt. Die LogServ-Gruppe begleitet die Transformation der voestalpine hin zu grünem Stahl mit innovativen umweltfreundlichen Logistikkonzepten. Im ersten Schritt hin zu grüner Stahlproduktion wird in Linz und in Donawitz je ein Elektrolichtbogenofen (EAF) errichtet.
„Im neuen Ofen wird Schrott durch elektrische Energie aufgeschmolzen. Im Gegensatz zur Produktion im herkömmlichen Hochofen ist kein Reduktionsmittel mehr notwendig und Stahl kann recycelt werden. So ist eine grünstrombasierte CO2-neutrale Produktion möglich“, erläutert Christian Janecek, Geschäftsführer der LogServ.
Durch den teilweisen Umstieg von der Stahlproduktion auf die Elektrolichtbogenöfen steigt auch die Nachfrage nach hochqualitativem, CO2-reduzierten Premium-Stahl signifikant an und somit auch der Bedarf an Schrott. Janecek: „Die metallurgische Transformation ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein großes logistisches Thema.“ Schließlich muss ausreichend Schrott in passender Qualität zu den Werken befördert werden.
Im Jahr 2018 betrug der Anteil der Lichtbogenöfen an der Stahlproduktion in der EU 41 Prozent – Prognosen gehen davon aus, dass dieser Anteil bis zum Jahr 2040 auf 66 Prozent ansteigen wird. Der Bedarf der voestalpine an Schrott betrug im Jahr 2023 1 Mio. Tonnen – bis 2027 wird sich dieser Wert auf 2,3 Mio. Tonnen mehr als verdoppeln.
Schinko: „Laut Studien wird der Mehrbedarf an Schrott in der EU bis 2040 bei 36,2 Millionen Tonnen liegen. Doch woher kommt der ganze Schrott? „Es gibt verschiedene Qualitäten und Quellen für Schrott. Eine Quelle ist der direkt aus der Automobilindustrie zugekaufte Schrott, der sogenannte Paketschrott. Das ist vergleichbar mit dem Stoff-Verschnitt beim Nähen eines Kleidungsstückes, die Reste werden recycelt“, veranschaulicht Schinko.
Neben diesen Stahlresten kommt das Material von klassischen Schrott-Händlern, die dritte Quelle ist der Eigenschrott. Für die effiziente Produktion muss der Schrott vorsortiert werden. Dies geschieht beispielsweise im neu gestalteten Schrott-Hub in Ennsdorf.
Ennsdorf als Schrott-Drehscheibe
Rund 20 km vom voestalpine Werk entfernt liegt der trimodale Logistikstandort Ennsdorf. Dort findet sich auch der Sitz der Firma Eisen Neumüller, wo gerade eifrig am Ausbau der Schieneninfrastruktur gearbeitet wird. Schließlich sollen von hier aus zukünftig täglich zwei bis drei vollbeladene Züge ins Werk nach Linz pendeln und fein sortierten Schrott liefern.
Janecek: „Der Aufbau entsprechender Gleisinfrastruktur ist aufwändig und auch genehmigungsintensiv, deshalb war es wichtig, frühzeitig zu beginnen. Zwei Gleise mit drei Weichen sind schon fertig, drei zusätzliche Gleise fix geplant.“ Auch auf zusätzliche Investitionen wie eine dynamische Gleiswaage und eine Visual-Train-Analysis wurde nicht vergessen. An dem Pilotprojekt sind neben der LogServ und Eisen Neumüller auch die Rail Cargo Group und die voestalpine-Rohstoff-beschaffungs GmbH beteiligt.
Schinko: „Im Endausbau soll von hier aus eine beachtliche Menge Schrott nach Linz geliefert werden.“ Doch nicht nur die Waggons sind neu und modern, auch das Zugfahrzeug kann sich sehen lassen. „Wir haben uns eine neue Bombardier-Lokomotive angeschafft, eine der modernsten Lokomotiven in Europa. Sie kann die letzte Meile ohne Oberleitung zurücklegen“, so Schinko stolz. Ein weiterer Vorteil der Lok besteht darin, dass ein einzelner Triebfahrzeugführer sämtliche Aufgaben abdecken kann – in Zeiten von eklatantem Personalmangel ein wichtiges Plus.
Doch wie kommt der ganze Schrott nach Ennsdorf? Natürlich auch mit dem Zug, dem umweltfreundlichsten Verkehrsträger, wie Janecek versichert: „In Zusammenarbeit mit DB Cargo werden in Schwandorf (Bayern) Schrottmengen aus ganz Deutschland kumuliert, drei bis vier Mal pro Woche kommt dann ein Shuttle nach Ennsdorf – später werden es zwei bis drei Züge täglich sein. Nach der Ankunft wird der Schrott sortiert und dann nach Bedarf umgeschlagen.“
Der vorsortierte Schrott fährt dann mittels Pendelgarnitur in Paketen von jeweils 18 Waggons nach Linz – perfekt für die Gleislänge am dortigen Schrottplatz. Um die Prozesse zu optimieren, setzt man auf moderne Digitalisierung. „Vom Vormeldesystem über den Zulauf zum und Abrufe vom Schrotthub bis hin zur Beauftragung der Transportleistungen zum Werk wird alles digital erfolgen“, freut sich Schinko.
Mit dem Aufbau des Schrott-Hubs in Ennsdorf scheint die Logistik gut für die Zukunft gerüstet. Aber was, wenn es nicht reicht? „Aus logistischer Sicht ist es nicht so einfach, neue Standorte für ein vergleichbares Schrott-Handling zu finden. Ennsdorf ist einer davon, weitere sind in Planung. Es müssen viele Faktoren berücksichtigt und mitgedacht werden. Das umfasst neben einer geeigneten Infrastruktur – man braucht zumindest eine gute Bahn- und/oder Wasseranbindung – auch die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und nicht zuletzt grüner Energie“, stellt Janecek klar. Bleibt zu hoffen, dass die Kapazitäten in Ennsdorf noch lange ausreichen. (RED)
Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2024 – Transport & Logistik



