Zoll im Wandel: Digitalisierung, Rechtssicherheit und globale Compliance als Schlüssel für den internationalen Handel
- Digitale Zollverfahren auf Erfolgskurs: Die elektronischen Zollsysteme für Versand und Ausfuhr machen die Zollabwicklung deutlich effizienter und transparenter und verbessern die Datenqualität nachhaltig. Sie schaffen damit die Grundlage für eine moderne, digital vernetzte Zollabwicklung.
- Rechtssicherheit und Schutz des Binnenmarktes: Mit Antidumping- und Ausgleichszöllen, neuen EU-Schutzinstrumenten und der geplanten Zollrechtsreform setzt die EU gezielte Maßnahmen für fairen Wettbewerb, klare Regeln und eine Stärkung der europäischen Wirtschaft.
- Globale Compliance als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor: Angesichts der faktisch weltweiten Wirkung des US-Sanktionsrechts sind umfassende Exportkontroll- und Compliance-Systeme für Unternehmen unerlässlich.
Im Rahmen eines hochkarätig besetzten Powerdays Zoll & Exportkontrolle des Verein Netzwerk Logistik (VNL) gaben Expertinnen und Experten im FH JOANNEUM in Kapfenberg aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen im Zoll- und Außenwirtschaftsrecht. Im Mittelpunkt standen die fortschreitende Digitalisierung der Zollverfahren, neue rechtliche Rahmenbedingungen sowie die wachsenden Herausforderungen durch internationale Sanktionen und handelspolitische Schutzmaßnahmen. Die Vorträge zeigten eindrucksvoll, wie sehr moderne Zollprozesse Effizienz, Rechtssicherheit und unternehmerische Verantwortung miteinander verbinden.

Resümee der Veranstaltung: Die Vorträge machten deutlich, dass Zoll und Außenwirtschaft heute weit mehr sind als reine Abwicklungsprozesse. Digitalisierung, internationale Regulierung und geopolitische Entwicklungen prägen zunehmend den Unternehmensalltag. Nur durch moderne IT-Systeme, klare rechtliche Strukturen und eine gelebte Compliance-Kultur können Unternehmen die steigenden Anforderungen bewältigen und ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern. Die präsentierten Entwicklungen zeigen: Ein leistungsfähiges, digitales und transparentes Zollsystem ist ein zentraler Baustein für einen zukunftsfähigen europäischen Wirtschaftsstandort.
Fachlicher Input und beruflicher Mehrwert beim VNL Powerday: Ein besonderes Highlight war für alle Teilnehmer:innen: Nach der Veranstaltung erhielten sie eine Teilnahmebestätigung, die – bei entsprechender Ausbildung oder einschlägiger Berufserfahrung – direkt beim Zollamt Österreich als Nachweis einer qualifizierten Weiterbildungsmaßnahme eingereicht werden kann.

Marc Wege, Zollberater, Siemens Energy Austria eröffnete den Reigen der Vorträge mit einem Blick auf 1 Jahr Liberation Day – US-Zollpolitik und deren Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft. Geoökonomie abseits der USA: MERCOSUR und BRICS und deren Einflüsse auf Europa. Ein Jahr nach dem „Liberation Day“ bleibt die Unsicherheit über US-Zollerhöhungen von bis zu 15 % eine Herausforderung für europäische Unternehmen. EU-US-Abkommen sind noch nicht abgeschlossen, und Rückforderungen zu Unrecht erhobener Zölle stehen weiterhin im Raum. Neben den USA gewinnen Mercosur und BRICS zunehmend an Bedeutung für Europa: Das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen eröffnet neue Chancen im Automotive-Sektor, während Landwirtschaftszölle kontrovers bleiben. BRICS und potenzielle Beitrittskandidaten repräsentieren fast die Hälfte der Weltbevölkerung und rund 38 % der globalen Wirtschaftsleistung und streben eine multipolare Wirtschaftsordnung an. Im Bereich Nachhaltigkeit und Regulierung macht die CBAM-Bepreisungsphase CO₂-Emissionen in Drittländern wirtschaftlich relevant für europäische Unternehmen. Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) tritt gestaffelt in Kraft und sieht Erleichterungen für Niedrigrisikoländer sowie Anpassungen im Meldeverfahren vor.
Peter Frühwirth vom Bundesministerium für Finanzen informierte über den aktuellen Stand des New Computerised Transit System (NCTS). Seit 1. Dezember 2024 ist in Österreich NCTS 6 in Betrieb. Der Umstieg verlief reibungslos, bisher wurden über 400.000 Versandverfahren mit einer sehr niedrigen Fehlerquote von rund 0,1 % abgewickelt – deutlich unter dem internationalen Durchschnitt. Österreich nutzt beim neuen System vorerst das Opt-out-Modell, bei dem Versandanmeldung und summarische Eingangsanmeldung (ENS) getrennt abgegeben werden. Grund dafür sind technische Voraussetzungen sowie Prioritäten bei anderen zentralen IT-Projekten im Zollbereich. Eine mögliche Einführung der kombinierten Anmeldung wird frühestens Ende 2026 erwartet. Ein wichtiger nächster Schritt ist die Einführung des Prozesses „Export follows Transit“, der eine engere Verknüpfung zwischen Versand- und Ausfuhrsystem ermöglicht. Durch automatisierte Prüfungen sollen Abläufe vereinfacht und die Datenqualität erhöht werden. Die Umsetzung ist für Mitte März 2026 geplant. International wird NCTS bereits von 39 Ländern angewendet, mit Bosnien-Herzegowina kommt 2026 ein weiteres hinzu. Insgesamt zeigt sich NCTS als stabiles, effizientes und zentrales Instrument für eine moderne, digitale Zollabwicklung.
Karl-Heinz Quehenberger vom Zollamt Österreich berichtete über den aktuellen Stand und die Weiterentwicklung des Ausfuhrsystems (AES) sowie über zentrale Neuerungen bei Validierung, Datenstruktur und Kontrollprozessen. Die Einführung des Systems verlief herausfordernder als beim Transit, da es sich um eine zugekaufte Software handelt, die in dieser Form bisher international noch nicht vollständig erprobt war. In enger Zusammenarbeit mit dem Dienstleister konnten wesentliche Mängel behoben werden, auch wenn noch einzelne technische Probleme bestehen. Insgesamt zeigt sich jedoch vorsichtiger Optimismus für eine stabile und effiziente Lösung. Ein Schwerpunkt lag auf der neuen mehrstufigen Validierung von Zollanmeldungen. Diese kombiniert formale Prüfungen, EU-weit vorgegebene Geschäftsregeln sowie nationale Prüfmechanismen. Ziel ist eine höhere Datenqualität, mehr Transparenz und ein reibungsloser Ablauf der Zollprozesse. Besondere Aufmerksamkeit galt dem Kontrollergebniscode A4 („geringfügige Unstimmigkeiten“), der in der Wirtschaft teils kritisch diskutiert wurde. Quehenberger stellte klar, dass A4 ausschließlich bei geringfügigen Abweichungen wie falschen Kennzeichen, leichten Gewichtsabweichungen oder gemeldeten Fehlmengen zur Anwendung kommt, sofern diese proaktiv durch den Wirtschaftsbeteiligten angezeigt werden. Werden Fehlmengen hingegen im Zuge einer Zollkontrolle festgestellt, kommt der strengere Code B1 zur Anwendung, der eine neue Zollanmeldung erfordert. Insgesamt unterstrich Quehenberger, dass die neuen Regelungen zu mehr Klarheit, Transparenz und Rechtssicherheit führen sollen und dass die enge Abstimmung mit der Wirtschaft weiterhin ein zentrales Anliegen bleibt.
Mario Horak, Group Head of Export and Customs bei Andritz, erläuterte die weitreichenden Konsequenzen der US-Exportkontroll- und Sanktionsvorschriften für europäische Unternehmen. Im Fokus standen insbesondere die US-Sanktionslisten und deren faktische globale Wirkung. Obwohl diese rechtlich nicht unmittelbar für europäische Firmen gelten, sind Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Macht der USA, der Rolle des US-Dollars und der internationalen Bankenpraxis faktisch gezwungen, sie einzuhalten. Horak erklärte, dass ein sogenannter US-Nexus – etwa durch den Einsatz von US-Waren, US-Technologie, US-Dollar-Zahlungen oder die Einbindung von US-Staatsbürgern – zur unmittelbaren Anwendung des US-Exportrechts führt. Besonders kritisch ist die „Specially Designated Nationals List (SDN)“, bei der Verstöße drastische wirtschaftliche Folgen haben können: vom Ausschluss aus dem internationalen Zahlungsverkehr über hohe Strafzahlungen bis hin zu massiven Reputationsschäden. Anhand zahlreicher Praxisbeispiele zeigte Horak, dass Verstöße nicht nur Unternehmen, sondern auch Einzelpersonen schwer treffen können. Er betonte daher die zentrale Bedeutung wirksamer Compliance-Systeme, regelmäßiger Sanktionslistenprüfungen sowie eines strukturierten internen Exportkontrollprogramms. Im Verdachtsfall empfiehlt er dringend eine rasche Selbstanzeige („Self Disclosure“), da diese als mildernder Umstand gewertet wird und hohe Strafen verhindern kann. Sein Fazit: Die Einhaltung der US-Sanktionsvorschriften ist für europäische Unternehmen wirtschaftlich unverzichtbar und steht in der Praxis oft auf derselben Stufe wie die Einhaltung des EU-Rechts. Konsequente Compliance ist damit ein entscheidender Erfolgsfaktor im internationalen Handel.
Prof. Thomas Bieber von der Johannes Kepler Universität Linz gab einen umfassenden Überblick über aktuelle zollrechtliche Entwicklungen in der EU, mit besonderem Fokus auf Antidumping- und Ausgleichszölle sowie Strategien zum Schutz des europäischen Binnenmarktes. Er verdeutlichte die hohe Komplexität des Zoll- und Außenwirtschaftsrechts, das von WTO-Recht über den Unionszollkodex bis hin zu zahlreichen Durchführungsverordnungen reicht. Ein Schwerpunkt lag auf dem Antidumping- und Antisubventionsrecht. Bieber erläuterte die rechtlichen Voraussetzungen für die Einführung solcher Schutzmaßnahmen und zeigte anhand konkreter Beispiele – etwa bei E-Fahrzeugen, Keramik- und Stahlprodukten aus China – deren wirtschaftliche Bedeutung. Besonders betonte er die Relevanz der korrekten zolltariflichen Einreihung sowie die zentrale Rolle von Umgehungsregelungen, die verhindern sollen, dass Antidumpingzölle durch Teilimporte oder Montageprozesse umgangen werden. Weitere zentrale Themen waren aktuelle handelspolitische Maßnahmen der EU, darunter geplante Schutzinstrumente für die europäische Stahlindustrie sowie die Einführung einer EU-weiten Paketabgabe für Kleinsendungen ab Juli 2026. Diese soll vor allem den stark wachsenden E-Commerce aus Drittstaaten erfassen und Missbrauch verhindern. Nationale Zusatzabgaben, wie sie in Österreich diskutiert werden, stießen hingegen auf rechtliche Grenzen durch EU- und WTO-Recht. Abschließend ging Bieber auf die umfassende EU-Zollrechtsreform ein. Geplant sind unter anderem eine zentrale EU-Zolldatenplattform, der verstärkte Einsatz digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz zur Risikoanalyse sowie die Einführung eines neuen Status „Trust & Check“-Wirtschaftsbeteiligter mit erheblichen Erleichterungen für besonders verlässliche Unternehmen. Ziel dieser Reform ist ein effizienteres, transparenteres und risikoorientiertes Zollsystem in der Europäischen Union.
VNL (Verein Netzwerk Logistik)
Der VNL (Verein Netzwerk Logistik) ist mit über 6.200 Mitgliedern das größte Wirtschaftsnetzwerk im Bereich Logistik und Supply Chain Management in Österreich. Im Zentrum steht, die aktuellen und zukünftigen Anforderungen an die Logistik mit den korrespondierenden Lösungen aus Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Unternehmen, Technologietransferstellen, Technologiezentren und privaten Logistikgesellschaften zusammenzubringen. Diese aktive Vernetzung stärkt die Logistikkompetenz der Unternehmen als auch ihrer Mitarbeiter:innen und trägt wesentlich zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft sowie Versorgungssicherheit bei. Der VNL organisiert jährlich über 60 Logistik-Veranstaltungen und über 50 Seminare, nimmt laufend an nationalen und internationalen Forschungsprojekten teil, tritt regelmäßig beratend im institutionellen Bereich auf und ist Gründungsmitglied des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Darüber hinaus unterstützt der VNL als Gründungsmitglied die Dachmarke „AUSTRIAN LOGISTICS“, eine Initiative des Bundesministeriums für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI), welche die exzellenten weltweit erbrachten Leistungen österreichischer Logistik hervorhebt. Der VNL vertritt außerdem die Interessen der heimischen Logistik in der European Logistics Association (ELA).
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Ing. Bernd Winter, MSc
Pressesprecher VNL
bernd.winter@vnl.at
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