Die aktuell wichtigsten Themen für die Zukunft des Energiesektors – Schwerpunkte Deutschland und Europa

Dass die Zukunft weitestgehend elektrisch ist, ist völlig unbestritten. Gerade jetzt werden jedoch einige besonders wichtige Weichen für diese Zukunft gestellt – darunter auch in einem für die europäische Energiewende zentral wichtigen Land.

Europa mag ein Verbund diverser gleichberechtigter Nationen sein. Deutschland allerdings nimmt durch Größe, Lage und wirtschaftlicher Bedeutung die Rolle eines Schlüsselsteins für die Energiewende ein – ohne dass die Deutschen mitziehen, bleiben die meisten Bestrebungen in anderen Nationen lediglich regionale Erfolge.

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Als diesem Land und der restlichen EU klar wurde, dass eine tiefgreifende Energiewende vonnöten ist, stellte man rasch fest, dass es mit dem Umbau der Stromerzeugung in Europas Ländern nicht getan ist. Besonders Deutschland musste zwingend seine bisher inselartigen Stromnetze massiv umbauen, um Energie von der Bretagne nach Ostpolen, von der norddeutschen Küste nach Kärnten zu transportieren.

Folgerichtig stellte man deshalb mit der ersten Ausfertigung des Netzentwicklungsplans eine zentral wichtige Weiche, um die Energiewende zu ermöglichen und die Transformation des Energiesektors zu beschleunigen.

Auch aktuell finden sowohl für Deutschland wie Gesamteuropa weitere Schritte und Entwicklungen statt, die nicht minder wichtig sind – und vielleicht ob ihres Feinheitsgrades noch wichtiger als ein geeintes europäisches Stromnetz.

 

Schwerpunkt Deutschland: Das Investitionsbeschleunigungsgesetz

Die Energieerzeugung der Zukunft hängt maßgeblich von Windenergie sowie Solarstrom ab. Und über viele Jahre hinweg war es im Flächenstaat Deutschland mit seinen weiten Ebenen und diversen Höhenzügen auch relativ problemlos möglich, beide Varianten in Breite und Tiefe zu errichten.

Gegen Ende der 2010er verlangsamte sich der Prozess jedoch immer stärker. Anfang 2021 vermeldete die deutsche „Tagesschau“ sogar, dass der Windkraftausbau massiv stockt.

Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Es entstanden immer häufiger Widerstände – vor allem gegen die weithin sichtbaren und mit zahlreichen anderen Kritikpunkten belegten Windkraftanlagen.
  2. Die bundesdeutsche Planungs- und Genehmigungspolitik gilt als Hürde, da es die Komplexität erhöht und Verzögerungen produziert.

Hinter dem ersten Grund stand eine Tendenz: Zunächst hatten die Deutschen pragmatisch diejenigen windgünstigen Stellen bebaut, die in unkritischem Abstand zu Siedlungen lagen. Als dieser Platz jedoch durch den rasanten Ausbau schnell knapp wurde, kamen Windturbinen immer näher an Ortschaften.

Viele Bundesländer reagierten mit umstrittenen Abstandsregelungen, keines jedoch so deutlich wie Bayern. Dort führte die Landesregierung die „10-H-Regel“ ein – der Mindestabstand von Windkraftanlagen zu Siedlungen muss mindestens die zehnfache Gesamthöhe betragen – womit selbst die sehr großen Mindestabstände österreichischer Bundesländer meist übertroffen werden.

Mitte 2020 verabschiedete die Bundesregierung dann das „Investitionsbeschleunigungsgesetz“. Es brachte deutliche Erleichterungen für sämtliche infrastrukturellen Verfahren. Vielkritisiert wurde jedoch die Entscheidung, dass das Gesetz die Abstandsregeln zur Ländersache macht – für Verfechter der Energiewende waren bereits die zuvor in der großen Koalition aus CDU/CSU und SPD diskutierten, letztlich aber verworfenen 1000 Meter zu wenig; die gemeinnützige „Fachagentur Windenergie an Land“ beispielsweise empfiehlt je nach Lage noch deutlich geringere Mindestdistanzen.

Dennoch ist das Investitionsbeschleunigungsgesetz eine wichtige Weichenstellung für Deutschland und somit letztlich auch Europas Energiewende. Denn es räumt zumindest eine große Hürde für den Ausbau beiseite, was nach Ansicht vieler Experten deutlich besser als der vorherige Status quo ist.

 

Schwerpunkt Europa: Der Einzug von künstlicher Intelligenz

Wenn ein ganzes Land von einigen wenigen Dutzend Kraftwerken versorgt wird, dann ist die nötige Kontrolle auch mit vergleichsweise simpler Digitaltechnik möglich. Wenn jedoch Jahr für Jahr immer mehr große und kleine Stromproduzenten hinzukommen, wenn sich zudem immer mehr Anbieter auf dem Markt befinden und die früher gewohnten Prinzipien der Stoßzeiten immer mehr aufweichen, genügt das längst nicht mehr. Das gilt in Deutschland ebenso wie in jedem anderen Land.

An diesem Punkt ist es für die Energiewende nicht nur unserer nördlichen Nachbarn ein nicht zu ersetzendes Glück, dass künstliche Intelligenz (KI) seit dem Jahrtausendwechsel derartig massive Entwicklungsschübe in Richtung praktischer und universeller Anwendbarkeit erlebte.

Denn nur KI ist mit den richtigen Programmen in der Lage, diese riesige Datenmengen zu erfassen und zu lenken. Ohne Sie hätten die Energieversorger und alle anderen Beteiligten es unsagbar schwerer, einen Überblick zu behalten und dieses Netz der vielen Zu- und Abflüsse jederzeit zu steuern und zu analysieren.

 

Schwerpunkt Europa: Der Preisverfall bei Stromspeichern

 Der größte Kritikpunkt der beiden wichtigsten Säulen der Energiewende war und ist, dass weder Wind noch Sonne gänzlich bedarfsabhängig zur Verfügung stehen. Genau das ist jedoch die Bedingung: eine immer stärker auf Elektrizität ausgelegte Welt benötigt zwingend eine 24/7-Vollversorgung.

Hier allerdings zeigt sich aktuell ebenfalls eine Entwicklung, deren Timing kaum besser sein könnte: die Preisentwicklung bei Stromspeichern, ganz speziell bei der so wichtigen Lithium-Ionen-Technik:

  • 2010 kostete eine Kilowattstunde (kWh) Speicherkapazität 600 Euro.
  • 2015 war der Preis auf 275 Euro gesunken.
  • 2019 betrug der Preis bloß noch 139 Euro.

Auch die dahinterstehenden Gründe sind vielfältig:

  • Durch den dramatisch gestiegenen Bedarf an Akkumulatoren sowie die davon ausgelöste Forschung wurde und wird die Produktion immer wirtschaftlicher.
  • Die Zellen, auf denen jede Batterie basiert, werden immer stärker vereinheitlicht, sodass auch hier eine günstigere Produktion möglich wird.
  • Es werden immer effektivere Konzepte zum Recycling entwickelt, wodurch ebenfalls die Produktionskosten sinken.

Wie wichtig diese Entwicklung ist, lässt sich kaum ermessen. Beispielsweise sehen Experten dadurch in allernächster Zeit den Punkt gekommen, an dem Elektrofahrzeuge günstiger zu produzieren sind als solche mit Verbrennungsmotor – der mit Abstand wichtigste Hebel zu einem breitgesellschaftlichen Umstieg.

Zudem wird es dadurch immer günstiger, Stromspeicher in Unternehmen und Privatgebäude zu integrieren. Damit erhöht sich der Eigenverbrauch im Idealfall auf 100 Prozent – was im Gegenzug durch die verringerten Einspeisemengen die Überwachung und Steuerung der Netze vereinfacht.

 


Schwerpunkt Deutschland: Der Rollout 
von Smart Metern

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2016 wurde in der Bundesrepublik das „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ verabschiedet. Ein Werk das, ähnlich zur österreichischen Novelle des „Energiewirtschafts- und Organisationsgesetzes“, zwingend nötig war, um die rechtlichen Grundlagen einer weiteren wichtigen Weiche zu legen: Die Maßgabe, dass dereinst möglichst jeder Haushalt über digitale Smart Meter ständig seine Ist-Verbräuche übermittelt.

Einerseits erhöht dies natürlich nochmals das Datenaufkommen beträchtlich. Andererseits wird es auf diese Weise einfacher, die Notwendigkeit der perfekten Zu- und Abflüsse zu garantieren, ganz gleich wie sehr wechselnde Winde und sich ändernde Wolkenbedeckungen diese auch schwanken lassen.

Anfang 2020 wurden die ersten vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifizierten Smart Meter installiert – eine zentrale Maßgabe des deutschen Gesetzes war es, dass mindestens drei unterschiedliche Modelle hinsichtlich ihrer Datensicherheit zertifiziert sein müssen, bevor der Rollout beginnen kann; dies dauerte bis Ende 2019. Zum Vergleich für Österreich:

  • Ende 2019 waren 22,2 Prozent aller Zählpunkte mit Smart Metern versehen.
  • Ende 2020 waren 31,3 Prozent damit ausgestattet.

Zwar weniger, als der ursprüngliche Plan vorgab (Ende 2020 sollten es >80% sein), aber Deutschland stark voraus.

In der Bundesrepublik wird es wohl noch bis (mindestens) Mitte der 20er Jahre dauern, bis der Rollout alle Verbraucher bis hinab zu 6000 kWh/a erreicht hat.

 

Schwerpunkt Europa: Logistiker ziehen mit

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Die Logistikbranche gehört zu denen, die eine Menge Energie benötigen und somit direkt von den Entwicklungen in der Energiebranche abhängig ist.

Allerdings hat die Logistik auf der Herstellerseite ebenfalls eine besonders wichtige Rolle:

Denn wenn etwas sämtliche Logistikfirmen zwischen Nordkap und Sizilien eint, dann ist es die Ausdehnung ihrer Immobilien. Derartige Hallen bedecken bekanntlich problemlos mehrere tausend Quadratmeter – womit sie eine beinahe deckungsgleiche Dachfläche besitzen, die es wiederum ermöglicht, darauf eine enorm hohe Anzahl von Photovoltaikmodulen zu installieren, ohne dass dafür weitere Freiflächen in Anspruch genommen werden müssten.

Hier zeigt sich derzeit, dass die Überzeugungsarbeit, welche die Stromversorger und Netzbetreiber Europas in den vergangenen Jahren bei den Logistikern geleistet haben, langsam Früchte trägt.

Dadurch entstanden und entstehen jüngst immer mehr Hallenflächen, deren Dächer von Solarmodulen bedeckt werden – für den Verbrauch des Betriebs im Tagesgeschäft reicht das in der Regel allemal. Meist jedoch sind die Systeme, die im Rahmen sogenannter Power Purchase Agreements errichtet werden, deutlich leistungsfähiger ausgelegt. Dadurch erzeugen sie buchstäblich „Strom im Überfluss“, der nicht an anderer Stelle produziert werden muss.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich aktuell feststellen, dass wir in der jüngsten Vergangenheit, der Gegenwart und allernächster Zukunft, die wohl wichtigsten Schlüsselmomente der europäischen Energiewende vollziehen. Ein Ziel, das zu den umfassendsten und schwierigsten in der Geschichte des Kontinents und des ganzen Planeten gehört.

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