Übergabestationen werden zur Wettbewerbsinfrastruktur der letzten Meile
Paketstationen und Schließfachsysteme entwickeln sich zur strategischen Infrastruktur für Handel und Kommunen. Bleiben sie Wettbewerbsvorteil großer Anbieter oder werden sie offen für alle?
Paketstationen, Paketshops, lokale Übergabepunkte und automatisierte Schließfachsysteme gelten oft noch als reine Zusatzangebote der Paketbranche. Tatsächlich entwickeln sie sich zu einer strategischen Infrastruktur für Handel, Dienstleister, Kommunen und mittelständische Unternehmen. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Bleibt diese Infrastruktur vor allem ein Wettbewerbsvorteil einzelner großer Anbieter – oder wird sie künftig Teil einer offenen und allgemein zugänlichen Zustellinfrastuktur auf der letzen Meile (Dieser Artikel fokussiert auf die Situation in der „D-A-CH“ Region).
Die letzte Meile verändert sich. Lange wurde sie fast ausschließlich aus Sicht der klassischen Paketdienste betrachtet: Zustellung an die Haustür, alternative Ablageorte, Filialen, Paketshops und zunehmend Automaten. Inzwischen wird aber sichtbar, dass Übergabeinfrastruktur nicht nur ein operatives Zustellproblem löst. Sie beeinflusst Kundenzugang, Servicequalität, Retourenprozesse, lokale Handelsmodelle und die Wettbewerbsfähigkeit aller Anbieter. Und somit konkret erheblichen Einluss auf den Umsatz-seitens Logistik und Handel.
Der Ausbau läuft auf Hochtouren. DHL hat angekündigt, die Zahl der Pack- und Poststationen in Deutschland bis 2030 auf 30.000 nahezu zu verdoppeln; im Oktober 2025 nannte DHL bereits 16.500 Pack- und Poststationen als Ausgangsbasis. Auch DPD und GLS bauen ihr gemeinsames Out-of-Home-Netzwerk aus: Ziel ist ein anbieteroffenes Netzwerk mit 20.000 Standorten und 6.000 Automaten in 2027.
Amazon baut das eigene Netzerk an Lockern aus. Hinzu kommen unabhängige Anbieter wie Myflexbox, deren Netz in Österreich und auch Deutschland und Östereich dynamisch ausgebaut wird. Die Österreiche Post baut ihr Netzwerk ebenfals aus und setzt auf Kooperationen. Die Schweizer Regierung und Regulierung setzt verstärkt auf At-Home-Paketkästen. Weitere gewerbliche Betreiber setzen auf (Paket)stationen, da sie entweder die eigenen Umsätze (Click und Collect) oder für die Immobilienwirtschaft den Wohnwert steigern (Home Station). Diese Entwicklung ziegt, dass hier eine neue Schicht der lokalen Logistikinfrastruktur entsteht.
Übergabestationen als Wettbewerbsinstrument
Für große Paketdienste liegt der Nutzen auf der Hand: Out-of-Home-Zustellung reduziert Fehlzustellungen, bündelt Sendungen und kann die Zustellkosten senken. Auch aus Kundensicht steigt die Flexibilität, weil Abholung und Aufgabe zeitlich unabhängiger werden. Studien und Marktanalysen beschreiben Out-of-Home-Zustellung als wichtigen Hebel gegen Kosten, fehlgeschlagene Zustellungen und ineffiziente letzte-Meile-Prozesse; Studien zeigen, dass hier erhebliche Kostenvorteile gegenüber reiner Haustürzustellung möglich sind. Für Unternehmen außerhalb der klassischen Paketbranche kann ebenfalls ein wirtschaftlich relevanter Nutzen entstehen: Click & Collect außerhalb der Öffnungszeiten, Annahme und Rückgabe von Reparaturen, generell längere Servicezeiten und mehr Service-Orte zu ohne eigene Filialnetze oder dauerhafte Personalpräsenz. Wenn Kundinnen und Kunden zudem aus dem E-Commerce 24/7-Abholung, einfache Retouren und transparente Benachrichtigung gewohnt sind, entsteht ein Erwartungsstandard, den lokale Unternehmen oft nciht wirtschaftlich abbilden können.
Öffentliche Relevanz: Infrastruktur oder proprietärer Vorteil?
Damit stellt sich eine ordnungspolitische Frage: Ist Übergabeinfrastruktur auf der letzten Meile ausschließlich private Betriebsinfrastruktur einzelner Unternehmen? Oder hat sie zumindest teilweise den Charakter einer öffentlich relevanten Infrastruktur, weil sie Zugang zu Märkten, Versorgung und lokaler Wertschöpfung beeinflusst?
Das neue deutsche Postgesetz (Postrechtsmodernisierungsgesetz — PostModG
weist bereits in diese Richtung, ohne diese Frage vollständig zu beantworten. Die deutsche Bundesnetzagentur führt nach § 11 PostG einen digitalen Atlas zur Postversorgung.
Dieser soll Transparenz über Annahme- und Zustellstrukturen einschließlich Produktangeboten schaffen und Postinfrastrukturdaten erfassen, aufbereiten und veröffentlichen. Unter anderem werden Zahl und Verteilung von Filialen, Automaten und Briefkästen sowie Qualitätsmerkmale der postalischen Grundversorgung geregelt.

Bei propritären Infrastrukturen erfolgen die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen intern – der massive Ausbauch durch die großen Postgesllschaften zeigt, was das Ergebnis der Kalkulation war.
Bei geteilter Infrastruktur müssen alle Beteiligte eine wirtschaftliche Perspektive haben: Betreiber investieren in Hardware, Standorte, Software, Wartung, Sicherheit, Kundenservice und Haftungsprozesse. Diese Investitionen müssen sich rechnen. Die Nutzung der Infrastuktur muss daher angemessen vergütet werden, um den Ausbau zu fördern. In der Immobilienwirtschaft werden z.B. Zustellanlagen für Pakete vorwiegend im höherpreisigen Segment angeboten- aus gesamtwirtschaftlicher Betrachtung bleiben hier Potenziale ungenutzt.
Übergabeinfrastruktur braucht Standards
Technisch ist die Öffnung anspruchsvoll. Eine Station ist nicht nur ein Schrank mit Fächern. Sie ist Teil eines Prozesses: Buchung, Kapazitätsprüfung, Identifikation, Benachrichtigung, Einlage, Entnahme, Fristen, Störungen, Räumung, Haftung, Datenschutz und Abrechnung. Wer Übergabeinfrastruktur breiter nutzbar machen will, muss deshalb nicht nur über Standortanzahl sprechen, sondern über Interoperabilität. Dazu gehören standardisierte Schnittstellen, Rollen- und Berechtigungskonzepte, Mindestinformationen zu Standort, Fachgrößen und Verfügbarkeit, Regeln für Statusmeldungen sowie verlässliche Daten für Abrechnung und Qualitätssicherung, rechliche Klärungen. Die interoperabe Vernetzung der vielen unterschiedlichen Beteiligten ist eine anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe.
Fazit: Die letzte Meile
Der Ausbau von Paketstationen und Out-of-Home-Netzen ist ein deutliches Signal: Die letzte Meile wird stärker stationär, digital und infrastrukturbasiert. Für Paketdienste ist das ein Effizienz und Wettbewerbsthema. Für Handel und KMU ist es ein Wettbewerbsthema. Für Kommunen und Regulierung kann es zu einem Versorgungs- und damit Regulierungs- und Gestaldtungsthema werden.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, wie viele Stationen gebaut werden. Entscheidend ist, wer sie nutzen kann, zu welchen Bedingungen, für welche Anwendungsfälle und mit welcher Transparenz. Wenn Übergabeinfrastruktur ausschließlich proprietär gedacht wird, stärkt sie vor allem die Marktposition derjenigen, die bereits über Kapital, Standorte und Volumen verfügen. Wenn sie dagegen intelligent geöffnet wird, kann sie lokale Wirtschaft, regionale Liefermodelle, neue Services und faire Wettbewerbsbedingungen unterstützen.
Die Antwort auf diese Fragen wird mitentscheiden, ob Paketstationen nur ein weiterer Effizienzbaustein großer Logistiknetze werden – oder ob daraus 1) eine offene Infrastruktur für unterschiedliche Paketdienste und Logistiker und 2) neue Geschäftmodelle und Bernetzung der lokalen Wirtschaft entsteht. (RED)
LOGISTIK express Journal 3/2026 I&E – Intralogistik & E-Commerce



