Brexit: Das Projekt Europäische Union und die Psychologie der Katze

4. März 2019 10:25
Brexit: Das Projekt Europäische Union und die Psychologie der Katze

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Katzen sind faszinierende Wesen. Sie haben einen starken Willen und lieben ihre Unabhängigkeit. Manchmal sind sie anschmiegsam und freundlich, im nächsten Moment fahren sie ihre Krallen aus. Schon der deutsche Dichter Ludwig Tieck sagte: „Katzen haben gerne offene Türen – für den Fall, sie entscheiden sich doch anders.“ In Europa leben 47 Katzen, 28 davon im engen Familienverband. Eine möchte aktuell die Familie verlassen, dafür warten andere darauf, ins Rudel integriert zu werden. Doch können so viele Katzen unter einem Dach glücklich sein?

Redaktion: Angelika Gabor.

Natürlich geht es hier nicht wirklich um Katzen, wenngleich es natürlich ein spannendes Thema wäre. Und so ganz von der Hand zu weisen sind gewisse Parallelen nicht, oder? Nehmen wir England als Beispiel. Seit vielen Jahren Mitglied – aber nicht so ganz, die eigene Währung blieb – und mit etlichen Privilegien ausgestattet, fasste es den denkbar knappen Entschluss, die Familie zu verlassen. Nun ist die Tür offen, aber plötzlich gibt es Bedenken, denn es könnte ja auch Nachteile bringen, wieder alleine draußen zu sein. Also verweilt England an der Schwelle… noch nicht draußen, aber auch nicht richtig drinnen, Blick hinaus. Bereit, jeden anzufauchen, der eine Entscheidung erzwingen möchte.

„Deal or no deal“
Am 29. März 2019 soll das Vereinigte Königreich die EU verlassen, nachdem am 23. Juni 2016 51,89 Prozent der Wähler dafür gestimmt hatten. Allerdings läuft es alles andere als planmäßig, denn der ausverhandelte Vertrag über den EU-Austritt fand in britischen Parlament keine Zustimmung. Nun befindet sich die Chefverhandlerin Theresa May, Premierministerin des Vereinigten Königreichs, in einer Pattsituation: die EU lehnt Nachverhandlungen ab, im eigenen Land wird der Vertrag abgelehnt, und die Uhr tickt. Das Wunschszenario sieht vor, dass das britische Parlament dem Austrittsabkommen zustimmt, das Vereinigte Königreich während einer Übergangsphase bis 2021 alle EU-Regeln einhält und auch weiter Beiträge zahlt, allerdings ohne Mitspracherecht in EU-Gremien (wozu über etwas mitbestimmen, was einen dann nicht mehr betrifft).

Ein besonders heftiger Knackpunkt ist die Akzeptanz der vier Bedingungen des Binnenmarktes – freier Verkehr von Gütern, Kapital, Dienstleistungen und Personen – denn die Personenfreizügigkeit ist May und ihrer Partei ein großer Dorn im Auge, für die EU aber nicht verhandelbar. Am anderen Ende der Skala steht der „harte Brexit“ ohne jegliche EU-Teilmitgliedschaft oder assoziierte Mitgliedschaft. In diesem Fall würde das Vereinigte Königreich aus dem europäischen Binnenmarkt, der Zollunion und aus der Jurisdiktion des Europäischen Gerichtshofs ausscheiden.

Als Damoklesschwert über den zukünftigen Handelsbeziehungen schwebt allerdings der ungeregelte Brexit, als„no deal“. Denn da müssten in der Nacht auf den 30. März wieder Grenzkontrollen in Nordirland – der neuen EU-Außengrenze – stattfinden, gleichzeitig wären wieder Zölle fällig. Und – fast wie Sabotage – es gäbe auch keine Kabotage (mehr). Eine Simulation von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg brachte das Ergebnis, dass dadurch weltweit 612 000 Menschen ihren Job verlieren werden – rund 100 000 davon allein in Deutschland. Besonders die Automobil-Industrie und ihre Zulieferer würden unter einem Brexit ohne Kooperationsabkommen und Zollunion leiden. Die Forscher rechnen mit einem Importeinbruch von 25 Prozent, die höchst wahrscheinlich sinkende Investitionsbereitschaft kommt erst noch dazu.

Was den Briten aktuell sicher sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass viele international agierende Unternehmen bereits begonnen haben, ihre Standorte zu verlegen. Die restlichen EU-Mitglieder liefern sich eine Anbiederungsschlacht, um möglichst attraktiv zu sein. Eine Befragung des Beratungskonzerns EY ergab, dass jedes siebente in Großbritannien aktive Unternehmen seine Geschäftsbereiche verlagern möchte – bevorzugt nach Deutschland, Frankreich oder in die Niederlande (in diesen Ländern wächst auch Katzenminze).

Objektiv betrachtet sitzen alle Verhandlungs“partner“ auf zu hohen Rössern, als dass es eine Einigung geben kann. Das mag aber auch daran liegen, dass jeder natürlich nur den eigenen Vorteil im Blick hat. Wie bei so vielen Themen geht es um Macht, leider schlägt diese schon bald in Ohnmacht um. Jene britischen Politiker, die glaubten, durch ein Ablehnen des Abkommens Nachverhandlungen und damit mehr Vorteile für ihr Land herausholen zu können, lagen damit leider absolut falsch. Meiner Meinung nach entstehen dem baldigen Einzelkämpfer aus wirtschaftspolitischer Sicht wesentlich mehr Nachteile durch den Austritt als Vorteile. Aber der Schweiz geht es doch auch gut, und die ist nicht in der EU! Dieser Vergleich hinkt, da diese einerseits nie Mitglied war und andererseits sehr viele bi- und multilaterale Abkommen geschlossen hat. Hinzu kommen die Größe des Landes – und die wirtschaftliche Ausrichtung, die nicht vergleichbar sind. Auch jene Politiker, die glauben, dass die EU einen ungeordneten Austritt verhindern und bei strittigen Fragen/Forderungen einlenken wird, sollten sich schon mal auf einen rauen Wind gefasst machen.

Laut Entscheidung des EuGH vom Dezember 2018 kann ein Mitgliedsstaat eine abgegebene Austrittsabsichtserklärung auch wieder einseitig zurückziehen – damit wäre der Brexit abgeblasen. Klar, ein gewisser Scherbenhaufen wäre bereits da, aber den kann man wieder zusammenkehren. Wie sagt das Sprichwort so schön? Wer mit Katzen spielt, darf Kratzer nicht scheuen. Nach dem Brexit brauchen wir alle die Hausapotheke – so oder so. (AG)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 1/2019

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LOGISTIK express®, Markus Jaklitsch
E-Mail: info@logistik-express.at
Homepage: https://www.logistik-express.com/

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