Wachstum ohne Ende? GrenzüberschreitendeE-Commerce im Jahr 2025
China, Cross-Border E-Commerce und die Zukunft der EU-Zollabwicklung: Neue Perspektiven durch das PPZ-Modell.
Der europäische E-Commerce-Markt erlebt 2025 einen neuen Höhepunkt – angetrieben durch die dynamische Entwicklung chinesischer Marktplätze. Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress dominieren das Feld mit zweistelligen bis dreistelligen Wachstumsraten im Bruttowarenvolumen (GMV). Diese Dynamik stellt die europäische Logistik, insbesondere die Zollsysteme, vor erhebliche Herausforderungen – und könnte durch innovative Modelle wie die Postal Prosperity Zone (PPZ) neue Impulse erhalten.
Mythen & Realitäten: Chinas Marktplätze spielen derzeit eine entscheidende Rolle. In europäischen Medien werden Anbieter wie Temu oder Shein häufig als aggressive Discounter beschrieben, die über eine Vielzahl von Kleinverkäufern billige Waren nach Europa bringen.
Die Realität ist differenzierter: China macht mittlerweile weit mehr als die Hälfte des globalen E-Commerce-Marktes aus, dort werden 50+% des Einzelhandelsumsatzes im E-Commerce erwirtschaftet, der dortige Markt ist 2,5 mal größer als die USA und 3mal größer als ganz Europa, China sorgt für 45%+ des globalen grenzüberschreitenden E-Commerce.
Dazu ist China seit einigen Jahren unbestrittener Technologieführer im E-Commerce, die IT-Systeme und das rund um den E-Commerce aufgebauten digitale Ökosystem im Bereich Zahlungssysteme, Logistik und Paketversand, sind mit weitem Abstand führend und dem derzeitigen europäischen Technologie-Standard mittlerweile um etwa 2-3 Jahre voraus – Abstand ebenfalls steigend. Vier Konzerne – Alibaba Group, Pinduoduo (die Muttergesellschaft von Temu Temu), JD.com und Douyin (TikTok China) sind neben Amazon die weitaus größten globaen Marktplätze und kontrollieren über ihre Tochterfirmen und Partner auch zentrale Teile der logistischen Infrastruktur.
Das Drei-Kreise-Modell des chinesischen E-Commerce
Der strukturierte Aufbau des chinesischen E-Commerce lässt sich in drei konzentrischen Kreisen beschreiben:
1. Marktplätze & Händler: Vier Konzerne – Alibaba Group, Pinduoduo (die Muttergesellschaft von Temu Temu), JD.com und Douyin (TikTok China) sind neben Amazon die weitaus größten globaen Marktplätze und kontrollieren über ihre Tochterfirmen und Partner auch zentrale Teile der logistischen Infrastruktur.
2.. Logistik-Dienstleister: Diese Marktplätze nutzen ein dichtes und technologisch weltweit führendes Ökosystem an Dienstleistern, um die Geschäftsprozesse zu unterstützen und um Marketing, Payment, Logistik und die Supply Chain zu steuern. Die Alibaba-Gruppe, der mit Abstand weltgrößte Marktplatz, ist gleichzeitig der Anbieter eines der beiden weltgrößten digitalen Payment-Systeme (AliPay), der größte
chinesische Anbieter von IT-Cloudlösungen (AliCloud), sein Logistik-Dienstleister Cainiao ist für das Management und die Steuerung eines weltweiten Netzwerkes an Fulfillment-, Transport- und Zustelldienstleistern verantwortlich.
3. Logistik-Carrier: Expressdienstleister wie SF Express, YTO oder ZTO übernehmen Fluglogistik, Zollvorbereitung, Intralogistik und Übergabe an Postdienste oder eigene Netze. Diese Carrier
betreiben eigene Frachtflugzeugflotten und konsolidieren Sendungen am Gateway, bevor sie über Verträge mit Postdiensten (teils unter Inlandskosten) auf der letzten Meile zugestellt werden.

Das Gateway-Modell: EU-Zollreform und IOSS
Mit der Covid19-Pandemie und vor allem der Einführung des Import-One-Stop-Shop (IOSS) am 1. Juli 2021 hat der grenzüberschreitende E-Commerce in die EU einen tiefgreifenden Systemwechsel vollzogen. Die Einfuhrumsatzsteuer kann seitdem bereits beim Onlinekauf entrichtet und zentral an die Finanzbehörden im ausgewählten EU-Einfuhrland abgeführt werden. In diesem Modell wurde somit die konsolidierte Einfuhr von E-Commerce-Sendungen an einem Standort für die ganze EU möglich, wenn auch beschränkt auf Sendungen mit einem Warenwert unter 150 EUR (das entspricht jedoch 85+% aller E-Commerce Sendungen). Damit wurde das IOSS-Modell sofort „das“ attraktive Modell für die großen internationalen Marktplätze, die dazu im Rahmen derselben Reform für die Umsatzsteuer der Händler haftbar gemacht wurden. Marktplätze achten auf Kosten- und Zeitoptimierung – also wurden jene EU-Mitgliedsstaaten identifiziert, die für eine solche nunmehr mögliche, konsolidierte Einlieferung in die EU am attraktivsten waren.
In der Praxis führt das zu einer massiven Verlagerung der Verzollung auf wenige, strategisch gewählte Länder und Gateways – etwa Amsterdam, Lüttich, Maastricht oder neuerdings Budapest. Dort gab es effiziente Flughäfen mit kompetitiven Kosten und – der entscheidende Faktor – Zollbehörden, sie sich nicht als reine Sicherheitsbehörden, sondern auch als Partner der Wirtschaft sehen, insbesondere über hohe technische und digitale Kompetenz verfügten, dazu gut ausgebaute Infrastruktur im Bereich Dienstleister und Fulfillment.
Österreich und Deutschland hingegen werden derzeit nach Möglichkeit gemieden – zu hohe Kosten, zu langsame Prozesse, zu wenig digitalisiert. Nur jene Sendungen, für die keine effiziente Konsolidierung möglich ist, landen in den traditionellen Zollsystemen dieser Länder. Wien fungiert derzeit als „Überlauf-Flughafen“ für Budapest – wenn dort keine Kapazitäten mehr frei sind, wird notgedrungen in Österreich verzollt.
Spannungsfeld Sicherheit vs. Attraktivität vs. Kapazität
Gleichzeitig verschärft sich die Lage an mehreren Fronten: Der aktuelle Handelskonflikt macht Europa noch attraktiver, Volumina werden weiter nach Europa verlagert. Über 4 Mrd. Sendungen Kleinsendungen alleine jährlich aus China bringen die Systeme (und die attraktiven Standorte) an ihre Belastungsgrenze. Die Zollprüfungskapazitäten (Technologie/Automatisierung in Verbindung mit Personal) sind bei Weitem nicht ausreichend, ein Fak, das seit vielen Jahren allgemein bekannt ist.
Viele EU-Mitgliedsstaaten können die EU-Regulierung möglichen Kontrollprozesse nicht effizient abbilden. Importeure verfügen über alle denkmöglichen Daten und digitalen Dokumente, die jedoch von Zollbehörden mangels technischer Kapazitäten nicht empfangen und verarbeitet werden können. Die Folge: Intransparente Sendungen, mangelhafte Produktkonformität und potenziell erhebliche Steuerausfälle. Eine Reform der Kontrollarchitektur ist dringend erforderlich – ohne den grenzüberschreitenden Handel grundsätzlich zu gefährden (was natürlich aus Sicht lokaler Händler und vor allem des stationären Handels ein erstrebenswertes Ziel sein könnte).
Klare Ziele wären
Die notwendigen Daten und Dokumente digital vorab vollständig und korrekt zu erhalten, optimalerweise auch über das zwingend geforderte Maß hinaus Daten und Dokumente einzufordern, die die Kontrollqualität steigern: Die notwendige Überprüfungen effizient und möglichst automatisiert umzusetzen, möglichst unter Nutzung moderner AI/ML-Modelle. Die bereits vor Ankunft der Sendungen diese Vorab-Prüfung abgeschlossen zu haben und die „richtigen“ bzw. riskanten Sendungen für Inspektionen ausgewählt zu haben. Diese Sendungen (ergänzt um Zufalls-Stichproben) dann auch unter Nutzung moderner Technologie und Automatisierung efffizient zu inspizieren (derzeit sind die zu geringe Zahl an Zollbeamten in Verbindung mit weitgehend manuellen Prozessen der große Kapazitäts-Engpass).
Postal Prosperity Zone (PPZ) setzt auf digitale und effiziente Zollinfrastruktur
Hier setzt das vom UPU Consultative Committee (CC) initiierte Modell der Postal Prosperity Zone (PPZ) an. Im Pilotprojekt in Oradea (Rumänien) wird unter andrem im Bereich der datenbasierten, vollautomatisierten Verzollung gearbeitet, wir versuchen, hier in Zusammenarbeit mit großen außereuropäischen Versendern und Technologiedienstleistern eine Lösung zu finden, die den neuen und auf zukünftigen Anforderungen entspricht. Die Idee: Ein skalierbares Modell zu schaffen, das auf andere Standorte ausrollbar ist – standardisiert und lokalisierbar.
Das Projekt wird von der rumänischen Post und dem rumänischen Zoll getragen und soll am Flughafen Oradea pilotiert werden. Ziel ist, die im Überfluss vorhandenen Daten und Dokumente der Versender zu nutzen, verarbeiten zu können, moderne und vorhandene Technlogie für Riskoanalyse und automatisierte Verarbeitung zu nützen und vor allem den klassischen Engpass im Verzollungsbereich, den Mangeln an qualifizierten Zollbeamten, durch Automatisierung, Digitalisierung und Work-Sharing-Modell mit Support-Personal zu beheben und die Zollbehörden diesbezüglich zu entlasten. (RED)
Der logistic-natives e.V. ist Mitglied des Conultative Committees des Weltpostvereins, arbeitet entscheidend an der Umsetzung der PPZ und nimmt somit direkten und aktiven Einfluss auf die Gestaltung des Marktes. Wer Interesse an einer Mitarbeit im internationalen Netzwerk der logistic-natives hat, kontaktiert bitte Florian Seikel (Florian.Seikel@logistic-natives.com).



