eCommerce Logistik-Day: Dem Wachstum mit Köpfchen begegnen

Die Wiener Albert Hall stand am 25. September einmal mehr im Mittelpunkt der österreichischen E-Commerce-Szene. Rund 120 E-Commerce-Logistiker und Branchenspezialisten ließen sich bei der 4. Auflage des eCommerce Logistik-Day – einer Kooperationsveranstaltung des Instituts des Interaktiven Handels mit der Zeitschrift LOGISTIK Express – von neuen Ideen und Lösungsansätzen für die E-Commerce-Logistik inspirieren.

Redaktion: Karin Walter.

Im Online- und Omnichannel-Handel klingelten auch im Jahr 2018 wieder kräftig die Kassen. Mehr als 65 Milliarden Euro wurden von den Internethändlern in Deutschland im vergangenen Jahr aus dem Verkauf von Kleidung, Schuhen, Elektronikartikeln und Co. erzielt. Gemessen am gesamten deutschen Einzelhandelsumsatz ist damit jeder achte Euro in den Internethandel geflossen. Nach jüngsten Einschätzungen des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel wird es der Branche noch in diesem Jahr gelingen, die 70 Mrd. Euro-Marke zu überspringen.

Der österreichische E-Commerce-Markt steht der Wachstumsdynamik des deutschen Marktes heutzutage in keiner Weise mehr nach. Im Gegenteil: Betrachtet man die jährlich getätigten Online-Einkäufe pro Kopf, zählt Österreich sogar zu den europäischen Spitzenreitern. Besonders die neuen technischen Möglichkeiten des Wareneinkaufs stoßen bei den Österreichern auf starkes Interesse: Mehr als ein Viertel der Online-Kunden kauft im Internet bereits via Smartphone ein. Sechs Prozent der Österreicher lässt sich beim Shopping im Netz sogar schon von sprachgesteuerten Assistenten unterstützen. Nach Aussage von Rainer Will, Geschäftsführer des österreichischen Handelsverbandes, wächst das Online-Geschäft in der Alpenrepublik mittlerweile achtmal schneller als der Warenverkauf im stationären Handel. Die Akteure auf dem österreichischen Paketmarkt gehörten im vergangenen Jahr mit einem Umsatzwachstum von 27 Prozent gegenüber 2017 zu den stärksten Profiteuren dieser Entwicklung.

Dem Wachstum mit Optimierungsmaßnahmen begegnen!

Auf dem 4. eCommerce Logistik-Day wurde deutlich: Die Wachstumsdynamik der Branche bringt für die Marktakteure zwar viele Chancen mit sich – es resultieren daraus aber auch viele Herausforderungen: Verstopfte Straßen prägen zunehmend das Bild in den Innenstädten. Retourenberge und die massenhafte Vernichtung zurückgesendeter Kleidungsstücke, Wellnessprodukte oder Elektrogeräte sind in der gesellschaftspolitischen Debatte bereits zu einem Dauerbrennerthema geworden. Auch bei den Branchenvertretern selbst verstärken sich die Sorgenfalten: Paketdienstleister kommen der Päckchenflut mancherorts bereits nur noch mit großen personellen Anstrengungen nach. Auch die Logistiker in den Paketfabriken selbst beklagen immer größere Schwierigkeiten, die wachsenden Bestellmengen schnell und effizient abzuarbeiten.

„Die Frage, ob in den Logistikzentren stärker automatisiert werden muss, ist heutzutage so gut wie überflüssig“, stellte Bernd Kratz, Gesellschafter und Mitbegründer des Instituts des Interaktiven Handels und Moderator des 4. eCommerce Logistik-Day in seinem Eingangsstatement provokativ fest. Durch den sich immer weiter verschärfenden Fachkräftemangel und die zunehmende Alterung der Gesellschaft stelle sich für die Branche zum Thema Automatisierung lediglich „die Frage nach dem wie und wann“. Aus seiner langjährigen Erfahrung als Vorstand bei Conrad Electronics sowie als Logistik- und Management-Berater heraus warnte Kratz die nach Wien gereisten Logistikpraktiker jedoch davor, bei Automatisierungsvorhaben in operative Hektik zu verfallen. „In den allermeisten Fällen lässt sich ein deutliches Mehr an Produktivität bereits durch Optimierungsmaßnahmen entlang der Logistikprozesskette heben, so dass die Automatisierung erst danach als Schritt erfolgen kann“, so Kratz.

Automatisierung auch in den Micro-Hubs ein Thema!

Auf dem eCommerce-Logistik-Day wurde deutlich: Der für den wirtschaftlichen Erfolg der E-Commerce-Branche entscheidende Faktor Zeit führt gegenwärtig bereits zu einer verstärkten Umverteilung der Handelsgüter auf citynah gelegene Warenverteilzentren. Doch was bedeutet das für die E-Commerce-Logistik an sich? Haben die in der Branche altbewährten Zentrallagerstrukturen in Zukunft ausgedient? Und macht es angesichts dieser Entwicklung überhaupt noch Sinn, größere Automatisierungsprojekte mit teils mehrjähriger Laufzeit an den zentralen Logistikstandorten durchzuführen? Winnie Ahrens, Sales Managerin beim Logistiksystemanbieter Dematic GmbH, hält die Tendenz zur Endkundenbelieferung aus kleinen, regionalen Warendepots für eine logische Entwicklung, die aus den technischen Errungenschaften der vergangenen Jahre resultiert. „Durch Predictive Analysis-Methoden und Big Data lässt sich heutzutage bereits sehr gut voraussehen, wann ein Kunde ein neues Fahrrad bestellt“, bemerkte Ahrens im Rahmen einer Podiumsdiskussion. „Das ist ein Punkt, der uns künftig weiter in die Lage versetzen wird, Waren schon sehr weit vor dem genaueren Bestellzeitpunkt des Kunden in Micro-Hubs in  Nähe des Kunden zu transportieren.“

Auch für die beiden Intralogistikspezialisten Peter Bimmermann, Geschäftsführer der AutoStore System GmbH, und Peter Stöger, Managing Product Manager beim Grazer Logistikautomatisierer KNAPP AG, sind klare Tendenzen auf dem Markt erkennbar, die Endkunden künftig vermehrt aus kleinen, regionalen Warendepots zu beliefern. „Kleinstautomatisierungsprojekte mit kurzen Durchlaufzeiten von wenigen Wochen oder Monaten werden den Wettbewerb in der Branche noch einmal deutlich verschärfen“, glaubt Peter Stöger von KNAPP. Ähnlich wie er sieht auch Peter Bimmermann von AutoStore in den über die vergangenen Jahrzehnten Zentrallagerkonzepten des Handels jedoch auch in Zukunft eine klare Notwendigkeit und Daseinsberechtigung. „Hochautomatisierte Lager bieten den Unternehmen auf der einen Seite den Vorteil, die volle Sortimentsbreite vorhalten zu können. Auf der anderen Seite gewährleisten sie einen Logistikbetrieb mit voller Power.“ Für den erfahrenen Intralogistikexperte besteht deshalb kaum ein Zweifel: Groß angelegte Automatisierungsvorhaben werden auch künftig das Bild in der Handelslogistik prägen.

Pünktlichkeit und schnelle Verfügbarkeit sind die entscheidenden Faktoren!

Der Beitrag von Helmut Lindinger, dem Geschäftsführenden Gesellschafter der H. Gautzsch Großhandel Bayern GmbH, einer führenden deutschen Großhandelsgesellschaft für Elektrotechnik, gab Aufschluss darüber, an welchen Kriterien sich die Umsetzung eines Lagerkonzeptes heutzutage festmachen lässt. Die Unternehmensgruppe hat sich in den vergangenen Jahren bewusst dazu entschieden, die bisher praktizierte dezentrale Lagerstrategie durch den Aufbaus dreier Zentrallagerlager in Münster und Rathmannsdorf in Passau zu ersetzen. An den neu geschaffenen Logistikstützpunkten setzt das das Unternehmen angesichts der verstärkten Kundenwünsche nach schneller Warenverfügbarkeit, pünktlicher Lieferung und großer Produktvielfalt auf flexible und hochautomatisierte Logistikprozesse. Mit großem Erfolg: Online-Bestellungen, die in Rathmannsdorf bis 21:00 Uhr bestellt werden, stehen beim Kunden bayernweit bereits am nächsten Morgen um 7:00 Uhr zur Anlieferung bereit. Ermöglicht wird dies durch eine roboterbetriebene AutoStore-Anlage, die für schnelle Durchlaufzeiten sorgt und Platz für 70 bis 80 Prozent der angebotenen Artikelpositionen bietet.

Ein breites Spektrum vom Wearable bis hin zur Künstlichen Intelligenz!

Für die in der Albert Hall zahlreich vertretenen Logistikpraktiker, Logistiklösungsanbieter und Dienstleister bot der diesjährige eCommerce Logistik-Day erneut einen interessanten Einblick in die neuesten technologischen Trends in der Intralogistik. In einem Gemeinschaftsbeitrag mit Bernhard Bachofner, dem Geschäftsführenden Gesellschafter der Fiegl & Spielberger Solution GmbH verdeutlichte Sascha Stranz, Technical Project Manager bei der Windhagener Geutebrück GmbH, dass sich zahlreiche Aufgabenstellungen im Lager heute schon durch die Nutzung künstlich intelligenter Videotechniken gelöst werden können. Auch das noch junge Technologieunternehmen ProGlove nutzte den eCommerce-Logistik-Day, um der breiten Öffentlichkeit die Einsatzmöglichkeiten und Vorteile des freihändigen Scannens mit Hilfe eines Handschuhs vorzustellen.

 

HUBERT – ein innovatives Wiener Citylogistik-Projekt!

Last-Mile-Logistik „Made in Austria“: Dazu präsentierte Doris Pulker-Rohrhofer, Geschäftsleiterin beim Hafen Wien sowie Gründungs- und Vorstandsmitglied des österreichischen DamenLogistikClubs auf dem Podium des eCommerce Logistik-Day einen zukunftsorientierten und interessanten Ansatz: Der vom Hafen Wien erst vor Kurzem aus der Taufe gehobene Zustell-Service HUBERT. HUBERT verfolgt das Ziel, die Warenbelieferung der innerstädtischen Gewerbebetrieben nachhaltig zu optimieren und umweltfreundlicher zu gestalten. Das mit der Durchführung des innovativen Citylogistik-Konzeptes beauftrage Mobilitätslabor Thinkport Vienna setzt bei der Wareneinlagerung auf die am Hafen Freudenau verfügbaren Lagerflächen. Dort werden die Waren konsolidiert und den jeweiligen Auslieferungstouren in die Wiener Innenstadt zugeteilt. „Durch die Bündelung der Paketströme verfolgen wir das Ziel, unnötige Mehrfachfahrten komplett aus Warenverteilung zu eliminieren“, schilderte Pulker-Rohrhofer.

Bei dem neuen Zustellservice setzt der Wiener Hafen auf den Einsatz zweier emissionsneutraler Elektrofahrzeuge. Die enge Kooperation mit den Wiener Lokalbahnen, die am gleichen Standort beheimatet sind, ermöglicht es den Betreibern des Citylogistik-Hubs – je nach Auslastung – zusätzlich auch auf einen Pool von 120 Elektrofahrzeugen zuzugreifen. „Wir setzen damit auf die optimale Ausnutzung von Synergieeffekten vor Ort und legen Wert auf die Auslastung sämtlicher vorhandender Ressourcen“, so die Leiterin des Hafens Wien. Positiver Nebeneffekt des neuen Zustellservices: Das Zustellpersonal ist nicht nur mit der zeitgerechten Auslieferung beauftragt – die Mitarbeiter sind gleichzeitig dazu angehalten, sich um die Mitnahme von Retouren, die Entsorgung von Kartonagen sowie den Versand auf der ersten Meile zu kümmern.

 

Networking in gehobenem Ambiente!

Am Ende eines mit Informationen prall gefüllten Tages konstatierte Bernd Kratz, der durch den Tag unterhaltsam und mit gewohnt spitzer Zunge führte: „Der eCommerce Logistik-Day hat sich in den vier Jahren seines Bestehens nicht zu einer exzellenten Informationsbörse für die Logistiker der Handelsbranche entwickelt. Er hat darüber hinaus auch schon manch einem Marktakteur zum Anbahnen interessanter neuer Geschäftsbeziehungen verholfen. In diesem Sinne stellte Kratz zum Abschluss des eCommerce Logistik-Day 2019 bereits sicher: „Wir – das Institut des Interaktiven Handels sowie die Zeitschrift Logistik express – werden das spannende Veranstaltungsformat auch im Jahre 2020 weiter fortführen. Außerdem sind im kommenden Jahr auch zwei Logistikreisen für den E-Commerce und Omnichannel-Handel geplant, zu denen wir alle Besucher des eCommerce Logistik-Day sehr gerne willkommen heißen. (WAL)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 4/2019

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