Wie sich die Pisec Group im Stahlhandel neu erfindet

Allein mit den Stahlprodukten ist es immer seltener getan. Wenn ein metallverarbeitender Betrieb größere Mengen an Rohwaren oder Halbfertigprodukten beschafft, müssen sich seine Verantwortlichen verstärkt mit Fragen im Zusammenhang mit der Finanzierung, Logistik und bestmöglichen Aufbereitung der benötigten Sortimente beschäftigen.

Auch das Zollthema gewinnt, hervorgerufen durch die verschärften Antidumping-Bestimmungen in der Europäischen Union sowie in Nordamerika, an Relevanz. Je größer die Bestellung ausfällt, umso genauer müssen die Käufer darauf achten. Es stellt sich die Frage, was die Unternehmen in Eigenregie bewerkstelligen und wo sie auf die Dienste von spezialisierten Partnern und Lieferanten zurückgreifen.

Die Pisec Group mit Firmensitz in der Gusshausstraße im 4. Wiener Gemeindebezirk betätigt sich seit den 1950er Jahren im internationalen Stahlhandel. „Wir sind Stahl und haben Stahl im Blut“, sagt CEO Patrick Teischl, MSc selbstbewusst. Der 32-jähriger Manager steht an der Spitze eines Teams mit aktuell 60 Mitarbeitenden, das rund 750.000 Tonnen Stahlprodukte im Jahr bewegt und für 2019 einen konsolidierten Umsatz in der Höhe von etwa 450 Mio. Euro ausweist. Durch den Einstieg in das Segment der Flachprodukte hat das Unternehmen das Geschäftsvolumen seit 2015 mehr als vervierfacht. Es scheinen also sehr viele richtige Entscheidungen getroffen worden zu sein.

Dazu gehörte auch die kritische Hinterfragung des lange Zeit erfolgreich praktizierten Geschäftsmodells. Der Ein- und Verkauf von Stahlwaren ist durch das Internet sowie die zahlreichen Social Media-Kanäle so transparent geworden, dass ihn jeder gute Kaufmann theoretisch selbst in die Hand nehmen könnte, vorausgesetzt er besitzt die notwendigen Kontakte zu den Produzenten. Dieser Gefahr begegnet die Pisec Group mit einem breit gefächerten Portfolio, das neben dem internationalen Handel mit Lang- und Flachsortimenten auch die kundenspezifische Aufbereitung jedes einzelnen Artikels, die Lösung von Finanzierungsfragen sowie die Steuerung der Transport- und Zolllogistik einschließt.

So ist aus dem nach wie vor in Familienbesitz befindlichen Traditionsbetrieb ein Anbieter mit der Befähigung zur schnellen Lieferung so ziemlich aller Arten von Stahlprodukten geworden. „Stahlkord für die Reifenindustrie und Schlauchdrähte sind seit jeher unsere Kernkompetenz. In den letzten Jahren haben wir uns im Marktsegment der Stahlplatten etabliert“, erläutert Patrick Teischl im Gespräch mit der Zeitschrift LogEASTics. Die Bestellmengen der Kunden aus Europa sowie Nord- und Südamerika liegen in der Bandbreite von 200 bis 20.000 Tonnen. Im Beschaffungswesen bestehen langjährige Partnerschaften mit Stahlindustrien in Weißrussland, Russland, Bosnien und Herzegowina, Indien, Südkorea beziehungsweise China für Lieferungen nach Lateinamerika.

Man gehe seit einigen Jahren noch mehr auf die Kundenbedürfnisse ein, heißt es seitens der Pisec Group. Dafür wurde ein Steel Service Center auf dem Europort Terminal im belgischen Seehafen Antwerpen errichtet und am 4. Dezember 2019 feierlich eröffnet. Als Grundlage dafür diente die Übernahme der Firma Zimmer Staal. Der Spezialist für die Herstellung von Flachstahl-Zuschnitten mit ergänzenden Bearbeitungsschritten investierte den Verkaufserlös in den Bau einer neuen Lagerhalle mit 17.500 m² Fläche und einer Kapazität für rund 40.000 Tonnen Stahlprodukte. Die Ware wird per Seefracht – sowohl Breakbulk als auch Containerfrachten – angeliefert, entladen, zwischengelagert, kundenspezifisch aufbereitet und auf Abruf entweder per Lkw oder Binnenschiff zu den Kunden in Westeuropa versandt.

In Österreich tritt die Pisec Group mit ihren Produkten selten in Aktion. „Es gibt hier leistungsfähige Stahlindustrien mit gut eingespielten Vertriebsstrukturen“, erklärt Patrick Teischl. „Daher konzentriert sich unser Wirken hier auf Spezialprodukte für Anwendungen in Marktnischen.“ Diese kommen mehrheitlich aus Ost- und Südosteuropa, wobei die Abwicklung der Transportlogistik mehrheitlich in Form von Lkw-Transporten erfolgt. Die Lieferkontrakte per Binnenschiff ab Antwerpen beziehen sich in den meisten Fällen auf deutsche Großabnehmer entlang der Flüsse Rhein und Main. Dabei profitiert das internationale Handelshaus von der direkten Anbindung des Europort-Terminals sowohl an die Dienste der Hochsee- als auch der Binnenschifffahrt.

Bei etwa 80 Prozent aller Transporte der Pisec Group spielen Seefrachten ein Rolle. Die Bahnlogistik konzentriert sich auf Vorlauftransporte vom Stahlwerk des weißrussischen Top-Lieferanten BMZ in die Seehäfen Klaipeda (Litauen) und Odessa (Ukraine). Je nach Aufkommen und Beschaffenheit der Stahlwaren werden die einzelnen Lots konventionell oder in Containern verschifft. Die zuletzt genannte Variante dominiert die Transportlogistik für empfindliche Spezialprodukte. Für sie dienen die Container sozusagen als Verpackung und damit als Schutz vor schlechten Witterungseinflüssen. Sie müssen nur in einer ausreichender Anzahl vorhanden sein, was in Antwerpen für gewöhnlich kein Problem darstellt. Nur in den nächsten Wochen könnte das Coronavirus die gut eingespielten Prozesse stören.

„Antwerpen ist für uns ein angenehmer Hafen, geprägt von der großen Stahlkompetenz der ortsansässigen Lager- und Umschlagbetriebe“, zieht Patrick Teischl den Hut. Was die Pisec Group hier besonders schätzt, sind die in großer Anzahl vorhandenen Verbindungen auf dem Seeweg in die und aus den für sie relevanten Beschaffungs- und Liefergebieten auf der Welt, ergänzt um die direkten Anschlüsse an die Binnenschifffahrt. Dazu kommen Logistikdienstleister mit profunden Kenntnissen über die Feinheiten in der Stahlbranche. Sie sind dem Unternehmen generell wichtig, was die Zusammenarbeit mit DIenstleistern wie die Lex Spedition im Verkehrsgebiet Südosteuropa oder mit Rhenus Logistics erklärt.

JOACHIM HORVATH

Quelle: oevz.com

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