Gemeinsam statt einsam
Eine gemeinsame europäische Handelspolitik als Antwort auf Zollprobleme? Flexible Transportkonzepte zur Aufrechterhaltung der Wertschöpfungskette? Die Lage ist ernst, aber es gibt Lösungen. Logistik express im Gespräch mit Oliver Wagner, Geschäftsführer Zentralverband Spedition & Logistik, über die aktuelle Wirtschaftssituation und die Antworten der Logistikbranche.
Redaktion: Angelika Gabor
Welche Auswirkungen sehen Sie national und international durch die US-Zollpolitik?
Die Zollpolitik der Vereinigten Staaten, insbesondere unter protektionistischen Tendenzen Präsident Trumps, hat sowohl global als auch in Europa erhebliche Auswirkungen auf Lieferketten und Handelsvolumina. Österreich ist als exportorientiertes Land besonders von einer funktionierenden Welthandelsordnung abhängig. Wenn die USA Zölle auf europäische Produkte erheben oder bestehende Handelsabkommen infrage stellen, entstehen Unsicherheiten für heimische Exporteure – und damit auch für ihre logistischen Abläufe. Internationale Warenströme reagieren sensibel auf solche Eingriffe, da sie zusätzliche Kosten, Zeitverzögerungen und Komplexität verursachen. Auch indirekt kann die US-Zollpolitik Österreich betreffen – etwa wenn deutsche Industriegüter, die über österreichische Logistikzentren exportiert werden, in den Fokus geraten. Solche Entwicklungen gefährden Planungssicherheit und führen zu Umwegen oder Verlagerungen von Transportflüssen. Gerade in dieser komplexen Lage wird deutlich, welche zentrale Rolle die Speditionsunternehmen spielen: Sie sind nicht nur von solchen geopolitischen Veränderungen betroffen, sondern entwickeln aktiv alternative Lösungen für Industrie- und Handelsunternehmen. Flexible Transportkonzepte, Umroutungen, Zoll- & Lager-logistik aus einer Hand – all das trägt dazu bei, dass Wertschöpfungsketten aufrechterhalten werden. Die österreichische Speditionswirtschaft ist somit auch ein Stabilitätsanker und Lösungsanbieter in geopolitisch schwierigen Zeiten.
Welche Lösung kann es hier geben?
Lösungen liegen vor allem in einer gemeinsamen europäischen Handelspolitik, die sich koordiniert für faire und regelbasierte Zölle einsetzt. Spediteure können dabei einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie nicht nur Transporte organisieren, sondern ganze Supply-Chain-Prozesse optimieren und Risiken managen. Wichtig dafür sind jedoch Rahmenbedingungen, das Investitionen in moderne und nachhaltige Logistiklösungen fördern.
Wie wirken sich die Inflation und die Rezession auf die Warenströme und Transportmengen aus?
Inflation und Rezession hinterlassen massive Spuren: Konsum und Investitionen sind zurückhaltender, was sich direkt auf Transportvolumina auswirkt. Besonders in Bereichen wie dem Einzelhandel oder der Bauwirtschaft sinken die Gütermengen spürbar. Der Rückgang der Industrieproduktion im Euroraum führt dazu, dass auch Vorprodukte seltener transportiert werden müssen. Gleichzeitig steigen für Logistikunternehmen die Betriebskosten – sei es durch Energiepreise, Löhne oder Finanzierungskosten. Diese Kombination aus sinkender Nachfrage und steigenden Kosten setzt viele Betriebe unter Druck.
Wie geht es der Branche in Österreich? Wo liegen die größten Herausforderungen?
Die österreichische Logistikbranche ist neben dem Heimmarkt traditionell stark in Zentral- und Osteuropa positioniert. Von dort kommt aber auch einiges an Konkurrenz. Gerade Ungarn, die Slowakei , Slowenien und Polen haben in den letzten Jahren sehr stark aufgeholt. Zu den zentralen Herausforderungen für den Logistikstandort Österreich zählen: Infrastrukturengpässe, etwa entlang der Brennerachse oder bei der Baustellenkoordination zwischen Asfinag und ÖBB und unseren Nachbarländern Deutschland und Italien. Fachkräftemangel, insbesondere bei Lkw-Fahrer, Disponenten und IT-Fachkräften. Regulatorischer Aufwand, etwa durch neue EU-Vorgaben wie das Lieferkettengesetz oder die CO2-Maut. Dekarbonisierungspflichten, die viele Unternehmen technisch wie finanziell fordern. Gerade beim Klimaschutz ist klar: Die Branche will Teil der Lösung sein – doch dazu braucht es technologieoffene Förderung und realistische Übergangsfristen. In diesem Zusammenhang ist das neue ENIN-Förderprogramm von besonderer Bedeutung: Es unterstützt gezielt Investitionen in emissionsfreie Nutzfahrzeuge und Lade- bzw. Betankungsinfrastruktur. Damit schafft ENIN einen essenziellen Anreiz, um die Dekarbonisierung in der Fläche überhaupt erst möglich zu machen.

Wann sehen Sie eine Verbesserung, was ist nötig, um diesen Prozess zu beschleunigen?
Eine nachhaltige Erholung hängt stark von der globalen Konjunktur, Energiepreisen und geopolitischer Stabilität ab – unter der Voraussetzung, dass wirtschaftspolitisch die richtigen Weichen gestellt werden. Um den Erholungsprozess zu beschleunigen, braucht es: Planbare, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Bessere Koordination von Infrastrukturprojekten, um Engpässe zu reduzieren. Förderung von klimafreundlicher Logistik, insbesondere durch Programme wie ENIN, die gezielt emissionsfreie Technologien in den Markt bringen. Stärkung multimodaler Verkehre, etwa durch eine Attraktivierung des Kombinierten Verkehrs. Bürokratieabbau bei Behördenprozessen. Zentral ist: Spediteure können nur dann ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit und Klimawende leisten, wenn sie nicht gleichzeitig durch administrative und finanzielle Hürden ausgebremst werden.
Stichwort Innovation – was ist neu, was ist geplant, was ist möglich?
Innovation ist der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit: Viele österreichische Logistikunternehmen investieren in smarte Lagertechnik, Echtzeitverfolgung von Lieferketten, automatisierte Disposition und emissionsarme Antriebstechnologien. Auch intermodale Lösungen – also die intelligente Verknüpfung von Straße, Schiene und Binnenschiff – gewinnen an Bedeutung. Geplant ist eine stärkere Zusammenarbeit mit Start-ups und Technologieanbietern, etwa im Bereich KI-basierter Tourenoptimierung, Lastprognosen oder digitalen Frachtbörsen. Möglich ist viel – aber es braucht Investitionssicherheit, rechtliche Klarheit und förderliche Rahmenbedingungen, damit diese Technologien auch breit umgesetzt werden können.
Stichwort Digitalisierung: wo stehen wir, und wie wird es weitergehen?
Die kommenden Jahre werden durch standardisierte Schnittstellen und durchgängige Datenvernetzung entlang der Lieferkette geprägt sein. Digitale Transportmanagementsysteme, elektronische Frachtdokumente (eCMR), Echtzeit-Tracking und automatisierte Disposition werden immer wichtiger. Deshalb braucht es gezielte Förderprogramme für die Transformation sowie Aus- und Weiterbildungsoffensiven. (RED)
Quelle: LOGISTIK express Journal 2/2025: Transport & Logistik



